Hardcore

Die Spiegelmetapher: Zwei Spiegel, einander vorgehalten

Sicher kennen Sie das: Zwei Spiegel, einander vorgehalten. Wenn derer Flächen so gedreht sind, dass sie sich genau parallel zueinander finden, erzeugen sie plötzlich eine endlose Reihe einander wiederzeugender Spiegel, so dass sich die Illusion einer eröffneten Dimension, einer neuen Räumlichkeit ergibt. So stelle ich mir die Beziehung zwischen Sein und Bewusstsein vor.

Ah!, Wiederspiegelungstheorie werden Sie jetzt gelangweilt sagen. Nicht ganz. Eigentlich ganz und gar nicht. Warten Sie es ab!

Die Spiegelmetapher setzt lediglich einen Anfang. Ihr Vorteil ist, dass sie die Abbildung — das Erkennen, das Form-Machen und Unterscheiden, das Bedeutungs-Schöpfen also — als einen Prozess darstellt, bei dem das Erkannte durch eine “passende” wechselseitige Einstellung von Sein und Bewusstsein erzeugt wird. Einer ihrer Nachteile ist, dass sie die Spiegel als fest vorgegeben und im Wesentlichen gleichartig nimmt. Mit der Gleichartigkeit wiederhin hat es soweit sein rechtes Bewenden, als dass wir das Bewusstsein, wie es das Wort selbst nahe legt, lediglich als eine besondere Art des Seins auffassen wollen.

Zurückspulen. Was bedeutet das: Erkennen, Abbilden, Form-Machen, Bedeutungs-Schöpfen etc.? Ganz allgemein meint das den Prozess, wie aus “irgendetwas” “etwas” wird, wie aus dem Nicht-Bezeichenbaren etwas Bezeichnetes wird. An der Stelle ist Obacht geboten: Nicht nur etwas “Bezeichenbares” erzeugt dieser Prozess, sondern sofort etwas “Bezeichnetes”*; der Grund ist, dass etwas, um bezeichenbar zu sein, schon bezeichnet werden muss; es ist ja bereits ein “Etwas”. Hier erledigt sich ganz nebenbei der Universalienstreit zwischen Nominalisten und Realisten, noch ehe er recht ins Leben treten konnte. Auf der Ebene der ersten Unterscheidung — wir trennen nicht das “Sein” vom “Nichts”, sondern das Begriffliche vom Vorbegrifflichen — auf dieser Ebene gibt es weder einen ontologischen Unterschied zwischen Sein und Bewusstsein, noch einen zwischen dem Konkreten und dem Abstrakten. Jedem “Etwas” kommt das selbe Sein zu, auch dem Sein selbst. Gleichenfalls dem Bewusstsein, dem Konkreten, dem Abstrakten etc.

*In dem Wort allein schon steckt eine Dichotomisierung: Bezeichnung heisst immer Zeichen (Bezeichnendes) plus Bezeichnetes. Sich selbstbezeichnende Zeichen bilden keine Ausnahme; es ist eine Dichotomisierung der Bedeutung: Ein selbstbezeichnendes Zeichen (z.b. die Zahl eins) tritt dann doppelt als Zeichen und Bezeichnets auf.

Doppelte Spiegelung: Das Sein schafft sich, indem es auf sich selbst operiert. Jedes “Etwas” soll im Prozess der doppelten Spiegelung entstehen, aber was heisst Spiegelung? Spiegelung heisst Repräsentation. Repräsentation, herkömmlich verstanden, ist eine einfache (bijektive) Abbildung, d.i. einem Objekt A wird ein Objekt B zugeordnet und umgekehrt. A steht für B, B meint A etc.

Eines der Probleme hieran ist in unserem Zusammenhang, dass die Objekte A und B vorhanden sein müssen und wir lediglich die richtige Zuordnung suchen. Im vorliegenden Fall müssten also mindestens zwei verschiedene Sorten “Etwas” vorliegen (nämlich A und B, und überdies wahrscheinlich noch eine Instanz bzw. ein Prozess, der die wechselseitige Zuordnung trifft). Die Frage ging aber gerade danach, wie A und B — überhaupt jegliches “Etwas” — voneinander und vom “Rest” geschieden und bezeichnet werden können? Vorliegt scheinbar ein Münchhausen-Problem, d.i. wie kann etwas unterschieden werden, ohne dass es nicht schon Unterscheidungen gibt?

(Ergo kann Repräsentation nicht heissen, dass etwas Vorhandenes äusseres durch etwas anderes vorhandenes Inneres abgebildet wird. Das jedoch besagt die klassische Wiederspiegelungstheorie. — Ich habe ja versprochen, dass wir etwas anderes kennen lernen, als lediglich eine um Wechselseitigkeit erweiterte Wiederspiegelung.)

Wir hatten gesagt, Repräsentation teilt in mindestens zwei verschiedene Sorten „Etwas“. Das war geflunkert. Eigentlich teilt jedwedes “Etwas” das Sein sogar in mindestens vier Teile; wahrscheinlich sogar in viel mehr. Es entstehen nämlich, sofern wir in der zweiwertigen Logik operieren, auf einen Schlag vier unterschiedliche Sorten “Etwas”: Das Bezeichnete (A), das Bezeichnende (B), das Nicht-Bezeichnete (das Komplement, der Rest R) und das Ganze (G), von dem A, B und R Teile sind. Auch das Ganze muss festgelegt sein. Um zu unterscheiden muss nicht nur etwas Anderes da sein, von dem unterschieden wird, sondern auch ein Ganzes, in dem unterschieden wird. Beliebige All-Mengen führen zu Widersprüchen. –

Wesentlich ist hier nicht die Zahl vier oder sonsteine Zahl. Wesentlich ist, dass jedes “Etwas”, auch wenn es nur ein Teil des Seins ist, durch seine Scheidung immer auch das Sein erschafft. Je nach Reichhaltigkeit des “Etwas” bläht sich das Sein oder es schrumpft, was mit unserer Alltagserfahrung zusammengeht, wonach sich das Sein, mit fortschreitendem Wissen ständig erweitert. Das Sein ist also sekundär. Primär ist die Unterscheidung. Hegels System, mit anderen Worten, müsste besser so anfangen: Alles ist entweder Begriff, oder es ist irgendetwas.

Erste Nutzanwednungen: Was ein Begriff ist kann man explizieren; wir wollen das an späterer Stelle tun. Es ist auf jeden Fall einfacher als das Sein oder das Nichts. Ein anderer Vorteil dieser ersten Scheidung ist, dass uns die Frage nach der Existenz des Unbezeichneten erspart bleibt. Es existiert vielleicht, aber es ist kein “es”. Man sieht schon, das “Irgendwas” wird uns noch Scherereien machen. Aber eines leuchtet hier schon ein: Es ist es die natürlichste Art der ersten Unterscheidung wenn wir die Unterscheidung selbst als erstes setzen. Das sollte als Grund genügen.

Das Sein also ist nicht vor dem Bewusstsein, aber es ist ihm auch nicht nachgeordnet. Beides entsteht aneinender. Das ist alles. Hätten wir auch die sogenannte “Hauptfrage der Philosophie” durch, die natürlich nie die Hauptfrage war. (Übrigens war es immer besonders falsch, diese Frage als Frage nach der ersten Beschaffenheit des Universums zu verstehen.) Ebenfalls durch sind Konstruktivismus und Realismus. Beide machen den Fehler, das “Innen” nicht gleichberechtigt dem “Aussen” zu behandeln. Konstruktivismus: Das Innen konstruiert; das Aussen gehorcht mehr oder minder. Der Konstruktivismus kehrt den Realismus im Wesentlichen um, anstatt ihn aufzuheben. Aufheben kann ihn nur ein ebenbürtiges Aneinander von Sein und Bewusstsein.

Die Frage bleibt jedoch: Wie? Wie ist der Mechanismus dieses wechselseitigen Zeugens zu denken? Wie gesagt, es ist ein Münchhausen-Problem. Wir nehmen uns seiner später an. Momentan genügt es, wenn wir nocheinmal sagen, was das Spiegeln meint: Es meint eine stete, wechselseitige Wiederzeugung; es meint Repräsentation. Repräsentation ist also nicht nur eine wechselseitige Zuordnung; Repräsentation ist ein Prozess, der Struktur und Stabilität erzeugt.

Advertisements
Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s