Nachdenklichkeiten

Wirklich schwarzer Humor

(c) William B. "Bill" Watterson II

Nachts, wenn die Sterne trautlicht funkeln: Wenn kein unnützer Laut uns von der Gewissheit der eigenen Existenz ablenkt, wenn wir uns Angesicht zu Angesicht mit dem sich fortwölbenden Unermesslichen finden, und, gleichsam verdunstend, selbst zu einem göttlichen Beobachter werden, wir: oben tronend und alles durchwirkend, die Welt: vor uns hingebreitet, in uns aufgesogen; wenn wir in diesen somnambulen Zustand der Nachtentrückung geraten, na, was denkt da wohl die Hälfte von uns?

Kleiner Tip, sie denkt nicht an Olbers Paradoxon. Nee nee, das Faszinosum der Schwärze der Nacht sind natürlich die schwarzen Löcher. Klar, am Tag kann man sie nicht sehen, weil alles vom grellen Schein der Sonne übertrahlt wird. Die stört. Nachts hinwieder stört die Dunkelheit. Das Loch bleibt dann durch mangelnden Kontrast, nunja, irgendwie undeutlich.

Ich habe meine Äugelein schon oft mit irrer Energie in den Kosmos gebrannt: Vielleicht würde ja ihr sprichwörtliches Leuchten wie eine Taschenlampe das Himmelsmobiliar wenigstens schemenhaft sichtbar machen? Statt schwarzer Löcher war aber nur schwarze Wimperntusche, weil das Anstrengen der Augen die Tränendrüsen leider zum nichtsnutzen Mittun anregt.

Das ist natürlich alles Blödsinn. Freilich kann man schwarze Löcher nicht sehen, es geht ja kein Licht von ihnen aus. Ausser vielleicht der dubiosen Hawking-Strahlung, aber die hat auch noch niemand gesehen. Schwarze Löcher haben einen Ereignishorizont (das kennt man ja), durch den kann niemand hindurch winken, nicht einmal telephonieren, weder von aussen, noch von innen. Schwarze Löcher, mit anderen Worten, sind extrem blickdicht. Strümpfe und Velan aus schwarzen Löchern, der Hype unter Nonnen.

Schwarze Löcher, heisst es, könne es in zwei Ausführungen geben: In der normalen, kosmischen Variante, oder in einer Minivariante, die durch den Zusammenstoss ziemlich schneller Teilchen entsteht. Der Zusammenstoss, so will es die Sage, macht nämlich zusätzliche eingerollte räumliche Dimensionen (zusammengelegte Strümpfe!) zugänglich, in welchen dann die Gravitation – das ist die Anziehungskraft zwischen zwei Massen – also in welchen die Gravitation dann stärker wirken könne, als in unseren schnöden drei Dimensionen. (Schlagzeile: Skandal! Sind wir dimensionsdiskriminiert?!) Wenn diese Zusammenhaftung der schnellen Teilchen aufgrund von kurzreichweitiger Dimensionserweiterung geschieht, dann entsteht, so die Legende, ein mini mini mini schwarzes Loch. Wie süss!

Gar nicht süss! Das mini mini mini schwarze Loch ist nämlich, wie alle schwarzen Löcher, extrem gefräßig. Es schmatzt unanständig (rülpsen kann es ja nicht, besagte Hawking-Strahlung ist allenfalls ein lascher Hauch) und schlingt alles in sich, wobei es fortwährend wächst. Nun scheuen sich, mit Ausnahme von Roger Penrose, die Physiker gemeinhin, ihren Objekten mentale Inhalte zu unterschieben und doch kann ich mich angesichts dieses ruchlos wachsenden schwarzen mini mini (ein mini fällt schon weg) schwarzen Loches nicht des Eindrucks entschlagen: Das Viech ist eifersüchtig auf seine kosmischen Vettern.

Wir schweifen ab. Um Vergebung. Nacht, Kosmos, schwarze Löcher – irgendwo da draussen, bei dieser Szenerie waren wir stehen geblieben. Ausser, dass wir eine grosse Erhabenheit spüren, kommt uns nicht viel in den Sinn. Und von schwarzen Löchern nicht die leiseste Spur. (Einziger Gedanke: Müsste, angesichts der schwarzen Löcher, Olbers Paradoxon nicht umgekehrt lauten: Warum ist überhaupt etwas am Himmel zu sehen? Aber das gehört angelegentlich nicht hierher.) Da sind wir also. Sie und ich. Das Universum bestaunend und seine seltsamen Bewohner überdenkend.

Ausser Ihnen und mir aber gibt es noch eine kleine Schar Eingeweihter. Ich spreche von Physikern. Die stehen nicht wie wir vorm schwarzen Loch und rufen: „Ich sehe aber gar nichts!“ Die stehen da und rufen: „Ich sehe es!“ Der Unterschied zwischen uns und denen ist, sie tragen ein Bild des schwarzen Loches in sich. Die wissen, wonach sie suchen müssen. Die haben so intensiv hingedacht, dass es in ihnen entstanden ist, das schwarze Loch. Als einseitiges Spiegelbild des wirklichen, unbeobachtbaren da draussen. Und wenn sie ersteinmal dieses Phantombild in alle Physikerzentralen der Welt gefaxt haben, dann kennt Kosmopool (kann man die Fahnder nach kosmischen Verbrechern so nennen?) nichts mehr. Dann wird gefahndet und gerastert bis die Instrumente versagen, und irgendwann verfängt sich der kosmische Schlund im Netz seiner Verfolger (oder verfängt sich das Netz in seinem Schlund?). Physiker. Irgendwann kriegen sie jeden.

Plötzlich ein feines Stimmchen: „Ach wie gut, dass niemand weiss“, kichert das mini mini schwarze Loch, „ob ich überhaupt existiere!“ „Warte nur!“, wollen wir ihm hämisch zurufen, „wenn Du so weiterwächst, haben sie Dich bald. Es ist nur eine Frage der Zeit.“ Aber so einfach ist das nicht. Denn die mini mini schwarzen Löcher müsste man, um sie sehen zu können, unters Mikroskop legen. Und das wieder erfordert, dass man erstmal eines hat. Die Katze mithin, es ist einmal nicht die von Erwin Schrödinger (die ist schon vergiftet) beisst sich in ihren ringelgestreiften Schwanz.

Aber Physiker sind schlau. Haben sie kein mini mini schwarzes Loch zur Hand, um es unters Mikroskop zu legen, dann bauen sie sich eben eines. Bei der Gelegenheit erwiese sich, ob das mit den aufgerollten Zusatzdimensionen überhaupt stimmt. Wenn es jedoch nicht stimmt, dann besteht Hoffnung, ein noch seltsameres Ungeheuer aus dem Teilchenzoo anzutreffen: das Higgs-Boson. Unter Physikern gilt das Higgs-Boson für unendlich viel kostbarer, als ein mini mini mini schwarzes Loch. Es würde ihnen erlauben, alle bekannten Wechselwirkungen auf eine einheitliche Ursache zurück zu führen. Hingegen würde ein mini mini mini schwarzes Loch soetwas wie die oberste Grenze für massereiche Teilchen festlegen. Drüber gäbe es dann nur noch unterschiedlich grosse schwarze Löcher und keine lustigen Alleserklärteilchen, wie das Higgs-Boson.

(Ich persönlich habe da so meine Zweifel. Das mit den Wechselwirkungen stimmt ja, wenn man genau hinschaut, nur so ungefähr. Ihr Grössenabfall folgt nicht aufs Haar irgendwelchen inversen Abstandspotenzen. Ich würde mal postulieren, der Wirklichkeit liegt keine universelle Logik zugrunde. Wenn wir gut sind, bestätigt sie unsere Vorurteile. Alle Wissenschaft ist am Ende empirisch. Das heisst, die Wirklichkeit blinkert im Erfolgsfall so zurück, wie wir sie angeschaut haben.)

Also: Higgs-Boson oder mini mini mini schwarzes Loch, das ist hier die Frage. Das Mikroskop, um die Frage zu beantworten, ist fertig gebaut. Es heisst LHC, steht unter Genf und misst in der Länge fast dreissig Kilometer. Je kleiner das zu Beobachtende, desto grösser das Mikroskop. Die Physiker stehen da an verschiedenerlei Gerät herum und beschleunigen geladene Teilchen. Was uns der nächtliche Sternenhimmel, sind denen Statusanzeigen von Vakuumpumpen und Detektoren.

Wenn die sich in unseren Himmel mischen, können wir uns auf ein paar Zeilen in deren Experimente mischen, oder? Was, fragen wir, wäre gewonnen, wenn bei dem Experiment nachweislich Higgs-Bosonen erzeugt würden? Wäre ich eine Physikerin und hätte dieses Experiment durchgeführt, ich schlüge dem Universum fest auf die Schulter, und riefe: „Ganz prächtig, altes Haus! Es ist doch immer schön, wenn sich alle Akteure an den Text halten.“ Was hingegen wäre verloren, wenn im LHC ein mini mini mini schwarzes Loch entstünde? Ich meine, ausser natürlich des Higgs-Bosons (das ja dann gar nicht verloren ginge, weil es nie da war).

Herr Rössler meint, nicht allzuviel. Höchstens unsere gute alte Erde. Ich rede nicht von der Substanz, sondern von dem Planeten. Das mini mini mini schwarze Loch pendelte dann durch unseren Planeten (der kein wesentliches Hindernis für es darstellt), und wenn es dabei zufällig sehr in die nähe eines unschuldigen Erd-Atoms kommt: Frisst es das auf. Dergestalt, sagt Rössler, stürzte unser Planet so peu à peu in das mini mini mini schwarze Loch und hätte am Ende einen Durchmesser von nurmehr einem knappen Zentimeter. Boh, wie das eng wäre!

Es gibt aber welche, die glauben Rössler nicht. Insonderheit nicht die Physiker am LHC. Die sagen: mini mini mini schwarze Löcher zerstrahlen. Und zwar im Handumdrehen. Infolge besagter Hawking-Strahlung (jener, die noch niemand je gesehen hat.)

Die sagen auch: Irgendwie gibt es doch all die Himmelskörper am Himmel. Wenn so ein vagabundierendes mini mini mini Loch ganze Sonnensysteme verschlingen könnte, dann sollte das Universum längst vollständig in schwarzen Löchern verpackt sein. Zwar kann so ein mini mini mini schwarzes Loch die meiste Materie ungehindert durchdringen, aber irgendwo wird es immer ein bisschen abgebremst, es kann ja nicht unendlich lange herumfliegen und dann schliesslich, wenn es langsam genug ist, kann es in einen Stern fliegen, woraufhin der implodieren sollte. Sagen die Physiker und wiegen dabei ihre gewichtigen Häupter.

Ich hingegen sage: Rössler hat recht! Und nicht nur das: Rössler hat ungewollt den Beweis erbracht, dass es irgendwo da draussen intelligentes Leben gibt. Jawoll! Die schwarzen Löcher sind dieser Beweis. Es gibt sie ja. Nachweislich. Gut, Sie und ich, wir beide haben sie nie gesehen. Aber schenken wir den Physikern diesbezüglich ruhig einmal Glauben. Sie haben etwas gesehen, das genauso aussah, wie das Fax, das aus ihren Fahndungsbüros rüberkam. Schwarze Löcher eben. Und ich sage: Das waren die Ausserirdischen! Diese schwarzen Löcher waren deren LHCs. Die waren genauso schlau wie wir, hatten ihren Einstein und ihre Relativitätstheorie, ihren Bohr und ihre Quantenmechanik, ihr Vereinheitlichungsdilemma, ihren Higgs und folglich dann ihren eigenen Ausschalter. Die kosmischen schwarzen Löcher sind der sicherste Beweis, sowohl für die Existenz der Ausserirdischen, als auch für die Existenz und Langlebigkeit von mini mini mini schwarzen Löchern.

Schwarze Löcher sind der Beweis. (c) Ina Eff

Und sie beweisen zweifelsfrei, dass wir niemals mit den Ausserirdischen werden reden können. Es sei denn, warten Sie, wie war das noch mit den Wurmlöchern…

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2 Gedanken zu “Wirklich schwarzer Humor

    • Merci, merci! Und wäre der Winter schon vorbei, würde ich sogar einen Knicks für die Blumen machen. Aber leider blüht ja noch nüscht.

      Immerhin kann ich das Kompliment zurückgeben: Scharfe Seite, von wo Sie herkommen! Sehr anregend. Hach, das Internet! Wenigstens da taut’s.

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