Einer journalisierten Welt wird die Schmach eines lebensunfähigen Nachwuchses erspart sein (…) Nein, der Bankert aus Journalismus und Hysterie pflanzt sich nicht fort! 

(Karl Kraus, „Apokalypse“)

Der Worte sind genug gewechselt! Die Wechselstube, in der ihr Kurs täglichen Verfall erlitt, heißt öffentliche Meinung und ihre Notenpresse ist die Presse, die von der Not handelt. Das Gerücht, die Medien erfüllten einen Informationsauftrag, ist eine uralte, ranzige, von ihnen selbst verbreitete Lüge. Sie informierten nie und sie erfüllten nie einen Auftrag. Die Medien lieferten immer nur ein vereinheitlichtes Sozialisationsubstrat und darüber hinaus gar nichts.

Auf diesem Substrat gedeiht die öffentliche Meinung. Anhand ihrer Vokabeln setzen sich die Menschen zueinander ins Verhältnis. Ein gemeinsames Drittes, auf das sich ihre Begriffe beziehen könnten, existiert nicht. Deshalb ist die Mediensprache kein Code, der Informationen über die Welt vermittelt. Sie ist ein Auslöser von Reflexen. In der Regel sind es lustvolle Reflexe des gemeinschaftlichen Urteilens, des wechselseitigen Einvernehmens und des kollektiven Gruselns.

Auch das ist nicht mehr richtig. Selbst die Sache mit dem Sozialisationssubstrat ist durch. Die Bewegung war die Parabel von einem lokalen Substrat – Dorfklatsch & Hoftratsch – zum globalen Substrat – Abendnachrichten & Weltstars – zurück zum lokalen: Facebook & global village. Die Rückkehr zum selbstgemachten Gerücht nahm den Medien alles was sie nie besassen. Ihre heutige Funktion beschränkt sich auf das Ausstossen von Entsetzens-, Jammer- und Warnlauten um das Herdenverhalten zu synchronisieren. Die höchste, kunstreichste Wirkung, die sie erstrebt, ist das Entfachen einer allgemeinen Hysterie.

Der Worte sind genug gewechselt. Das Wort zählt keinen Pfifferling. Buchstaben sind Gegenstand von Schriftdesignern. R.I.P. – rest in press, Sprache! Was bleibt? Wie liesse sich, ohne das entehrte Wort über allen Anstand zu quälen, noch Kenntnis von der Welt vermitteln?

— Zahlen! Zahlen sind die Worte der Stunde, Zahlen sind die Vokabeln dieser Zeit! Vor Zahlen graut es Journalisten. Zahlen eignen sich nicht zum Sozialisationssubstrat. Über sie geht nicht, Meinungen zu haben. Zahlen sind widerständig, subversiv, einfältig, groß, störrisch, klein. Zahlen ergründen keine Substanz, vermitteln keine Struktur, haben keine Schönheit und keinen Klang. Dennoch ist ihrer Schmucklosigkeit alles eingeformt; alles, wie die Welt den Monaden Leibnizens.

Zahlen haben die dunkle Zeit der Kirche beendet. Deren verwaiste Cathedra erklommen dann die Medien. Das Dunkelmännertum wurde durch die Druckerschwärze ersetzt. Zahlen jedoch werden auch die Presse entthronen. Was danach kommt, läßt sich nicht sagen. Zahlen sind Sprachlosigkeit. Sie stehen an der Sprache Ende und sie stehen an ihrem Anfang.

Ich mache einen Anfang, ich bringe Zahlen. Sehr wenige, sehr unkommentierte Zahlen aus dem Jahre 2011 n. Chr.

Im Jahr 2011 n. Chr. leiden über eine Milliarde Menschen Hunger. Knapp 9 Millionen, die meisten von ihnen Kinder, werden daran sterben. Dies ist fast 250 Jahre nach der Erfindung der Dampfmaschine, ein Viertel Jahrtausend also, nachdem die Menschheit in die Lage kam, dem Hunger als Naturgewalt zu trotzen.

Im Jahr 2011 n. Chr. gibt es über 200 Millionen Arbeitslose weltweit, von denen 3 Millionen in Deutschland leben. Man darf doch „leben“ sagen?

Im Jahr 2011 n. Chr. sind über 15.000 Menschen in Japan an den Folgen eines Tsunamis gestorben; etwa 5000 wurden verletzt.

Im Jahr 2011 n. Chr. wird es mindestens 4000 Verkehrstote allein in Deutschland geben, weltweit sind es weit über eine halbe Million. Nach wie vor übertrifft die Gefährlichkeit des Automobils die Gefährlichkeit fast aller anderen Maschinen und Technologien.

Im Jahr 2011 n. Chr. finden 33 bewaffnete Auseinandersetzungen, vulgo Kriege statt. Die meisten von ihnen sind innerstaatlich und köcheln auf kleiner Flamme. Die Zahl ihrer Opfer wird dennoch in die Zehntausende gehen.

Im Jahr 2011 n. Chr. läßt sich die Weltwirtschaft schon im vierten Jahr mit weltweit rund 2000 Milliarden US $ stützen. Dieses Geld stammt aus allgemein erhobenen Steuern. In Deutschland allein beläuft sich die Summe aus Finanzmarktstabilisierungsgesetz und den Konjunkturpaketen I und II auf 464 Milliarden Euro. Derweil sind die Kommunen auf Jahrzehnte verschuldet; die Sozialwirtschaft wird aufs Absehbare, wie im Sozialismus selig, Mangelverwaltung bleiben.

– Soweit erste Zahlen. Ihre Auswahl ist erratisch. Es gäbe noch viele andere Zahlen. Über das Gesundheitssystem zum Beispiel, über die Rentenentwicklung, über die Verteilung der Reichtümer, über Waffen- und Menschenhandel, über Kindersoldaten, über verhängte & vollzogene Todesstrafen usw. usf.

Aber, verehrter Leser, haben Sie nicht bereits durch diese wenigen Zahlen eine ganz ausserordentliche Erholung erfahren? Ist es nicht wunderbar gemütslindernd, solch einfache, starke Zeichen nur anzuschauen? Denn das deutsche Gemüt im Jahr 2011 n. Chr. bedarf ganz dringend der Linderung. Die Mediensprache nämlich, und keine andere, als die, von der eingangs die Rede ging, hat es in einen chronisch entzündlichen Zustand versetzt:

2011 ist das Jahr, in dem sich fast 100.000 Deutsche in spontanen Demonstrationen und Petitionen organisieren, weil ihr Verteidigungsminister sich seinen akademischen Doktortitel erschwindelt hat. Das hat das deutsche Gemüt über die Maßen ergrimmt. Wie milde dagegen war es gestimmt, als derselbe Minister ein paar hundert – oder tausend? – Soldaten zu einigen der besagten 33 Kriege abkommandierte!

2011 ist das Jahr, in dem die Deutschen ihre Regierung zum Ausstieg aus der Atomkraft zwingen, weil in Japan ein atomares Kraftwerk havariert ist. Die Katastrophe war eine Folge des oben erwähnten Tsunamis. Den Tsunami mit seinen 15000 Toten konnte man eben noch verkraften. Er ging ja aufs Konto der Natur. 30 verstrahlte Arbeiter des havarierten Kraftwerkes aber überstiegen das Maß des Erträglichen. Verständlich, denn sie gingen aufs Konto der Atomlobby. Im Jahre 2011 n. Chr. hält es der Deutsche für gottlos, im mindesten aber unsittlich und vermessen, die Natur beherrschen zu wollen. Ausgesöhnt mit dem Tsunami leben, das ist sein Trachten.

2011 ist das Jahr, in dem die Deutschen einen guten Monat lang den Atem anhalten, weil eine Durchfallerkrankung grassiert und 37 Tote fordert. Der Verdacht fällt auf verschiedenes Gemüse. Von der spanischen Gurke springt er auf die norddeutsche Tomate. Als schliesslich die Schuldfrage geklärt werden kann – die niedersächsischen Sprosse wars! – geht große Erleichterung durchs Land. Erwartungsfroh blickt man in den anbrechenden Sommer.

Gewiss überschauen Sie längst, verehrter Leser, was es mit den Zahlen auf sich hat. Nichts ist natürlicher und Zahlen stärker eingeboren, als sich zueinander ins Verhältnis zu setzen. Ich muß reinweg gar nichts dazu tun. Sie tun es ganz von selbst. Man erkennt das Muster. Man erkennt sich selbst.

Sie mögen nun in einem Anflug von Enttäuschung einwenden, die Zahlen seien wohlbekannt und ihre wiederholte Nennung ein hohles Betroffenheitsritual. — Sehen Sie, genau das ist es! Wie kann man sich an diese Zahlen gewöhnen? Warum bleibt das Wissen um diese Zahlen so folgenlos? Verdient denn Wissen, das keinen Willen mehr gebiert, geschweige denn handlungsrelvant wird, überhaupt seinen Namen? Ist es nicht das deutliche Anzeichen einer veritablen Wahrnehmungsstörung, daß wir – sogar in Kenntnis der krassesten Mißverhältnisse! – unsere Erregung an Gegenstände verschwenden, die ganz und gar unwürdig und nebensächlich sind?  Der Einwand nämlich wird zum Symptom. Die Krankheit heißt Maßlosigkeit. Das Erlahmen vor den Zahlen zeigt den Verlust der gesunden Maßkunst an. Intelligenz ist das Vermögen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Nie war dieses Vermögen dringender benötigt als im Jahr 2011 n. Chr. Nie war es stärker abhanden.

Es kann sein, daß die gebrachten Zahlen nicht aufs Komma stimmen. Zehn, zwanzig Prozent Abweichung gebe ich gern zu. Es kommt auf die Größenordnungen an. Unsere Zeit handelt an ihren Aufgaben vorbei. Denn einer Zeit, der der Sinn für Größenordnungen fehlt, der muß auch jede Ordnung fehlen und jede Größe.

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