Sinnsprüche und Splitter

Sinnsprüche und Splitter (1)

Bislang habe ich Aphorismen und was ich dafür hielt in nicht-chronologischer Reihenfolge, getrennt vom Rest des Blogs unter „Sinnsprüche und Splitter“ publiziert. Das war, wie ich nun, nach kurzem Überdenken der Sache befinde, nicht klug: ich hätte sofort von Lichtenberg lernen, und in halbwegs richtiger zeitlicher Abfolge veröffentlichen sollen. Fortan gelobe ich temporale Richtigkeit (mit kleinen Schummeleien):

Aphorismus (1): Der Aphorismus ist das Atom der Dialektik.

Genie (1): Die Wirklichkeit ist eigentlich recht einfach. Man darf nur den fatalen Fehler nicht machen, zu glauben, sie sei so primitiv, wie das Bild, das wir von ihr haben.

Romantik (2):Das Elend des Affektes ist, daß alle ihn wollen und niemand sich zu ihm bekennt. Das Elend der Welt aber vergrössserte sich gewaltig, wenn es umgekehrt wäre.

Versmaßgaben: Der Vers zwingt zur Präzision. Seine Herrschaft adelt seine Knechte.

Anderswelt:Verschwörungstheorien und Sprachrelativismus entstehen aus der gemeinsamen Sehnsucht – Furcht? – dass alles auch „ganz anders“ sein könne.

Verständlichkeit (1): In der Regel wird man von seinen Feinden besser verstanden, als von seinen Freunden. Oder so: Eine Idee wird in der Regel von ihren Kritikern besser erfasst, als von ihren Apologeten.

Möglichkeit & Wirklichkeit: Das Leben ist wirklich ein riesengrosses Geschenk! So groß, dass man bis zum Grab mit auspacken beschäftigt ist.

So müsste es gehn: Kauft nicht beim Kapitalisten!

Häufigste Todesursache: Tod durch Alltag.

Kunst (2): Kunst ist, wenn mit möglichst speziellen Mitteln möglichst allgemeines bedeutet wird. Wissenschaft ist, wenn mit möglichst allgemeinen Mitteln möglichst spezielles bedeutet wird.

Buch und Film: Ein Buch trinkt man, in einen Film taucht man ein.

Holocaust: In Dt. sind die Täter, in New York die Opfer. Dort redete man unablässig, hier schwieg man unablässig. Nun ist Generationswechsel: Hier beginnt man zu reden, dort beginnt man, es satt zu haben. Das ist die Dynamik des historischen Gossip: Langsam verebbende Wellen.

Politik: Politik ist die Kunst des Schuldigenfindens.

Aphorismus (2): Ein Aphorismus kann alles sein, außer falsch.

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8 Gedanken zu “Sinnsprüche und Splitter (1)

  1. (… ich erlaube mir hier – nach Rücksprache mit meiner inneren Gruppe – meinem Behagen im quasi Vorübergehen unmittelbar Ausdruck zu verleihen…)

    (… oder so ähnlich… Frohe Finksten…)

  2. Fein, Knicks, Merci! So eine innere Gruppe verfügt ja nur selten über Geschmacksbildung. Meist trampelt sie den inneren Rasen platt oder macht sich johlend über die inneren Trauben her. Selten, dass die sittlich sind. Die brandschatzenden Horden des Mittelalters, sahrick manchmal, sind ja nicht wirklich fort & aus der Welt. Heutzutage machen sie einen auf innere Gruppe und hellebarden+morgensternen womöglich schlimmer als einst.

    Ich nehme es, mit anderen Worten, als Zeichen seelischer Unversehrtheit, diesen Sudelblättern ein Amüsemang abgewinnen zu können. (Fein, Knicks, Merci!)

  3. Konrad Astfalck schreibt:

    „Der Aphorismus ist das Atom der Dialektik.“

    Demnach wäre der Aphorismus die kleinste unteilbare Einheit der Dialektik. Auf wieviel Grad Celsius müßte man demnach zwei Aphorismen erhitzen, damit sie fusionieren und dabei Energie freisetzen? Sie merken, liebe Eff, ich spreche Sie als potenzielle Sonne an…

    • Bester Herr Astfalck, schön, dass Sie nachfragen. Die Entdeckung der Aphorismenspaltung war ein gefährlicher Segen für die Menschheit. Die Griechen waren sich bewusst, mit dem Feuer zu spielen. Sie spielten gern mit dem Feuer. Natürlich werden, wenn man Aphorismen spaltet, gewaltige Energiemengen frei. Es reicht mindestens, um eine ganze Tüte voller Marshmallows zu rösten! Heute kennt jedes Kind die Gleichung: Aphorismenspaltung = 2 x klassische Logik + Energie. Würden alle Aphosrismen gespalten, hätte man 2 vollständige klassische Logiken und eine Menge Energie. Dieses Plus an Energie ist, was aus einem Aphorismus mehr macht, als eine Behauptung inklusive ihres Gegenteils. Er weist, im Gegensatz zu jeder Behauptung samt Gegenteil, über sich hinaus. Wie das so ist: Mit Gewinnung er klassischen Logik entstanden die Einzelwissenschaften und mit ihnen brach der ganze Segen des Fortschritts über die Menschheit herein. Seither schreitet es wie verrückt. Glücklicherweise sind noch einige Aphorismen übrig geblieben.

      Was nun die Aphorismenfusion betrifft: Die wird wohl ewig eine schöne Verheissung bleiben. Gelungen ist sie noch keinem. Heraus käme wahrscheinlich eine Art systematischer Weltanschauung. Ich fürchte, das überstiege das Fassungsvermögen der Menschheit. Sie muss sich mit den Atomen der Weltanschauungen begnügen. Noch jedesmal, wenn sie daran herumamalgamiert hatte, stellte sich das ganze hinterher als Alchemie und Quacksalberei heraus. Weshalb ich frage: Was ist so schlecht an den Atomen? Warum reichen sie nicht aus? Genügt nicht, sie schön zueinander zu legen, wie bunte Steine in einem Kaleidoskop?

    • Cato_der_Censor schreibt:

      Sehr geehrter Felix Bartels, Sie wissen wahrscheinlich nicht, wer Georg Christoph Lichtenberg war. Er war der erste deutsche Professor für Physik und ausserdem Verfasser von Aphorismen. Diese Aphorismen schrieb er in Schreibhefte, die er selbst Sudelbücher nannte und die posthum veröffentlicht wurden. Man kann das auch auf Wikipedia nachlesen. Jedenfalls sind Lichtenbergs Sudelbücher offensichtlich der Namensgeber für diesen Blog. Wenn Sie den Blog besser gelesen hätten, dann würden Sie das auch wissen.
      Es kann auch sein, dass sie deshalb einen Kalauer machen, weil Ihnen die Form des Aphorismus als „Gedudel“ erscheint. Da kann ich Ihnen nur entgegnen, dass es viele Menschen – zum Beispiel mich – gibt, die Aphorismen sehr anregend finden. Obwohl sie kurz sind und, wenn man sie nacheinander liest, von einem zum anderen Thema zu springen scheinen, sind sie kein Gedudel. Lichtenberg war sicher ein kluger Mann und hat in seinen Aphorismen mehr gesagt, als manche zeitgenössischen Dichter obwohl die oft berühmter waren. Daran sieht man nur, dass die aphoristische Form eben nicht für jedermann ist. Vielleicht auch nicht für Sie.

      • Lieber Marcus Porcius,

        das ist ganz liebreizend von Ihnen, sich für meinen Blog in die Bresche zu werfen. Aber Sie dürfen davon ausgehen, dass der Herr Bartels sowohl den Herrn Lichtenberg kennt, als auch einen Sinn fürs Aphoristische hat. Ich bin nämlich mit Herrn Bartels bekannt. Sein Ulk hatte einzig den Hintergrund, dass wir nicht den selben Enthusiasmus für Fussball aufbringen. Wir haben uns deswegen ein bisschen bespöttelt. Das ist schon alles.
        Ihre Parteinahme für diesen Blog rührt mich dennoch; ich werfe Ihnen eine Kusshand zu.

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