Nachdenklichkeiten

Ungerechtfertigte Rechtfertigungen (1): I-did-it-the-hard-way

Grund, Ursache, Rechtfertigung: Es ist jetzt nicht so, dass jeder Mensch jederzeit diese Begriffe mit der nötigen Trennschärfe voneinander scheidet. Dabei könnte die Welt ein Garten sein, mindestens aber ein Blumenbeet, wenn gerade an dieser Stelle größere gedankliche Sorgfalt walten würde.

Das Problem kommt nicht von ungefähr, es hat eine Ursache (Einen Grund? Eine Berechtigung?). Unsere schöne deutsche Sprache nämlich hält nur ein einziges Fragepronomen bereit, das nach allen Begründungen zugleich fragt; es heisst: „Warum?“. (Mit „Wieso“ und „Weshalb“ muss jetzt niemand herumfuchteln; ist klar, warum?)

Woher soll der Gefragte dann wissen, ob die Erkundigung nach der Ursache, nach seinen Gründen oder nach seiner Rechtfertigung geht? Er fällt, je nach Veranlagung, Zusammenhang und Gefühlslage einmal in diesen und einmal in jenen Modus der Begründung. Konfusion, Ärger, Chaos und Krieg sind die Folge.
Doch als wären die pronomenmangelbewirkten Verheerung nicht fatal genug, kommt es auch innerhalb der rechten Kategorien ständig zu Fehlern und Irrtümern. Da gibt es vorgeschobene Gründe, scheinbare Ursachen, oder Ursachen, die in Wirklichkeit lediglich Korrelationen sind. Es gibt gründelnde Gründe und Spitzfindigkeiten. Man konstruiert, oder bildet sich was ein. Man vertauscht Ursache und Wirkung. Man unterstellt und projiziert. Kurz, das Reich der Begründungen ist ein Morast, in dem auch der ehrenhafteste Wille zum Zusammenhang schliesslich versinken und verfaulen muss.
Ich müsste von Sinnen sein, wollte ich den faulen Pfuhl noch abziehn. Es wär‘ für dieses mal schon höchsterrungen, wenn ich nur Klarheit in eine dieser Kategorien brächte. Und so nehme ich mir die einfachste unter ihnen her.
Es folgt das Seminar über ungerechtfertigte Rechtfertigungen.
(1) I did it the hard way
“I did it the hard way”: Wenn Einer viel Mühe, Leid, Schweiß, Tränen etc. darauf wenden mußte, eine Einsicht, eine Fertigkeit oder eine Haltung zu erringen, kommt es mit großer Sicherheit zu dieser Haltung gegen jene, die die selbe Einsicht/Fertigkeit/Haltung ohne das erworben haben.
Sie kommt ständig und auf allen Gebieten vor: Gilt z.E. für Gottesfurcht, die von Spätbekehrten viel intensiver und innerlich erschütternder empfunden werden will, als von denen, die sie einfach vom Tischgebet Ihrer Kindheit her haben. Gilt für das Verständnis der allgemeinen Relativitätstheorie/Quantenelektrodynamik etc., die jeder Laie, der sich den mathematischen Formalismus mühsam ‘reingezogen hat, selbstredend weitgehender begreift, als ein spätpubertärer Physikstudent – was red’ ich! – gerade, wenn der Laie trotz Mühen den Formalismus <i>nicht</i> begriffen hat, hält er sich für befugt, den anderen Ignoranz und Überhebung vorzuwerfen.
“I did it the hard way”: Gilt für den Kommunismus, den jeder ideologisch Irrlichternde schliesslich genauer kapiert haben will, als Marx oder die professionellen Philosophen. Es gilt für Instrumentenkünstler, die kein musizierendes Elternhaus hatten, für Holocaustleugner, die nicht unter Hitler großwerden durften, für die Angler, die nicht bezeiten zum Häkchen gekrümmt wurden – you name it.
Ich sage nicht, daß da nichts dran sei. Es ist was dran. Doch, es gibt einen Unterschied in der Selbstverständlichkeit, in der Intensität, im Eifer etc., mit dem “I did it the hard way”-Typen das ihre tun. Nur den Fehler dürfen sie nicht machen, die von Ihnen erkannte Wahrheit für wahrer zu halten, weil sie unter erschwerten Umständen erworben war. Denn das ist die eigentliche Albernheit von “I did it the hard way”, eine wahre Wahrheit von einer falschen Wahrheit scheiden zu wollen.
“I did it the hard way” ist die unzulässige Vermischung des Inhalts einer Aneignung mit der Geschichte ihres Zustandekommens. Man soll das nicht in genauso unzulässiger Weise allzu strikt trennen. Aber wenn ich die Newton’sche Mechanik begreife, weil ich sie in der Schule gelernt habe, dann habe ich sie nicht weniger begriffen, als ein austraischer Buschmann, der sie in lebenslanger Mühe selbst nacherfinden mußte. Es ist gerade das Konstituierende des Wahrheitsbegriffes, einen überpersönlichen Anspruch zu markieren, einen Gültigkeitsanspruch, der in weitem Mass – vielleicht nicht gänzlich – unabhängig von den konkreten Aneignungsprozessen ist.
Wäre es hingegen so, wie “I did it the hard way” impliziert, so wäre der z.B. Kommunismus per se – und ich übertreibe, damit verstädnlich wird, was ich meine – per se von niemandem kapierbar, der nicht in seiner Kindheit nach Strich&Faden durchgeprügelt wurde. Was für eine Lehre, die Heilslehre der Verhinderten und Geprügelten, deren Erlernen eben das Fortbestehen, anstatt des Abschaffens solcher Zustände benötigtEs ist jetzt nicht so, dass jeder Mensch jederzeit diese Begriffe mit der nötigen Trennschärfe voneinander scheidet. Dabei könnte die Welt ein Garten sein, mindestens aber ein Blumenbeet, wenn gerade an dieser Stelle größere gedankliche Sorgfalt walten würde.Das Problem kommt nicht von ungefähr, es hat eine Ursache. Unsere schöne deutsche Sprache nämlich hält nur ein einziges Fragepronomen bereit, das nach allen Begründungen zugleich fragt; es heisst: „Warum?“.

Woher soll der Gefragte dann wissen, ob die Erkundigung nach der Ursache, nach seinen Gründen oder nach seiner Rechtfertigung geht? Er fällt, je nach Veranlagung, Zusammenhang und Gefühlslage einmal in diesen und einmal in jenen Modus der Begründung. Konfusion, Ärger, Chaos und Krieg sind die Folge.

Als wäre die pronomenmangelbewirkten Verheerungen nicht fatal genug, kommt es auch innerhalb der rechten Kategorien ständig zu Fehlern und Irrtümern. Da gibt es vorgeschobene Gründe, scheinbare Ursachen, oder Ursachen, die in Wirklichkeit lediglich Korrelationen sind. Es gibt gründelnde Gründe und Spitzfindigkeiten. Man konstruiert, oder bildet sich was ein. Man vertauscht Ursache und Wirkung. Man unterstellt und projiziert. Kurz, das Reich der Begründungen ist ein Morast, in dem auch der ehrenhafteste Wille zum Zusammenhang schliesslich versinken und verfaulen muss.

Ich müsste von Sinnen sein, wollte ich den faulen Pfuhl noch abziehn. Es wär‘ für dieses mal schon höchsterrungen, wenn ich nur Klarheit in eine dieser Kategorien brächte. Und so nehme ich mir die einfachste unter ihnen her.

Es folgt das Seminar über ungerechtfertigte Rechtfertigungen.

(1) I did it the hard way

“I did it the hard way”: Wenn Einer viel Mühe, Leid, Schweiß, Tränen etc. darauf wenden mußte, eine Einsicht, eine Fertigkeit oder eine Haltung zu erringen, kommt es mit großer Sicherheit zu dieser Haltung gegen jene, die die selbe Einsicht/Fertigkeit/Haltung ohne das erworben haben.

Sie kommt ständig und auf allen Gebieten vor: Gilt z.E. für Gottesfurcht, die von Spätbekehrten viel intensiver und innerlich erschütternder empfunden werden will, als von denen, die sie einfach vom Tischgebet Ihrer Kindheit her haben. Gilt für das Verständnis der allgemeinen Relativitätstheorie/Quantenelektrodynamik etc., die jeder Laie, der sich den mathematischen Formalismus mühsam ‘reingezogen hat, selbstredend weitgehender begreift, als ein spätpubertärer Physikstudent – was red’ ich! – gerade, wenn der Laie trotz Mühen den Formalismus nicht begriffen hat, hält er sich für befugt, den anderen Ignoranz und Überhebung vorzuwerfen.

“I did it the hard way”: Gilt für den Kommunismus, den jeder ideologisch Irrlichternde schliesslich genauer kapiert haben will, als Marx oder die professionellen Philosophen. Es gilt für Instrumentenkünstler, die kein musizierendes Elternhaus hatten, für Holocaustleugner, die nicht unter Hitler großwerden durften, für die Angler, die nicht beizeiten zum Häkchen gekrümmt wurden – you name it.

Ich sage nicht, daß da nichts dran sei. Es ist was dran. Doch, es gibt einen Unterschied in der Selbstverständlichkeit, in der Intensität, im Eifer etc., mit dem “I did it the hard way”-Typen das ihre tun. Nur den Fehler dürfen sie nicht machen, die von Ihnen erkannte Wahrheit für wahrer zu halten, weil sie unter erschwerten Umständen erworben war. Denn das ist die eigentliche Albernheit von “I did it the hard way”, eine wahre Wahrheit von einer falschen Wahrheit scheiden zu wollen.

“I did it the hard way” ist die unzulässige Vermischung des Inhalts einer Aneignung mit der Geschichte ihres Zustandekommens. Man soll das nicht in genauso unzulässiger Weise allzu strikt trennen. Aber wenn ich die Newton’sche Mechanik begreife, weil ich sie in der Schule gelernt habe, dann habe ich sie nicht weniger begriffen, als ein austraischer Buschmann, der sie in lebenslanger Mühe selbst nacherfinden mußte. Es ist gerade das Konstituierende des Wahrheitsbegriffes, einen überpersönlichen Anspruch zu markieren, einen Gültigkeitsanspruch, der in weitem Mass – vielleicht nicht gänzlich – unabhängig von den konkreten Aneignungsprozessen ist.

Wäre es hingegen so, wie “I did it the hard way” impliziert, so wäre der z.B. Kommunismus per se – und ich übertreibe, damit verstädnlich wird, was ich meine – per se von niemandem kapierbar, der nicht in seiner Kindheit nach Strich&Faden durchgeprügelt wurde. Was für eine Lehre, die Heilslehre der Verhinderten und Geprügelten, deren Erlernen eben das Fortbestehen, anstatt des Abschaffens solcher Zustände benötigt!

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2 Gedanken zu “Ungerechtfertigte Rechtfertigungen (1): I-did-it-the-hard-way

  1. Samuel von Reiflingen schreibt:

    Der Kommunismus als kapierbare Heilslehre also. Schüler, setzen. Heute werdet ihr lernen, wie die Menschen ihre Geschichte machen müssen. Der Leher als Gott. Das Problem als im Geiste schon gelöstes. Die Kategorien der falschen als Vorwegnahme der vernünftig eingerichteten Welt. Da hört man Hegel tapsen.
    Ich denke, die Kommunisten sind ganz schön auf den Hund gekommen nach Marx, dessen „Lehre“ nicht in der Verfassung eines Parteiprogramms bestand, sondern in der Formulierung dessen, was es aufzuheben gilt. Diese negative Tätigkeit nannte er Kritik der politischen Ökonomie und noch ihre Resultate sind derart beschaffen, daß kein Lehrer sie je einem Schüler als Stoff eintrichtern können wird, ohne sie ihres Gehalts zu berauben. Denn wie soll man einem Schüler eine Sache erklären, die als „verrückt“ erkannt wird? Das Gute an den „I did it the hard way“-Typen (wie Sie sie nennen) ist ja, daß sie Marx in einer wichtigen Sache ähneln. Nämlich, daß sie ihren Kommunismus nicht aus dem Lehrbuch für politische Ökonomie oder dem Staats(!)bürger(!)kundebuch haben, sondern aus ganz individuellem Leiden an einer Welt, die den Genuß verspricht und zugleich verunmöglicht. Menschen also, die durch dieses Leiden die Aneignung der Wahrheit nicht von ihrer persönlichen Geschichte trennen können, weil es den materiellen Gehalt dieser Wahrheit zerstören würde. Das wiederum führt dazu, daß diese „Typen“ den überpersönlichen Wahrheitsanspruch gerade in der Falschheit ihres Gegenstands erkennen und sich deswegen grundlegend vom Schüler unterscheiden, der nur wahre Wahrheit kennt, kennen will und damit im Geiste vorwegnimmt, daß alles so weitergeht wie es das ohnehin und ohne große Geistestätigkeit schon macht.

    In einer Sache jedoch gebe ich Ihnren recht, Eff, nämlich ihrer Negativthese zur Genese der Kommunisten. Das Durchprügeln von Kindern ist nicht eine historische Begleiterscheinung der Schule, die von ihrem Wesen zu lösen wäre. Auch heute lernt der Schüler in der Schule vor allem, seine Ansprüche an das Leben auf die des variablen Kapitalbestandteils zu reduzieren, der er hernach (hoffentlich nicht ganz) ist. Nur bedarf es der Prügel nicht mehr. Die allzu wahre Wahrheit, daß Güter knapp sind und das sich nie ändern wird, daß der Mensch des Menschen Unglück ist und es schon immer so war; die also, daß der so zum Tier erniedrigte fressen muß, um nicht gefressen zu werden ersetzt die Prügel vollständig. Diese Gewalt, die die geschundene Kreatur so sehr verhärtet, daß sie zu der Welt keine leidenschaftliche Beziehung mehr wird aufbauen können, hat das gleiche Resultat: Dieser Mensch wird kein Kommunist mehr werden können, weil er die Versagung des Glückes nicht hasst und stattdessen selber schindet.
    Marx stammte aus bürgerlichen Verhältnissen und wurde nur deshalb während seiner Kindheit nicht geprügelt und konnte auch nur deshalb das freie Denken, das Feind der Schule und der Lehrer ist, erlernen. Sie, Eff, wissen sichererlich um Beschaffenheit und Umfange des Maßes, in dem der Student Marx sich genötigt sah, Vorlesungen zu besuchen. Dieses Mißtrauen den Lehrenden gegenüber war Voraussetzung dafür, daß er die Leidenschaft hatte, die ihn sein ganzes Leben lang angetrieben hat, weil es ihn nie auf den „hard way“ der Heilslehre verschlagen hat, der seit seinem Tod von Kommunisten (wie Ihnen?) beschritten wird.

    Ihre Überschrift stimmt also auch. You really did it the hard way. Vielleicht konnten Sie auch nicht anders. Mich dünkt ja, sie kennen das Staatsbürgerkundebuch besser als ich.

    Ich muß sagen, daß Sie mit ihrem letzten Satz sehr gut ausgedrückt haben, was der Charakter nicht nur dieser Heilslehre, sondern jeder Heilslehre ist: Daß sie der Zustände, unter der sie gelehrt wird, bedarf, solange sie Lehre sein soll. Die Fassung der Welt in wahrer Wahrheit bedarf zur Selbstversicherung des Denkenden, der immer herrschen will, nun mal ihres Fortbestehens. Das ist gerade dort am widerwärtigsten, wo es ihm angeblich um die Abschaffung der Verhinderung und Prügel (also um die Abschaffung der Herrschaft) geht, die er doch selbst mit ins Werk setzt. Deswegen ist Kommunismus als Heilslehre Verrat am Kommunismus. Wenn jener massenhaft getätigt wird (z.B. in der SU unter Stalin), so daß die wirkliche Gestalt des Kommunismus und sein Gegenteil eins werden, dann sollte man als Kommunist sagen, daß man keiner mehr ist.

    Das Bekennertum ähnelte sowieso schon immer dem Verhalten der Gläubigen in der Moschee.

  2. nachdenklichekrankenschwester schreibt:

    Lieber Freiherr,

    Sie belieben immer schrecklich kompliziert zu reden. Wenn ich Sie recht verstehe, dann haben Sie etwas gegen die Schule soweit sie Dreinschicken in die Umstände und Selbstversagung lehrt. So radikal ist meine Absage nicht. Ich setze an die Stelle der Selbstversagung eine bewusste Selbstbeschränkung. Denn es ist sowohl masslos als auch unglückstiftend, ein grenzenloses Selbst gegen die Umstände zu setzen. Glauben Sie mir, ich kenne solche Menschen und ihr tagtägliches Scheitern. Denen gebricht am Ende ebenso die nötige Gelassenheit und Heiterkeit, wie den gänzlich Selbstentsagenden.

    Ihre Vermutung, dass ich selbst „the hard way“ zu den Dingen gekommen sei, geht übrigens fehl; ganz das Gegenteil ist der Fall. Ich war stets vom Glück begünstigt. Ich musste, was ich weiss, in den seltensten Fällen aktiv lernen. Ich habe es aufgeschnappt, eingeatmet, nebenher ergriffen. Natürlich, begreifen tat ich es erst, als ich mich zur Selbstdenkerin hinaufgequält hatte. Aber dieser Schinderei muss sich auch die Glücklichste unterwerfen, wenn sie die Anstrengung des Denkens unternimmt. Die Frage von „I-did-it-the-hard-way“ ist ja lediglich, von wo man starten kann und welche Ausrüstung man mitführt. Aber auf den Gipfel der Erkenntnis müssen wir alle; oben ist Treffpunkt.

    Schliesslich, ja, die implizite Richtigweisung ist tatsächlich, dass der Kommunismus keine Heilslehre ist. Diesbezüglich kein Blatt zwischen uns. Dazu geht es nocheinmal näher in der zweiten Hälfte des Seminars („Heimzahlungsideologien„).

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