Gedichte

Giordano Bruno

 

Giordano Bruno

 

Auf seiner Kathedra Petri saß

Clemens und starrte verdrossen,

Zwei Stunden schon waren verflossen.

Zwei Stunden schon! Quälend, und ohne daß

Ihm beifiel, wie schwer er die Strafe bemaß.

– Es lies sich indes nicht vermeiden,

Er mußte die Sache entscheiden.

 

Der Fall, vom Grunde her beseh’n

War eigentlich leicht zu lösen:

Der Kerl mußte seinen Thesen

Pro Forma entsagen; – nur den Ideen,

Die Frevel waren. – Es wäre gescheh’n,

Wenn man ihm erklärte, wie ernst es stand

Dann, gewiss, widerriefe er kurzerhand.

 

Doch zornig steigt es in Clemens hoch

Wie oft hatte man schon probiert! 

Den Widerruf ihm souffliert,

Doch er zerriß ihn und lachte noch

„Glaubt ihr“ scholls aus dem Kerkerloch,

„Ihr könnt die Gedanken, die einmal gedacht,

Ungedacht machen durch Eure Macht?“

 

War Kühnheit das? Blödheit? Gottesgnad‘?

Die Stärke seiner Gedanken 

Spricht nicht für einen Kranken.

– Was ist’s mit seinem Postulat,

Die Sonne sollte an Erden statt

Der Welten Angel und Mitte sein?

Wo nimmt er das her? Wer gibt ihm das ein?

 

Wie kommt es, daß der sich so versteigt?

Und durch Gedankenmut

Den tiefsten Einblick tut,

Indes die heilige Schrift dazu schweigt.

– Wir wollen doch sehen, wem Gott sich neigt.

Und den Blick von der Erd hebt er auf in die Höh,

„Mit Gott, führt ihn morgen zum Autodafè!“

 

Giordano Bruno wurde am 17. Februar 1600 öffentlich verbrannt, weil er sich verschiedener Gotteslästerungen schuldig gemacht, und in keinen Widerruf eingewilligt hatte. Neben der Leugnung Jesu als Gottessohn vertrat er ein kopernikanisches Weltbild, die Unendlichkeit des Universums und ferner eine der ersten neuzeitlichen „viel-Welten-Theorien“.

 

Der „Giordano“-Stoff liefert zwei Fabeln und eine Schwierigkeit. Von den beiden Fabeln wieder ist die eine offensichtlicher und die andere verborgener. 

Die offensichtliche Fabel besagt, dass keine Macht ist über der Macht eines Gedanken. Gedanken können nicht füsiliert werden. Die Kirche, wiewohl im Jahre 1600 noch mächtigste Herrscherin in weltlichen wie auch in Glaubensdingen, konnte den Sieg des kopernikanischen Weltbildes nicht verhindern, nicht durch Mord, nicht durch eindringliche Warnung, nicht durch Bitten, nicht durch Beten. Und was wäre die höchste Macht, wenn nicht diejenige, die von den Herrschern der Welt unzwingbar ist?

An die kopernikanische Wende knüpft sich die verborgenere Fabel, wenngleich nur sehr vermittelt. Grund für die kopernikanische Wende war ja, dass es einen Wandel in der Akzeptanz von Rechtfertigungen gegeben hatte. Das Wort Gottes hatte seinen Rang als ultimative Rechtfertigung eingebüsst. An seine Stelle war die Empirie getreten. Was mit eigenen Augen wieder und wieder beobachtbar war, durfte als Grund für eine Theoriebildung gelten, selbst wenn es dem Bibelwort widersprach. 

Anders gesagt, die Rechtfertigung, die aus Beobachtung und Gedankenmut kam, galt nun fast genauso viel, als die Rechtfertigung aus Autoritäten. An Auseinandersetzungen und Versöhnungsversuchen zwischen diesen Rechtfertigungspraxen hat es nicht gemangelt; mangelt es bis heute nicht. Der Panteismus zB., der Gott in die Natur legte, und also suchte, die beiden Rechtfertigungsstrategien zu einen, war so ein Versuch. Ihm hing auch Giordano Bruno an. 

Die zweite Fabel nun betrifft diese Eifersucht der alten, in Clemens verkörperten Rechtfertigung, die aus Autorität rührte, auf die neue Rechtfertigung aus Beobachtung und Gedankenmut. Wie kann es sein, so lautet der anklagende Hauptgedanke dieser Eifersucht, dass ein gewöhnlicher Mensch tiefere Einblicke in die Welt tut, als ein Gottesmann, der doch der bevorzugteste aller Menschen sein muss, gerade die Einsichten betreffend? 

Der Witz ist nun, dass diese Eifersucht schon die Niederlage beinhaltet. Nur, wenn Clemens überhaupt anerkennt, dass Giordano Brunos Gedanken tief sind, und zumindest denkbar ist, dass sie zutreffen, ist möglich, dass er Eifersucht empfindet. Denn die Scheelsucht auf jemandes Wahrheitsanspruch beinhaltet bereits die Anerkennung, es ist ein Anspruch. In diesem Fall betrifft es nicht allein das Anerkennen einer bestimmten Erkenntnis, sondern der Rechtfertigungsmethode Giordano Brunos überhaupt – und impliziert damit Clemens eigenes Abdanken.

Soweit zu den Fabeln. Die Schwierigkeit des Stoffes ist schnell erzählt. Es wohnt ihm, wie ich ihn angefasst habe, keinerlei Dramatik inne. Kein Vorgang läßt sich entwickeln, ausser den Gedanken des Papstes. Ein bisschen kunstfähig ist der Stoff natürlich trotzdem, denn wir werden Zeuge einer Entscheidung auf Leben und Tod. Dennoch bleibt, erachte ich, die Methode, den Stoff als Werdung dieser Entscheidung zu fassen, unter den Möglichkeiten, die er eigentlich böte.

Ein andern mal, vielleicht.

 

PS an die besonders schlauen Leute: Gut, zugegeben, die katholische Kirche hat das heliozentrische Weltbild, zumindest zu der Zeit Giordano Brunos, noch gar nicht so radikal bekämpft.  Spielt keine Rolle. Ich will davon nichts hören; Faktenwissen ist billig heutzutag. Ankömmt es auf eigenen, raten Sie mal: Gedankenmuth.

Advertisements
Standard

2 Gedanken zu “Giordano Bruno

  1. nachdenklichekrankenschwester schreibt:

    Bester Mensch mit dem erst so langen und dann so kurzen Namen,
    gefaellt mir, ihr Lob.
    Ihre i f

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s