Mit fremden Federn (in der Art von St. Lem): Stirn und Dominiak ersinnen den idealen Staat

Innerhalb weniger Minuten waren sowohl das erste, als auch das zweite Flausen-Lemma niedergeworfen. (c) Heinz-Karl Bogdanski
Die unübertrefflichen Großdenker und Omnikreateure Stirn und Dominiak hatten beschlossen, das Problem des idealen Staates ein für alle mal zu lösen. Stirn saß, den Blick starr auf das weiße Blatt vor ihm, an einem winzigen Tischlein. Auf dem fand gerade die Schreibmaschine Platz, in die er das ungeduldige Papier vor vielen Tagen eingespannt hatte. Dominiak lief seit dieser Zeit auf und ab. Augenscheinlich waren beide stark im Denken begriffen.
Die Luft war greifbar erfüllt mit knisternden Wesenheiten, Gedanken und Inspirationen, die, durch den angestrengten Geist herbeigelockt, zu ungeheurer Dichte zusammengepfercht wurden. Nur so bestand Hoffnung, dass sie wechselwirkten und durch Rekombination und Permutation Neues ergaben.
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G C Lichtenberg (4): Hydra und Hydrocephalus
Der Mensch ist vielleicht halb Geist und halb Materie, so wie der Polype halb Pflanze und halb Tier. Auf der Grenze liegen immer die seltsamsten Geschöpfe. [D159]
Oder-Neiße-Friedensgrenze?
Die Spiegelmetapher: Zwei Spiegel, einander vorgehalten
Sicher kennen Sie das: Zwei Spiegel, einander vorgehalten. Wenn derer beider Flächen so gedreht sind, dass sie sich genau parallel zueinander finden, erzeugen sie plötzlich eine endlose Reihe einander wiederzeugender Spiegel, so dass sich die Illusion einer eröffneten Dimension, einer neuen Räumlichkeit ergibt. So stelle ich mir die Beziehung zwischen Sein und Bewusstsein vor.
Ah!, Wiederspiegelungstheorie werden Sie jetzt gelangweilt sagen. Nicht ganz. Eigentlich ganz und gar nicht. Warten Sie es ab!
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Joethen nochma.
Kleena Notenwechsel, inbetreff Joethens:
STAATSDICHTER II
Der Goethekenner spricht verwirrt:
Es strebt der Mensch solang er irrt.(een Freund)
DICHTERSAAT
Der irre Mensch zum Stichwortgeber:
Auch Goethe war ein übler Streber.
(icke)
Goethe in Pittsburgh
Wär nicht das Auge sonnenhaft
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?(J. W. v. Goethe)
Ungerechtfertigte Rechtfertigungen (2): Heimzahlungsideologien.
Zweite Seminarstunde: Die Sonderrechte der Opfer. Heimzahlungsideologien.
Nicht folgt aus dem Opfer-sein ein gerechtfertigter Anspruch auf Aggressivität, allgemeine Heimzahlung und wüstes Gebaren. Ich bin keine prinzipielle Gegnerin von Wildheit und Zerstörung. Es gibt bisweilen Gründe. Ich bin sehr dagegen, das mit Opfersein zu rechtfertigen. Opfersein begründet vieles, aber es rechtfertigt nichts.
Szenen (1): Du bis Out!
Ungefähr zweimal im Jahr trifft sich der Verband der Szenekneipen in einem ihrer Mitglieder und bestimmt über Neuaufnahmen und Ausschlüsse. In jedem anderen Verband gibt es einen Tagesordnungspunkt “Sonstiges”. Hier nicht. Der Verband verfolgt eben keine sonstigen Interessen, ausser dem einen eminent wichtigen, wer dazugehört und wer nicht.
Diesmal hat es das “Große Nichts” am Zionskirchplatz getroffen. Es ist out.
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Ungerechtfertigte Rechtfertigungen (1): I-did-it-the-hard-way
Grund, Ursache, Rechtfertigung: Es ist jetzt nicht so, dass jeder Mensch jederzeit diese Begriffe mit der nötigen Trennschärfe voneinander scheidet. Dabei könnte die Welt ein Garten sein, mindestens aber ein Blumenbeet, wenn gerade an dieser Stelle größere gedankliche Sorgfalt walten würde.
Das Problem kommt nicht von ungefähr, es hat eine Ursache (Einen Grund? Eine Berechtigung?). Unsere schöne deutsche Sprache nämlich hält nur ein einziges Fragepronomen bereit, das nach allen Begründungen zugleich fragt; es heisst: “Warum?”. (Mit “Wieso” und “Weshalb” muss jetzt niemand herumfuchteln; ist klar, warum?)
Woher soll der Gefragte dann wissen, ob die Erkundigung nach der Ursache, nach seinen Gründen oder nach seiner Rechtfertigung geht? Er fällt, je nach Veranlagung, Zusammenhang und Gefühlslage einmal in diesen und einmal in jenen Modus der Begründung. Konfusion, Ärger, Chaos und Krieg sind die Folge.
Als wäre die pronomenmangelbewirkten Verheerungen nicht fatal genug, kommt es auch innerhalb der rechten Kategorien ständig zu Fehlern und Irrtümern. Da gibt es vorgeschobene Gründe, scheinbare Ursachen, oder Ursachen, die in Wirklichkeit lediglich Korrelationen sind. Es gibt gründelnde Gründe und Spitzfindigkeiten. Man konstruiert, oder bildet sich was ein. Man vertauscht Ursache und Wirkung. Man unterstellt und projiziert. Kurz, das Reich der Begründungen ist ein Morast, in dem auch der ehrenhafteste Wille zum Zusammenhang schliesslich versinken und verfaulen muss.
Ich müsste von Sinnen sein, wollte ich den faulen Pfuhl noch abziehn. Es wär’ für dieses mal schon höchsterrungen, wenn ich nur Klarheit in eine dieser Kategorien brächte. Und so nehme ich mir die einfachste unter ihnen her.
Es folgt das Seminar über ungerechtfertigte Rechtfertigungen. (mehr…)
Die Anzahl der Götter (1)
Felix Bartels hat mir durch seinen Blog-Eintrag “Goethesdienst” ein altes Vorhaben wieder ins Gedächtnis gerufen. Dieses, ein Piece darüber zu schreiben, wie sich die Anzahl der Götter im Laufe der Zeit beständig verringert hat. Zu dem Zweck hatte ich eigens den Tiele/Söderblom konspektiert; dann ist mir die Sache, wie das so manchmal geschieht, aus den Augen geraten.
Scharf im Auge jedoch, vom Parnassos hinübergleissend:
Wir sind naturforschend Pantheisten, dichtend Polytheisten, sittlich Monotheisten. (J.W. v. Goethe)
Und Atheisten? Wann sind wir Atheisten?
Atheisten sind wir, wenn wir ehrlich sind. (Calendula alias Ina Eff)
Wie Renate beinahe eine Kröte wurde

"Renate und die Kröte tauschten ihre Kleider." (c) 2008 Ekkehard Müller
Morgen würde Renate sechs Jahre alt werden. Herrje, war Sie aufgeregt.
Eigentlich gefiel Renate durch Huld und Würde, aber wenn ihr Geburtstag nahte, dann konnte sie nicht einschlafen, selbst wenn ihre Eltern es befahlen.
Der Grund war natürlich, dass sie es nicht aushielt, endlich die Geschenke auspacken zu dürfen. Sie wusste auch schon genau, was in ihnen sein sollte: Ein rosa Kleid mit Glitzer und Puffärmeln, dazu eine silberne Strumpfhose. Passend ein paar rote Ballettschuhe und – das war das wichtigste – eine Prinzessinnen-Krone.
Die Eltern hatten langweilige Vorschläge gemacht, was Renate sich besser wünschen sollte: Eine Schreibtafel mit Kreiden. Neue Malfarben mit sauberen Pinseln. Knete, die nicht ausgetrocknet war. Und so weiter.
“Liebe Eltern”, hatte Renate versetzt, “ich muss den Eindruck gewinnen, dass ihr mich nicht ernst nehmt.”
Dieses Tadels wollten die Eltern nicht schuldig sein. So kam es, dass Renate in ihren Geburtstagspaketen genau das Prinzessinnen-Zubehör fand, das sie sich gewünscht hatte. Rosakleid mit Glitzer und Puffärmeln, Silberstrumpfhose, dazu die roten Schuhe. Und die Krone.
Renate jubelte: “Vater!”, rief sie ein ums andere mal, und: “Mutter!” – und wusste vor Entzücken gar nicht, was sie noch an Dankesworten hinzufügen sollte. Stracks zog sie all die Herrlichkeiten an und hüpfte durch die Wohnung.
Sie kam in die Küche, wo sie aus der Spülmaschine eine schartige Stimme zu hören meinte: “Hübsches Kind, komm näher!” Wie Sie aber voll Neugier nachsah, schnellte ihr etwas entgegen, sie wurde in die Spülmaschine hinein gezogen und ehe sie sich versehen hatte schlug die Klappe hinter ihr zu.
“He”, rief sie, “ich bin doch kein Teller!”
“Na und”, antwortete die schartige Stimme, “ich bin ja auch keine Gabel.”