Verblödung durch Drüberreden. Anmerkungen, Rechtfertigungen, Weiterungen.

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Mich ereilte Kritik.

Mich ereilte Kritik. Ein Glück! Sonst wäre der Aufsatz jetzt zu Ende und ich müsste die Spülmaschine ausräumen. So kann ich das Geschirr leise rotten lassen und weiter schreiben. Das Ende ist das schönste Ende, nach dem es immer weiter geht. Ich bitte dann, selbstredend, um Kritik zur Kritik!

Na gut. Im Folgenden soll ein paar Einwänden entgegnet, einige Verdeutlichungen vorgenommen, einige Implikationen ausgeführt werden. Das Ganze soll nicht aus den Nähten platzen, aber doch im Mindesten drei Punkte verklaren: Erstens, die Frage, ob Stereotype vielleicht aus thesenökonomischen Gründen gebildet werden. Zweitens möchte ich den Einwand entkräften, meine Ideen würden allzusehr Handeln gegen Wahrnehmen setzen. Und drittens will ich ein paar heikle philosophische Implikationen der Idee skizzieren, dass Reden stets auch Sozialisationshandlung sei.

Sind Stereotype thesenökonomisch sinnvoll?

Mein Freund Erhardt Barth ist ein kluger Mann und ein KI-Forscher. KI bedeutet künstliche Intelligenz. Er hat einen guten Einwand gebracht; ob es ein Einwand ist oder eine Weiterung soll im folgenden untersucht werden.

Erhardt wandte mir ein, dass Stereotype durchaus sinnvolle Wirklichkeitsmodelle sein können, wenn man sich nämlich gezwungen findet, aus den Erfahrungen weniger Einzelfälle eine Hypothese abzuleiten.

Nehmen wir einmal an, unser Hirn wäre eine Art Problemlösemaschine, deren Funktion (zumindest zum Teil) darin bestünde, Hypothesen über die Wirklichkeit herzustellen. Diese Hypothesen sollen der Bewältigung der Wirklichkeit dergestalt dienen, dass mit ihrer Hilfe halbwegs verlässliche Aussagen über künftig eintretende Szenarien möglich würden. (Nichts anderes ist eine Hypothese, als eine Funktion, die von einer endlichen Anzahl an Beispielereignissen auf weitere (im besten Fall alle) Ereignisse der selben Kategorie extrapoliert.)

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Verblödung durch Drüberreden — Hämophektiken des Stereotypverfertigens

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Teil 1 : Wie aus Vielfalt Einfalt wird.

Rassismus ist ja eine Form von Dummheit. Soll jetzt mal kein Urteil sein, sondern eine Feststellung. Denn unzweifelhaft zeugt von Einfalt, alle Übel der Welt einer bestimmten Sorte Mensch anzulasten. Das wunderbare Wort „Einfalt“ faßt den ganzen Unsinn wie kein anderes: Die mannigfachen Ursachen des sich-so-Zutragens unserer Geschichte werden durch den Rassisten in eine einzige gefaltet: Der Jude wars, oder der Kanake, der Neger, der Muselmann.

Gewiss, es gibt Abstufungen der Schuldzuweisungen. Also etwa, dass der Kanake nur Schuld auf sich lädt, wenn er in unser Land kommt, während der Jude auch dann Schuld hat, wenn er bleibt, wo er ist. Oder der Muselmann, der schlimmer ist als der Neger, weil er vorsätzlich brandschatzt und mordet, während sich dieser durch abnorme Schnakselsucht inklusive Kinderindieweltsetzen eigentlich nur seiner dräuenden Altersarmut erwehren will. Und so weiter.

Schön blöd, das alles, nicht wahr? Wie aber kommt es dann, dass so viele Menschen anfällig für solche oder ähnliche Stereotype sind? Selbst kluge Menschen, selbst Leute mit ansonsten unbestechlichem Verstand? Selbst Leute, die vielleicht täglich ganz normalen Umgang mit Juden oder Türken pflegen?

Am Grunde des Durchschauens rassistischer Stereotype nämlich verbleibt eine Frage, die meines Erachtens immer noch ungelöst ist. Sie lautet: Wie kommt es zu der seltsam vereinheitlichten Wahrnehmung einer gemischten Gruppe von Menschen durch eine gemischte Gruppe von Menschen? Welcher Mechanismus bewirkt, dass aus Vielfalt Einfalt wird?

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November 89: Warum hatte der Slogan „keine sozialistischen Experimente“ Erfolg?

(Den folgenden Text habe ich am 9.11.2015 in nt Halle anlässlich einer Podiumsdiskussion zum Mauerfall vor 26 Jahren vorgetragen. Die Diskussion diente der Vorstellung des Buches „War das die Wende, die wir wollten„? Teilnehmend waren: Burga Kalinwoski (Journalistin), Matthias Brenner (Intendant), Peter-Michael Diestel (Anwalt) und Harald Jäger (Grenzer).)

Für mich (als Naturwissenschaftler) gibt es eine klare Verbindung zwischen „Experiment“ und „Leben“. Experimentieren, das heisst ergebnisoffenes Handeln in einer unterbestimmten Welt; das heisst, sich einlassen auf das Unbekannte; das heisst, aus Scheitern lernen wollen. (Nichts führt ja eher ins Scheitern, als krampfhaftes nicht-scheitern-wollen.) Dass Leben und Experimentieren als gesteuertes, rückgekoppeltes Handeln in komplexen Umfeldern sehr viel gemeinsam haben, geht zurück auf die Philosophen des Pragmatismus (da besonders auf John Dewey) und wurde in neuerer Zeit u.a. durch den französischen Philosophen George Canguilhem mit Blick auf die Naturwissenschaften besonders herausgearbeitet.

Ich bin so aufgewachsen. Deswegen war es für mich hochgradig irritierend und verblüffend, das Wort „Experiment“ plötzlich so negativ konnotiert zu finden. Es war (im Nachhinein) für mich die wahrscheinlich widersinnigste Erscheinung der Wende.

Noch Anfang November 89 waren 70-80% Prozent der Bevölkerung der DDR für einen „reformierten Sozialismus“ – also für ein Experiment. Und bereits Ende des selben Monats – unter dem Eindruck der Maueröffnung – war es vorbei damit. Im März wählte die Mehrheit CDU, mit dem Slogan „keine sozialistischen Experimente“. Für mich übersetzte sich dieser Slogan, wie gesagt, ungefähr zu: „Neugier beiseite, Leben einstellen!“

Und das absurdeste war ja: Die Menschen liessen sich mit der Wiedervereinigung auf die riskanteste Fortschreibungsmöglichkeit der Geschichte überhaupt ein. Das wird nur begreiflich durch den Mauerfall und das damit verbundene Geldsäcklklappern. Also das Vorführen des immensen Reichtums, in dessen Besitz man durch die Wiedervereinigung gelangen konnte.

Aber das ist nicht mein Punkt. Mein Punkt ist vielmehr, wie schlecht hierzulande (und offenbar auch in der DDR) das Experimentieren beleumundet war. Dass es überhaupt die wichtigste Art ist, den Fortschritt zu bewirken (was mir zu jener Zeit so selbstverständlich war, wie das Atmen), das war tatsächlich im Lande der Dichter und Denker gänzlich unbekannt. Ich möchte ein Beispiel einer solchen gedanklichen Leerstelle, bzw. Fehlleistung geben:

W. Biermann schrieb im Streit über C. Wolfs Aufruf „Für unser Land“: „Mit allerhand Altlinken im Westen ist darüber schlecht reden, denn sie sind bösartig verwirrt und sind stocksauer über das Ende des Tierversuchs DDR.“ (Die Zeit, August 1990)

Eigentlich will Biermann da gegen die Westlinken stänkern, die seiner Meinung nach eine romantische Vorstellung der DDR hätten. Das sei an dieser Stelle übergangen; von Westlinken weiss er mehr als ich. Wichtig ist mir die Tierversuch-Vokabel. Natürlich ist sie in polemischer Absicht gewählt. Aber denken Sie mal drüber nach: DDR = Tierversuch. Und ich lasse dem Biermann auch hingehen, dass er die Ossies zu Tieren macht. Er hats nicht so mit dem klaren Sichausdrücken, deswegen auch immer dieser kompensatorische Geltungsdrang.

Worauf es ankommt, ist die Absicht, den Fakt, dass die DDR ein Versuch – also ein Experiment – war, als etwas negatives hinzustellen. – Ja, was denn sonst? Gab es je eine Gesellschaft, die nicht als Versuch durchgeführt wurde? Was für eine absurde Idee von der Berechenbarkeit des Lebens! Was für eine romantische Sehnsucht nach Gewissheit! Gesellschaft ist immer wurschteln, scheitern, lernen, anders scheitern und so weiter. Es gibt sicher Grade des Scheiterns, aber es gibt keinen Fortschritt ohne Inkaufnahme von Rückschlägen. Das ist eine der Haupt—Absurditäten der Wende für mich. Dieses fortschreiten wollen, indem man den Fortschritt verteufelt.

Ich lese gerade ein Buch über die Entdeckung des Insulins. Also des Hormons, das wir benötigen um Zucker aus dem Blut in Zellen aufzunehmen. Sicher wissen Sie, dass man an Diabetes erkrankt, wenn der Körper zu wenig Insulin produziert. Früher war Diabetis ein Todesurteil. Man nannte es die Pisskrankheit, „pissing disease“. Man schied den Zucker über den Urin aus, pisste sich quasi zu Tode. Die Entdeckung des Insulins hat gerade mal zwei Jahre gedauert. In dieser Zeit haben die Hauptakteure – Frederick G. Banting und Charles H. Best – hunderte, wo nicht tausende Hunde zu Tode expediert. Das waren Tierversuche. Sie haben Millionen Menschen das Leben gerettet. Wahrscheinlich mehr Menschen, als der zweite Weltkrieg Tote forderte. Durch Versuch und Irrtum. Heute würde das selbe Forschungsprogramm auf keinen Fall bewilligt werden. Eintausend Hunde, so einen Tierversuchsantrag können sie vergessen. Kriegen sie nirgends durch. Höchstens scheibchenweise. Dann würde das selbe Forschungsprogramm vielleicht zwanzig Jahre dauern. In der Zwischenzeit wären Hunderttausende, wahrscheinlich Millionen an Diabetis gestorben. – Sicher muss das Ausufern von Tierversuchen verhindert werden. Vor allem im industriellen Sektor, also in der Pharma- und Kosmetikindustrie. Aber ist der Tierversuch deswegen per se diskreditiert? Ist das Experimentierenwollen – ich würde sogar sagen, das Experimentierenmüssen – deshalb bekämpfenswert?

Zurück zur Gesellschaft. Man kann sich sehr über die Modalitäten streiten, unter denen solche Versuche durchgeführt werden. Aber man kommt nie umhin, als Gesellschaft zu experimentieren und etwas zu riskieren. Die Angst darf nie sein, zu scheitern. Scheitern wird man immer mal. Scheitern – und siegen. Die Angst, wenn Angst überhaupt ein Leitmotiv sein sollte, muss sein, nichts probiert und nichts gewagt zu haben.


P.S.: Mich erreichte Kritik. Ja, sprachlich ist das nicht auf der Höhe. Es ist in dieser Form auch nicht als gänzlich ausformulierter Text entstanden, sondern als Redevorlage. Einfachere Sätze, Stichpunkte. Und als diese Kladde, als Dokument sozusagen, hier gepostet.

P.P.S.: Und auch dies sei zugegeben. Die Frage, warum der Slogan mit den Experimenten auf so fruchtbaren Boden fiel, wird nicht beantwortet. Es hat wohl etwas mit dem Unwillen zu tun, vom Subjekt der Geschichte zu ihrem Objekt degradiert zu werden. Denn das ist die heimliche Bedeutungsverschiebung. Der Slogan macht aus Experimentatoren Versuchstiere. Aber dennoch blöd, auf so einen plumpen rhetorischen Trick hereingefallen zu sein, nichtwahr? Wahrscheinlich ist das auch immer noch nicht alles.

Wie ich eine ZEISS-Caster baute.

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Röntgenmikroskope zu Stromgitarren! Eine reich bebilderte Homestory.

And now for something completely different: Gitarre bauen kann sehr viel cooler sein, als Gitarre spielen. Besonders, wenn man, wie ich, eher mittelgut spielt. Dann flüchtet man gern mal in die Metaebenen der Virtuosität.

Die unterste Metaebene ist das Bescheidwissen über Gitarren. Wobei man dann wieder unterscheiden muss zwischen dem absichtsvoll verdummenden Geschwätz von Gazetten wie “Gitarre und Bass” etc, und den Wissenshalden, die in Werken wie Zollners “Physik der Elektrogitarre” zusammen getragen wurden.

Irgendwo zwischen der Unbedarftheit der Prospekt-Gläubigen und den kunstfernen Kenntnissen der Physiker liegt das Halbwissen der Hobby-Gitarrenbauer und Self-made-Technicians. Damit ist die Höhenlage dieser Homestory abgesteckt. Nicht die hohen Gippel sind das Ziel. Es wird ein Spaziergang durchs Mittelgebirge. Aber seinen Anfang nimmt unser Ausflug im Tal. Ich möchte, will das meinen, mit einer lang schon fälligen Stänkerey gegen Paula beginnen.

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Weisse Quadrate. Von der Kunst über Kunst zu urteilen

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Mein Freund und Hirnteiler Felix Bartels fragte mich jüngst anläßlich des Lobster-Awards, ob ästhetische Urteile objektivierbar wären. “Nein”, antwortete ich ohne Zögern.

Noch indem ich dieses „Nein“ aussprach, war der Drang in mir entstanden, es auch zu begründen. Deswegen setzte ich sogleich hinzu, dass ästhetische Urteile allenfalls größere Gültigkeit erreichen könnten, indem sich ästhetischer Genuß und rationale Durchdringung eines Werkes wechselseitig erhöhten. Gültigkeit wiederum äussere sich als Nachvollziehbarkeit, Wohlstrukturiertheit und Komplexität einer Urteilsbegründung. — Etwas an dieser aus der Hüfte geschossenen Begründung fühlte sich unvollständig, wo nicht falsch an. Nun weiss ich, was es war. Ich bleibe beim “Nein”, aber inbetreff der Gültigkeit will ich im Folgenden einiges berichtigen und erweitern.

Drei Argumente plane ich vorzutragen:

(1) Erstens, die Auffassung von ästhetischer Wirkung kritsierend, die der Frage zugrunde liegt.

(2) Zweitens, die gesellschaftliche Praxis betonend, in die jegliche Kunst betten muss.

(3) Drittens, über Gültigkeit und den Drang handelnd, andere vom eigenen ästhetischen Urteil zu überzeugen.

Erstens. Ad Kunstauffassung.

Die Frage nach der Objektivierbarkeit ästhetischer Urteile erkundigt sich nicht allein danach, ob künstlerischen Gegenständen Eigenschaften zugesprochen werden könnten, die messbar sind, wie zum Beispiel die Geschwindigkeit eines Teilchens – Eigenschaften mithin, in denen ihr ästhetischer Wert sich ausdrückt – sondern auch danach, wie ästhetischer Wert überhaupt zustande kommt?

Man kann darauf antworten, dass der ästhetsische Wert sich im Tauschwert realisiere, den ein Kunstwerk erzielt. Das wäre in etwa die Auffassung des Kunstmarktes. Diese Auffassung wurde vielfach kritisiert, weswegen ich sie einmal zurück stellen möchte; ich komme aber weiter unten auf sie zu reden.

Hier will ich eine einfache Idee des Zustandekommens ästhetischer Werte geben und vor allem deren Konsequenzen ausführen. Ich meine, der ästhetische Wert eines Werkes realisiert sich in der Wirkung, die ein Werk im Betrachter – oder Hörer, Leser etc – im Kunstgeniesser also, auslöst.

Die Bestimmung eines Werkes ist deshalb nicht, andere Werke zu übertreffen, sondern vermittels seines Genusses Wirkung zu entfachen. Meine Behauptung lautet nun, dass, so man diese Idee vom Zustandekommen ästhetischer Wirkung teilt, die Frage nach der Objektivierbarkeit ästhetischen Urteilens ganz falsch ist; dass sie sich gar nicht stellt.

Am einfachsten lässt sich diese Folgerung illustrieren, wenn wir uns erinnern, wie unser eigenes ästhetisches Urteil sich im Verlauf unseres Lebens geändert hat. Als Kinder oder Jugendliche haben wir andere Musik wertgeschätzt, andere Bilder bewundert, in anderen Romanen geschwelgt, als wir es als Erwachsene tun; und eigentlich würde ich ungern der Hoffnung entsagen, dass wir das ganze Leben fortfahren, hinzu zu lernen.

Daraus abzuleiten, unser Urteil wäre als Kind falscher, denn als Erwachsener, scheint mir vorschnell und vor allem dem Bestreben geschuldet, die Gültigkeit und Überlegenheit unserer gegenwärtigen, vielleicht auch mühsam erarbeiteten Urteile vor jenen kindlichen zu wahren, nur weil die einfacher zu haben waren. Dabei liesse sich leicht das Gegenteil vertreten: Es ist durchaus möglich, dass wir als Kinder oder Jugendliche grössere Wirkung eines Werkes empfunden haben. Mit welchem Recht bestritten wir nun dieser Wirkung ihren ästhetischen Rang? Und, wesentlicher noch, müssen wir nicht in unseren kindlichen Urteilen die Knospe erblicken, aus dem sich unser heutiges Schätzungs- und Genussvermögen entfaltet hat – überhaupt nur entfalten konnte? Ist nicht dieses Voraussetzung für jenes? Und hat nicht die Kunst unserer Kindheit selbst, durch den Umgang mit ihr, diese Entfaltung nur bewirken können? Was also sollen Rangfolgen von Urteilen überhaupt?

Man erkennt, worauf ich hinaus will. Kunstgenuss und das Aneignen von Erfahrung im Kunstgeniessen zielen überhaupt nicht auf gesteigerte Objektivität unserer Urteile. — Objektivität ist immer eine Flucht fort vom Subjekt. Das ist ihr Sinn: Unabhängikeit vom Subjekt und seinen Meinungen und seiner Fallibilität. Kunst nun, indem sie ästhetische Wirkung ausübt, will das genaue Gegenteil dieser Bewegung. Kunst, und die Auseinandersetzung mit ihr, verlangt nach Entfaltung des Individuums; verlangt nach Entfaltung und bewirkt sie überhaupt. Je mehr Kunst das Subjekt kennt, versteht und geniesst, desto mehr wird es überhaupt Individuum. Es bildet immer neue Facetten des Kunstverständnisses, Blickwinkel, aus denen die Kunst ins Leben spielt, Gesichtspunkte, unter denen Kunst sich auffassen und geniessen lässt; Verständnis für komplexere Formen und ihre Angemessenheit an einen Inhalt. Kunst ist die Bewegung hin zum Individuum.

Nicht schafft Kunst das Allgemeine; sie schafft, im Gegenteil, das Besondere. Alle Kunstgeniesser erkennen einander; und sie erkennen einander daran, dass ihre Urteile sich unterscheiden! Es ist ja Eigenheit gerade des ungebildeten Kunsturteils, gleichförmig zu sein. (Der Aufdruck “Bestseller” gilt dem Kenner als Warnung. Manchmal freilich ist er trotzdem geniessbar, vorausgesetzt, man schreckt ihn kurz mit kochendem Wasser ab.)

Es liegt daran, dass die ästhetische Wirkung eines Werkes nie ohne das Zutun des Individumms stattfinden könnte. Die Wirkung eines Kunstwerkes entsteht durch die private, ganz eigene Inbezugsetzung des Kunstgeniessenden zum Werk. Anders ist Kunstwirkung – und mit ihr, ästhetisches Urteilen – überhaupt nicht zu haben.

Es geht dabei nicht nur um das Auffassen einer im Werk verschlüsselten Information (wie manche Kunsttheoretiker meinten), sondern, noch umfassender, um eine Art der Selbstwerdung. Zum Selbst gehören einmal unsere ästhetischen Vorlieben und Urteile; sie können sich nicht anders bilden, als im Umgang mit schönen und hässlichen Dingen. Unterschiede der Schönheit sind Unterschiede in unserer Seele, oder, wem das altschöne Wort “Seele” nicht behagt, dem mögen sie als kunstumgangsgebildete Beschaffenheit unseres Selbst gelten. Mithin ist ein ästhetisches Urteil nicht Audruck einer Sache ausser uns – Eigenschaft eines Kunstwerkes etwa – sondern Ausdruck unserer Seelenbildung. Dies ist mein hauptsächlicher Gedanke, und wer keine Lust verspürt, Addenden zu studieren, darf die Lektüre an dieser Stelle getrost beenden. Der Rest dieser Ausführung ist nämlich im Grunde nur noch Entfaltung des Gesagten.

Den Weiterlesenden: Sobald einmal begriffen ist, daß Schönheit nurmehr ein Unterscheidungsvermögen ist, beginnt die Frage nach der Objektivierbarkeit ästhetischen Urteilens ganz seltsam zu scheinen. Im Grunde lautet diese Frage nämlich: Wie objektiv ist das Subjekt? So dialektisch die Frage auch klingt, so blödsinnig ist sie in dieser Formulierung und diesem Zusammenhang. Wir scheiden das Subjektive ja vom Objektiven, um das zu trennen, an dessen Existenz wir tätig mitwirken müssen von dem, das unserer Mitwirkung überhoben sein soll. Wie weit diese Scheidung trägt, mag dahin stehen und kann meinetwegen Anstoss zu einem philsophischen Betracht sein. Aber danach fragt die Objektivierbarkeit ästhetischen Urteilens nicht; sie erkundigt sich nur, wohin – Scheidung des Subjektiven vom Objektiven bereits voraus gesetzt – wohin dann ästhetische Urteile ordneten?

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Lobster Award, Antworten.

Alle Antworten an einem gemeinsamen Ort, damit sie nicht im Zuckerbergschen Orkus verloren gehen.

DIREKT ZU:

Tini Anlauff
Felix Bartels
Maike Bellmann
Ingo Gröpler-Röser
Stephan Roth
André Thiele
Lyzis
Anne von Fircks
Martin Winter

Tini Anlauff:

1: Kurzbegründungen: Kaffee oder Tee? Meer oder Berge? Dostojewskij oder Tolstoi? Beatles oder Stones? Welches ist Dein liebster Beatle?

Kaffee, weil man den schmeckt, Berge, weil man mich da nicht sieht, Dostojewski, der hinterlässt weniger Schlieren

2: Kränkt es Dich, dass die DDR zugrunde gegangen ist? Woran, denkst Du, verschied sie?
Ja, seitdem bin ich für den Rest meines Lebens ein EX- DDR’ler. Wär aber lieber ein moderner DDR’ler geworden. An der DDR.

3: Wie hältst Du es mit Gott?
Wenn ich jetzt sage, dass es ihn nicht gibt, komme ich bestimmt in die Hölle.

4: Was willst Du unbedingt erreichen? Glaubst Du, dass ein Mensch Ziele haben muss? Warum?
Das sind 3 Fragen!!! 1. Den Glauser Preis, 2. Undbedingt, aber erreichbare, sonst Enttäuschung, Depression, Kulturpessimismus, ekelhafter Zynismus. (Das trifft nicht auf mich zu). 3. Um einen Grund haben, morgens aufzustehen. Ein gut gebrühter Kaffee ist auch ein Ziel, solange das Wasser noch nicht kocht.

5: Würdest Du gern etwas besitzen, das Du nicht haben kannst? Was?
Nö, ich würde lieber auf ein paar Dinge verzichten, die ich nicht loskriege. Flugangst zum Beispiel.

6: Nenne die fünf wichtigsten Maximen und Ziele, die Dich bei der Erziehung Deiner Kinder anleiten (falls hypothetisch: anleiten würden).
Glaubt nichts blind, hinterfragt alles. (außer die Lieber eurer Eltern!) Was man sich anschafft, muss man dann auch regelmäßig abstauben, also Vorsicht. Egal, was passiert, ihr seid nie handlungsunfähig. Habt Freunde! (und staubt sie regelmäßig ab) Atmet andern nicht einfach nur die Luft weg, macht was.

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Unrechtsstaat, der.

Was ist das eigentlich für ein Drang, die DDR verurteilen zu wollen? Im Grunde ist es sehr einfach. Es ist der Drang, sich nicht eingestehen zu müssen, dass die DDR eine direkte Folge des zweiten Weltkrieges war. Die Weigerung, in ihr die monströse Ausführung von Kants „selbstverschuldeter Unmündigkeit“ zu erblicken. Alle Verurteilung dieser Sache ist nichts als Sehnsucht, sie als etwas Fremdes abstossen zu können. Etwas, das der „Russe“, der „Kommunist“ oder irgendein nostalgieverstrahlter „DDR-Bürger“ verbrochen habe; keinesfalls aber der aufgeklärte, demokratische, liberale Deutsche.

Allein der Ausdruck von den „beiden deutschen Diktaturen“ ist eine Freudsche Meisterleistung. Wie man weiss, sind die Nazis auf demokratischem Wege zur Macht gekommen, während die DDR – wer Hitler wählt, wählt den Krieg! – in der Folge dieses Krieges von Moskaus Gnaden existierte; also, wenn überhaupt, eine sowjetische Diktatur war. Aber zum Zwecke der Abstossung, der Leugnung, dass es die eigene, freie Wahl war; zu diesem Zweck muss das beides gleichförmig in eine fremde Schuld verwandelt werden, wogegen sodann eine Bewegung der Distanzierung und Reinwaschung einsetzen kann.

Das tief-in-sich-Tragen der DDR begründet natürlich auch die Vehemenz der Diskussion, die Einseitigkeit der Wahrnehmung und das Mühen, alles auf einen rationalen Nenner zu bringen (keine freien Wahlen, Mauertote etc.). Im Grunde ist es ein altes Lied. Die Durchführung von Politik als ein Handwerk des Schuldigenmachens ist nichts als die kindische Weigerung, sich selbst als einen historischen Menschen zu erkennen.

Man kann nun, in einem weiteren Schritt der Selbstbestimmung, behaupten, es läge in dieser Verurteilung eben ein Lernen aus der Geschichte; in ihr läge tatsächlich der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Ich wollte das gern glauben. Woran nur mag es liegen, daß mir derlei immer als Beteuerung des Alkoholikers klingt, er wäre clean?

Niemand, der humanistisch fühlt und bei Troste ist, mag Zustände, in denen es politische Häftlinge gibt, oder in denen Menschen beim Übertreten von Grenzanlagen erschossen werden. Da bin ich ganz d’accord. Es ist nur eben die Verurteilung solcher Zustände, wenn sie erst vergangen sind, billig und leicht zu haben. Ich glaube den Verurteilern ihre Lernfähigkeit erst, wenn sie in der Gegenwart und künftig zu verhindern suchen, daß solcherlei sich wiederholt. Das ist der einzig gültige Gradmesser ihrer Redlichkeit und behaupteten Mündigkeit. Was tun sie, um zu verhindern, dass Menschen hungern, obdachlos sind, geknechtet werden, oder in Kriegen für fremde Interessen sterben oder in Gefängnissen gefoltert werden? Vor Inangriffnahme dieser Aufgaben ist alle Verurteilung der DDR nur moralischer Tand.

Nichts versperrt dem Menschen mehr seinen Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, als sein Drang, zu urteilen. Natürlich sind Urteile denknotwendig. Sie stiften Ordnung. Der Wunsch ist nun so nachfühlbar wie fatal, diese Ordnung als letzten Zweck allen Urteilens anzusehen. Das Urteil steht in dieser Sicht am Ende eines Denkprozesses; die Welt erhält ein Gefüge.

So verhält es sich in simplen Geistern; so verhält es sich bei den Meisten. In Wirklichkeit aber fordert jedes Urteil zu neuem Denken heraus. Ein Urteil ist ein Anfang eher, als es ein Schluss ist.

Das ist das einfache Geheimnis der Aufklärung und nebenbei auch der Grund, aus dem Adorno und Horkheimer in LA groben Käse rieben. Die Aufklärung wird nicht wegen des in ihr verschleierten Herrschaftsanspruchs zu ihrer eigenen Negation. Herrschaftsansprüche sind okay und Macht ist unentrinnbarer Bestandteil allen Handelns. Aufklärung wird zu ihrer Negation, wenn sie glaubt, durch ihren Vollzug an ein Ende kommen zu können. Wenn sie auf eine Welt festgefügter, ewiger Urteile hinaus will. Wie eben dieses, dass der Jude an allem Schuld sei, oder daß eine freiheitlich demokratische Grundordnung universellen Schutz vor Barbarei und Unmenschlichkeit böte.

Das Urteil ist das Wohlbehagen des Spießers. Am Ende wird er genau deswegen immer in der Diktatur landen; der Diktatur nämlich seiner eigenen Urteile. Aus Urteilssucht wird Zwang. Was könnte unmündiger sein? – Unrechtsstaaten, das sind Staaten, in denen die vorherrschende Auffassung von Politik auf das Fällen von Urteilen und Benennen von Schuldigen abzielt.

Frageliste für den Lobster Award und Nominierung

Die Fragen

1: Kurzbegründungen: Kaffee oder Tee? Meer oder Berge? Dostojewskij oder Tolstoi? Beatles oder Stones? Welches ist Dein liebster Beatle?

2: Kränkt es Dich, dass die DDR zugrunde gegangen ist? Woran, denkst Du, verschied sie?

3: Wie hältst Du es mit Gott?

4: Was willst Du unbedingt erreichen? Glaubst Du, dass ein Mensch Ziele haben muss? Warum?

5: Würdest Du gern etwas besitzen, das Du nicht haben kannst? Was?

6: Nenne die fünf wichtigsten Maximen und Ziele, die Dich bei der Erziehung Deiner Kinder anleiten (falls hypothetisch: anleiten würden).

7: Lästere ein paar Zeilen über eine Person, die es Deiner Meinung nach wirklich verdient hat! Lasses raus!

8: Welche deutschen Einrichtungen/Verhältnisse/Gepflogenheiten machen Dich wahnsinnig?

9: Dein liebstes Detail an einem schönen Menschen?

10: Hältst Du das Fernsehprogramm für den reinsten Ausdruck einer Herrschaft des Volkes? Kurzbegründung.

11: Welches sind die 3 meistüberschätzten, welchen die 3 sträflichst unterschätzten Köpfe ever? Kurzbegründung!
Nominiert sind:

Felix Bartels, mein Hirnteiler. Worüber ich leichtsinnig hinweg gehe, dahin zerrt er mich zurück um meine Nase tief ins Übersehene zu drücken. Seine größte Leistung besteht in der Entdeckung einer neuen logischen Figur, der doppelten Bejahung. Keiner, der Hirnmitbewohner beherbergt, sollte je noch ohne sie zu denken wagen.

Ruth Herzberg, augenverlorene, wiedergefundene Freundin aus adoleszierenden Tagen. Ich weiss, Namenswitze sind die schlechtesten, aber der Spruch „Ende Ruth, alles Ruth.“ ist kein Witz, sondern eine Wahrheit. Ruth kann über alles schreiben, kritzeln und lachen. Niemand ist furchtloser und anarchischer.

Carsten Hucho, Smart@ss und einziger Naturwissenschaftler unter meinen Freunden. Die Idee, Wissenschaftler würden von Beruf stark nachdenken, ist ja ein Volksmärchen. Wissenschaftler können in der Regel weder denken, noch schreiben. Ausser Carsten. Er kann das alles und noch mehr. Zum Beispiel Saxophon spielen. Carsten kann an einem Abend so viele kluge Dinge sagen, wie andere in ihrem Leben nicht.

Andre Thiele, virtueller Verleger meines virtuellen Erstlings. Thiele hasst die neuen Medien, insonderheit facebook, Blogs und eBooks. Er ist so altmodisch wie ein Gehrock oder ein gutes Buch. Niemand verlegt deswegen virtuelle Literatur besser als er. Seine Welt ist bewohnt von genialen Schriftstellern. Fast wäre er selber einer geworden. Thiele kann schreiben. Thiele kann urteilen. Thieles Slogans sind die Zweitbesten.

Lyzis, Möchtegernanarchist aus Krähenwinkels Schreckenstagen. Unbeirrbarer Stalinist und eifriger Trotzkistentöter. Deckname Nulla. Von ihm ist am wenigsten zu erwarten, dass er antwortet, aber wenn ers tut, gibt es ein ansehnliches Massaker. Da wollen wir alle gern zusehen, wie das Kunstblut spritzt. Kunstblut, fällt mir auf, ist eine gar nicht schlechte Vokabel für ästhetische Charaktere. Oder ein Bandname.

Ausserdem sind, da ohne eigenen Blog, sozusagen freestyle (via facebook) nominiert:

Martin Winter

Martin Knepper

Maike Bellmann

Tini Anlauff

Christoph Täubert

Anne v. Fircks

Stephan „Stapen“ Lüderitz

Lobster Award

Felix Bartels, meine andere Hirnhälfte, nominierte mich soeben für den im Titel genannten Award.  So sehr hat er mich gelobt – man könnte auch „gelobstert“ sagen – daß ich die moralische Pflicht nicht mehr abschütteln konnte, seine Nominierung anzunehmen. Und willfahre ihr untenstehend durch Beantwortung elfer Fragen:

1. Was sind die Zutaten eines schönen Abends?

Man nehme: Eine zugeneigte Person im Zustand neugieriger Offenheit. Sodann: Eine unbekannte, aber reizvolle Kulisse. Vor diese führe man jene. Das ist die Grundsubstanz. Alles scheint in heiteren, beschwingten Bahnen zu verlaufen. Doch dann kommt die eigentliche Würze: Ein unvorhergesehenes, skurriles Begebnis. Eines, mit dem niemand rechnet. Eine dadaistische Intervention. Anfolgt auf diesen Blitz aus heiterem Himmel ein bisschen Erleichterung, ein bisschen Kartharsis, ein bisschen Fremdheit, kurz, eine Ahnung von der eigentlichen Intensität des Lebens. Zum Nachtisch, je nach Laune und Person, Geschlechtsverkehr.

2. Das schönste Stück Lyrik, das du je gesehen, bitte: (nicht zitieren, nur Autor, Titel)

Gesehene Lyrik? In dem Fall wahrscheinlich Morgenstern, Die Trichter.

3. Sind ästhetische Werturteile objektivierbar?

Nein. Es gibt aber die Möglichkeit den ästhetischen Genuß durch Wissen und Erfahrung zu steigern und dadurch zu Urteilen höherer Gültigkeit zu gelangen. Gültigkeit im Sinne überprüfbarer Wirklichkeit ist nicht erreichbar. Nachvollziehbarkeit eines Urteils und unendliche Überfeinerung desselben hingegen manchen. Die Kritiker sind die besten, deren Kritik selbst von Kunst; die Werturteile die gültigsten, deren Fällen selbst selbst von hoher Kunstfertigkeit zeugt.

4. Kann man sich je freimachen von Ideologie?

Nein. Es ist auch nicht nötig. Erkenntnis und Fortschritt ereignen sich stets im falschen Bewusstsein; als dessen Berichtigung nämlich. Ein ideologieloses Denken kann es genauso wenig geben, wie die absolute Wahrheit. Hier ist kein Platz, das zu begründen; aber im Grunde reicht der Hinweis, dass es keine Methode gibt, sich von der Ideologielosigkeit des eigenen Denkens zu überzeugen, als eben durch: Denken. Mehr als das kann uns die Erkenntnis, dass unser Denken stets mit Ideologie kontaminiert ist, nicht vermitteln, als diese Aufforderung, noch schärfer hin zu denken. Der Gedanke fügt der Aufklärung in Wirklichkeit kein Jota hinzu. Im Gegenteil. In der Regel bleiben die Ideologiekritiker hinter den Aufklärern in der Erkenntnishöhe zurück. Klaftertief zurück.

5. Hast du ein Lebensthema? Wenn ja, welches?

Nein. Es gibt eine Anzahl Themen, die mich immer wieder zur Beschäftigung anhalten; die drei wichtigsten sind sicher die Liebe, die Wissenschaft und die Politik. Sie stellen sich stets aufs Neue in ganz unterschiedlichen Fragen dar. An diesen Themen kommt vielleicht schattenhaft ein Lebensthema zum Ausdruck, nämlich ein unstillbarer, fröhlicher Erkenntnisdrang. Neugier, im wortwörtlichen Sinne; begriffen, wie in der eingänglichen Frage nach dem schönen Abend, als Lebensintensität. In der Wissenschaft ist der Ekenntnisdrang ganz offensichtlich; die Liebe aber ist ganz ähnlich, der Drang nämlich einen Menschen zu erkennen; und in Fragen der Politik geht es oft darum, das Erkannte anzuwenden.

6. Blitzantwort: Kant oder Hegel? Mozart oder Stockhausen? Kochen oder Essen?

Hegel, Mozart, Kochen.

7. Ein Blick in Brechts Lehrstücke: Angenommen einer könnte, indem er sich opfert, das Überleben einer Gemeinschaft retten – sollte er es tun? (Mr. Spock sagt: ja)

Mir doch egal.

8. Abgesehen von Günter Grass: Welcher Dichter der Gegenwart (20./21. Jh.) ist am abstoßendsten?

Zu den großen Widerlichen der Gegenwart gehören: Uwe Tellkamp, Elfriede Jelinek und die Potthässliche mit den Halbwesen. Ich bin zuversichtlich, dass die Liste noch anwachsen wird.

9. Die drei besten Kinofilme aller Zeiten sind:

Charlie Chaplin – Modern Times
Emir Kusturica – Underground
Ridley Scott – Alien

10. Gehört der Tod abgeschafft?

Ich bin ein erklärter Todfeind. Er ist mir unheimlich und grässlich. Ich müsste allerdings die Konsequenzen ewigen Lebens ersteinmal gründlich durchdenken. Wenn ich mir dafür ein bisschen Zeit ausbedingen dürfte? Sagen wir 800-900 Jahre? Das sollte vorerst reichen.

11. Worauf kömmt es an: die Welt zu interpretieren oder sie zu verändern?

Ich bin Philosoph. Der Philosophen Absicht ist stets, die Welt, indem sie sie interpretieren, zu verändern.

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Soweit die Antworten. Der zweite Teil des Lobster-Awards (11 Fragen + Nominierungen) folgt in Kürze.

Frieden-Krieg-Führer (auf einem Blatt)

Reden wir vom Krieg. Er ist der näxte Halt der Achterbahn „Geschichte“. Zum Krieg rät sich ein Führer an. Ich habe einen für Sie verfasst.

Klappentext unseres Führers: Krieg ist das selbe wie Frieden, nur dass es andere Leute sind, die an der Sache verdienen. Mehr muss sich keiner merken, um sich in Krieg und Frieden leidlich zurecht zu finden.

Es gibt also immer diese und jene, Kriegsgewinnler und Friedensgewinnler. Der Rest ist eine Frage der Kräftebalance zwischen beiden.

Sie fragen ernsthaft, wie am Krieg gewonnen werden könne? Das ist einfach. Gewinnen kann man

– durch einfachen Raub. Land, Bodenschätze, Fabriken, Immobilien, Know-How, Arbeiter: All das läßt sich in Kriegen rauben.
– Ehrfurcht, Neid und Angst anderer Länder, bzw. potentieller Kriegsparteien.
– innenpolitische Gleichschaltung. Nichts und niemand entindividualisiert wie das Militär. Im Krieg wird Meinungsvielfalt zu Vaterlandsverrat. Staatsbürger üben Selbstzensur bis sie vor Verblödung ganz viehisch werden. Selbst das Wetter wird kriegsbedeutsam.
– durch Waffenverkauf, idealerweise an alle Kriegsparteien gleichzeitig. Auch die kriegsunbeteiligten Parteien kaufen. Sicherheitshalber.
– Bei Sieg: Die Statur und Gloriole einer historischen Gestalt. Schaffung nationaler Mythen. Innenpolitische Gleichschaltung auf weitere 20 Jahre.
– Und so weiter.

Die Frage also erübrigt sich. Der Krieg kann den Krieg sehr gut ernähren. Die Frage, mit anderen Worten, kehrt sich um. Wie kann am Frieden überhaupt verdient werden? Nun, man kann

– Arbeiten.
– mit Gütern handeln. Vorzugsweise mit Gütern, die keine Waffen sind und auch nicht zu Waffen verarbeitet werden sollen.

Das ist alles. Man sieht die Crux. Am Frieden verdient sich schwerer. Was in Kriegszeiten einfach geraubt werden kann, muss in Friedenszeiten mühsam gehandelt werden: Land, Bodenschätze, Immobilien, Know-How und Arbeiter. Jeder konkurriert mit jedem. Widerstreitende Ansprüche werden anstatt durch Bomben und Granaten durch Gerichte gelöst. Nichts ist leicht.

Damit der Frieden den Frieden ernährt, müssen viele an ihm verdienen, indem sie in ihm arbeiten und handeln. Handel ist die Fessel des Krieges. Sind die Händler mächtig, herrscht Friede. Straucheln sie, wird der Krieg entfesselt. Was uns vom Krieg allein nur abhält, ist der Krieg zwischen Friedens- und Kriegsgewinnlern.

Zu jeder Zeit gibt es Überläufer. Der Frontverlauf ist unübersichtlich. Ein Banker wettet am Morgen auf den Händler und am Abend auf den General. Er ist der Erzopportunist, der, wen immer die Waage gerade begünstigt, zur lohnenden Investition erklärt.

Es wird nun der Händler seine eigene Krise produzieren. So verhält es sich im Kapitalismus. Des Händlers Profitraten fallen, seine Märkte sättigen sich. Kann er dem Banker glaubhaft machen, die Krise zu bemeistern, investiert der. Solange investiert wird, kann der Händler seine Krise verschleppen. Frieden ist Krisenverschleppung.

Niemand setzt den Frieden aufs Spiel, solange der die Hoffnung weckt, er würfe auch künftig Gewinne ab. Der Vorteil des Friedens liegt in seiner Berechenbarkeit. Natürlich nur, solange diese Berechnungen keine Krise anzeigen.

Wird die Krise ruchbar, schlägt die Stunde des Kriegstreibers. Der Banker wird misstrauisch. Dem Händler mangelt es zunehmend an Geld. Der Kriegstreiber weiss immer eine einfachere Art als der, Gewinn zu machen. Der Banker entsinnt sich zuerst noch, wie riskant sie ist. Der Kriegstreiber müht sich also, ihm das Risiko als beherrschbar aufzubinden. Er sagt: Urban warfare, lokale oder asymmetrische Kriegsführung, chirurgischer Eingriff. Er führt leistungsfähige Waffensysteme vor. Er verspricht alles.

Die Kräftebalance also, um die allein es geht, ist immer dann auf Seiten der Kriegstreiber, wenn die Gewinnaussicht aus den Geschäften der Händler kleiner ist, als die aus den Geschäften des Kriegstreibers. Weil aber der Händler seine Krise selbst herstellt, mündet es immer dort. Im Krieg.

Nun wissen Sie, wie Sie hinkommen.

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