Nachdenklichkeiten

G C Lichtenberg (1): Radikaler Konstruktivismus

Ich fasse [J 375] und [J 376] zu einem Großexzerpt:

(…) Sinn und Verstand kömmt dem Gedächtnis zuhilfe. Sinn ist Ordnung und Ordnung ist doch am Ende Übereinstimmung mit unserer Natur. Wenn wir vernünftig sprechen, sprechen wir nur immer unser Wesen und unsere Natur. Um unserem Gedächtnis etwas einzuverleiben suchen wir daher immer einen Sinn heineinzubringen oder eine andere Art von Ordnung. (…) Ähnlichkeiten bis auf den Reim hinaus (*sich einen Reim auf etwas machen!*) Eben dahin gehören auch unsere Hypothesen, wir müssen welche haben, weil wir sonst die Dinge nicht behalten können. (…) alles das ist nicht in den Dingen, sondern in uns. Überhaupt kann man nicht gnug bedenken, daß wir nur immer uns beobachten, wenn wir die Natur, zumal unsere Ordnungen beobachten.

Wenn jemand eine Uhr machen könnte, die die Bewegung der Himmelskörper so genau als in der der Natur darstellte, würde der nicht ein großes Verdienst haben, obgleich die Welt nicht durch Räderwerk geht? Er würde selbst durch diese Maschine manches entdecken, was er nicht hinein getragen  zu haben glauben würde. Und was ist der Kalkül anders, als etwas dieser Maschinerie Ähnliches?

notierte Lichtenberg ca. 1790. Darüber wird zu reden sein.

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Ein Gedanke zu “G C Lichtenberg (1): Radikaler Konstruktivismus

  1. Samuel von Reiflingen schreibt:

    Der Kalkül ist ein von dieser Maschine Anderes. Seit Denken ist, ist es Denken von etwas und der Gedanke nur Annäherung an die Sache, notwendig verschieden von ihr, niemals mit ihr übereinstimmend und in seiner Bewegung unendlich sich an sie annähernd. Die Maschine ist selber das mittels des Gedanken in die Welt gesetzte Kalkül und somit dem Kalkül ähnlich. Aber ihre Wahrheit ist nicht die Übereinstimmung mit der Natur, sondern ihre Vermitteltheit durch Denken. Sie zu entdecken heißt, sie als falsche zu erkennen, ihre Wirklichkeit als Nicht-Übereinstimmung mit der Wirklichkeit zu finden. Der Kalkül ist der Maschine ähnlich nur deshalb, weil es sie nicht gibt. Gäbe es sie, so wäre sie keine Maschine, sondern die Sache, die sie darstellt, selbst und doch anders, eine Unmöglichkeit.
    Lichtenberg nimmt hier als deux in machina den Absoluten Geist Hegels vorweg. Identität von Gedanken und Gedachtem, das ist Gott, Gott als der Kern der Ideologie. Das Modell, das Lichtenberg vorschlägt, ist in Wahrheit das Modell des Geistes, der immer sich seiner Sache ganz gewiß sein können muß und es doch nie sein kann, nie ganz sich von der Sache lösen kann, von der er gelöst ist, immer nur in Vermittlung zu ihr besteht. All das, was er da erkennt in den Dingen, muß in ihnen sein, und doch sind sie es nicht. Damit kann das Produkt des Gedankens, sei es Modell, sei es Erkenntnis durch Rückopplung auf sich selbst immer nur den Stand erreichen, den er zuvor hatte. Alles was weiter geht, ist mit dem Objekt (außerhalb) des Denkens vermittelt und nicht mit seinen Modellen.
    Und da Lichtenberg, so schätze ich, keine Philosophie für Maschinenfachleute und andere Fachmänner (Geisteswissenschaftler z.B.) schrieb, und dennoch nichts anderes getan hat, ist er falsch, wie alle Bemühung, den Geist allein und durch den Geist zu begreifen. Diese Falschheit wird unauslöschbar und unwiederlegbar mit ihrer tatsächlichen Verwirklichung. Ihre Verwirklichung ist die Verweltlichung des absoluten Geistes, d.h. des in sich und für sich bestehenden Wissens, das sich in den obigen Zitaten äußert. Dies in sich bestehende, seine Vermittlungsleistung nicht erkennende Denken schlug um in Wahn, der sich im Wissen andeutet. Die selbstbezügliche Eigenständigkeit des Gedankens wurde wirklich als die reale Menschenverachtung. Lichtenberg hat Auschwitz nicht gedacht, aber ohne Auschwitz kann Lichtenberg nicht mehr gedacht werden, weil es Verwirklichung und zugleich die Negation, der Umschlag seines Denkens in Wahnsinn war.

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