Welterklärungen

Arbeit, Staat und Freiheit. Kleine Systematik. (Erster Teil, Draft.)

Ausführung einiger Trivialitäten zur Vermittlung ihrer allgemeinen Geläufigkeit

Der Staat ist menschgemacht. Freiheit, aus Sicht des Einzelnen, ist die Illusion, selbst entscheiden zu können. Freiheit, aus Sicht des Staates, ist Berechenbarkeit.

Ina Eff@Freiherr v. Reiflingen

Der Staat ist der Religion verwandt, weil er etwas ist, dass zugleich unabhängig vom Subjekt besteht, als auch nur darin besteht, dass es ihn denkt. Er ist die zugleich objektive und subjektive Grenze der Freiheit, mithin das, was sie bestimmt. Freiheit ist somit nicht einerseits objektiv, andererseits subjektiv bestimmbar. Sie ist überhaupt nicht bestimmbar, ansonsten sie keine wäre. Als nicht bestimmbare ist sie negativ bestimmt als das Jenseits der Objektivität des Subjekts… Sie denken vom Staat wie der Katholik von Gott.

Freiherr von Reiflingen @ Ina Eff

Vorrede: Schöner Scheitern

(1) Nach dem Staat allein läßt sich nicht  fragen. Zu mannigfach sind die  Zusammenhänge, in denen er steht.

(2) Jede Bestimmung ist der Versuch, aus dem Vieldeutigen ein Eindeutiges zu machen. Wer überhaupt etwas wissen will, darf nicht alles wissen wollen.

(3) Jede Bestimmung, offensichtlich, muß daran scheitern, daß das Vielfältige zum Einfältigen wird. Sie scheiterte selbst in dem Fall  der Bestimmer die großartige Geschicklichkeit besäße, das Vieldeutige seines Gegenstandes einzufalten, wie eine Blüte in die Knospe, der sie entsproß. Denn die Knospe ist die Blüte nicht, und ein Gegenstand noch weniger die Konstruktionsvorschrift, nach der man ihn herstellen kann.

(4) Der Bestimmer scheitert, weil er von allen Zusammenhängen, in denen der reale Gegenstand steht, nur die ansieht, die ihm wesentlich erscheinen. Indes, es gibt nichts Wesentliches. Es ist lediglich die seltsame Eigenart der Tätigkeit, die wir «Denken»  nennen, auf etwas Bestimmtes gerichtet zu sein. Dadurch ist das zu Bestimmende auch schon bestimmt. Es gibt, mit anderen Worten,  Zwecke und Methoden anstatt des Wesentlichen. Der Unterschied zwischen Wesen und Erscheinung ist nur die Verschiedenheit, mit der ein Gegenstand in unterschiedlichen Zwecken und/oder Methoden aufscheint. Wie wir die Welt anschauen, so blinzelt sie zurück.

(5) Das Scheitern bestimmt jede Bestimmung. Alle Bestimmungen scheitern anders. Je größer das Scheitern, desto besser die Bestimmung. Die Vielheit des Scheiterns macht die Einheit des Gegenstandes. Es ist ja nicht ohne Weiteres einsehbar, dass eine Sache, die in unterschiedlichen Zwecken und/oder Methoden verschieden aufscheint, immer noch die selbe Sache sein soll. Erst die Vielheit des Scheiterns umreisst den Gegenstand. Dessen in jeder einzelnen Bestimmung verloren gegangene Mannigfaltigkeit wird von der Gesamtheit allen Scheiterns in eine Vielbestimmtheit rückverwandelt. Diese Vielbestimmtheit ist nicht die Vielheit des Gegenstandes selbst. Sie ist das beste, das wir haben.

(5a) Soviel der Vorrede. Ich setze den Staat in den Zusammenhang von Arbeit und Gesellschaft. Freiheit wird als abgeleiteter Begriff erscheinen. Von allen behandelten Begriffen ist die Freiheit der kleinste. Natürlich werde ich scheitern.

Erster Teil

E i n e  e m p i r i s c h e  T h e o r i e  d e r  A R B E I T

(6) Was ist Arbeit?

(7) Kommunistenkalle sagt:

«Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit.»

(Karl Marx, Das Kapital, Dietz Verlag, Berlin 1972, Bd. 1, S. 192)

(8) Aha. Stoffwechsel. Das soll hinreichen?

(9) Jegliche Tätigkeit des Menschen ist Stoffwechsel. Die Aufgabe liegt in der Kategorisierung der Tätigkeiten.

(10) Welche Tätigkeit ist Arbeit, welche Spiel; welche Gewohnheit, welche ist Ritus? Welche Tätigkeiten sind beiläufig, welche unwillkürlich, welche willkürlich; welche sind frei und welche unfrei?

Weh Weh Weh: Drei Merkmale der Arbeit.

(11) Arbeit zeichnet sich von allen Tätigkeiten durch drei Merkmale aus. Das dritte scheidet den Menschen vom Tier. Er wird als Bastard auftreten; als Abkömmling von Ameisen und Affen.

(12) Erstes Merkmal von Arbeit ist, dass sie die Bedingung ihrer eigenen Ausführung ständig neu erschafft. Arbeit, mit anderen Worten, ist eine Tätigkeit, deren Verrichtung es ermöglicht, sie am nächsten Tag erneut auszuführen. Dieses Merkmal nennen wir Wiederzeugung. Wohlgemerkt, Wiederzeugung nicht des Arbeitenden, sondern der Tätigkeit selbst.

(13) Wiederzeugung ist ein konservatives Element. Arbeit ist zunächst konservativ, denn stabilisiert durch Wiederzeugung ihre eigene Existenz.

(14) Arbeit ist immer Wiederzeugung, aber nicht jede Tätigkeit, deren Verrichtung ihre Wiederverrichtung ermöglicht, ist Arbeit. Essen, zum Beispiel, ist keine Arbeit.

(15) Das zweite Merkmal sagt, warum. Arbeit ist aufgeteilte Tätigkeit. Niemand kann für den anderen essen. Arbeitsteilung ist nicht irgendeine besondere Organisationsform der Arbeit, keine optionale Form die sein kann oder auch nicht. Ohne Teilung keine Arbeit; das Wort Arbeitsteilung ist ein Pleonasmus. Nicht der Stoffwechsel macht die Arbeit, sondern die Aufteilung des Stoffwechsels unter den Individuen. Ein Tier, das alle Verrichtungen, die seiner Selbsterhaltung dienen, allein ausführt, arbeitet nicht. Es lebt. Arbeit im Tierreich hebt dort an, wo die Individuen verschiedene Tätigkeiten untereinander aufteilen. Die Eigenart der Arbeit, mindestens jene Tätigkeiten, die zum Überleben der Art unabdingbar sind, unter verschiedenen Indiviuen zu teilen, nennen wir Wohlverteilung. Wohl ist die Verteilung, weil sie, im Gegensatz zu anderen möglichen Tätigkeitsteilungen, eine stabile Reproduktion der Art ermöglicht.

(16) Aus der Wohlverteiltheit resultiert der vergesellschaftende Aspekt der Arbeit. Es gibt immer unterschiedliche Arbeiten. I.d.R. bedingen verschiedene Arbeiten einander und existieren in wechselseitiger Abhängigkeit. Die wechselseitigen Abhängigkeiten wiederum bedingen die Wiederzeugung. Nicht, daß sie für den Arbeitenden selbst nützlich ist, macht die Arbeit. Eine Tätigkeit ist nur dadurch Arbeit, daß sie auch für andere nützlich sein kann. Arbeit ist innerartliche Symbiose auf der Grundlage wohlverteilter Tätigkeit; das Verhältnis der Symbionten ist die Grundlage jeder Gesellschaft.

(17) Alle Ökonomen, viele Philosophen und manche Literaten haben Arbeit zum hauptsächlichen Movens der Geschichte bestimmt. Manche sogar zur sittlichen Pflicht. Man sieht ihr diese hehren Eigenschaften nicht ohne Weiteres an.

(18) Denn bis hier eignet der Arbeit noch keine verändernde, transformative Kraft. Wir könnten inne halten und uns mit dem Erreichten zufrieden geben. Bienen, Nacktmulle, Ameisen, arbeiten sie denn nicht? Ist nicht ihre Arbeit auch von der geforderten Beschaffenheit? Sie wiederzeugt sich und ist wohlverteilt. Und doch argwöhne ich, daß sich sich seit Jahrmillionen nichts Aufregendes am Hofe der Ameisenstaaten ereignet hat. Ihre Gesellschaft, wenn man die so nennen will, ist starr. Trotz härtester Frohn, Revolutionen stehen nicht ins Haus.

(19) Warum verhält es sich beim Menschen anders? Ist der Mensch anders, oder seine Arbeit?

(20) Wodurch wird die menschliche Arbeit zu einer transformativen Kraft, die Neues schafft und Geschichte ins Werk setzt? Liegt es daran, dass sie sich selbst verändert? Ameisenarbeit ist stets die selbe.

(21) Aber warum verändert sich menschliche Arbeit? Kommt die Veränderung der Arbeit aus der Arbeit selbst, oder von ausserhalb der Arbeit?

(21a) Die Frage ist sehr diffizil. Ich kann sie nicht zu meiner Zufriedenheit lösen. Ein kopfwiegendes »sowohl als auch« macht es ja nicht ab. Wir benötigen es konkret.

(21b) Gewiss, zu einem Teil liegt es am Werkzeug. Daß aber der Mensch überhaupt sich in der Lage sieht, Werkzeug zu fertigen; daß er es planvoll verändern kann; daß ihm der Drang eingeboren scheint, es zu verbessern; daß allein das Wissen vom Wekzeugmachen so gut ist, als das Werkzeugmachen selbst, etc.: Dies alles sind Eigenarten, die einmal des Menschen sind. Der Mensch ist das »werkzeugmachende Tier«, aber warum er es ist, das kann ich nicht sagen, ohne zu spinnen. Unser Glück ist, daß die Frage ist für unseren Betracht von minderem Belang ist.

(21c) Was ist Werkzeug?

(21d) Werkzeuge sind nicht einfach Mittel zur Verrichtung von Tätigkeiten. Gleichwohl sind Werkezuge Mittel, d.i. auf der Grenze zwischen Subjekt und Objekt sich befindliche Gegenstände, die – funktional besehen – dem Subjekt der Individuierung des Obkekts dienen und – morphologisch gesehen – sowohl dem Induviduum als auch seiner Umwelt zugehören. Was aber ist nun der Unterschied zwischen dem Stock, den ein Affe zu Hand nimmt, um eine Frucht vom Baum zu schlagen, und dem selben Stock, vom Menschen zur selben Tätigkeit gebraucht? Wir folgen hier dem Philosophen Peter Beurton, der diesen Unterschied als nur aus Sicht der Evolution begreiflich ansieht. Werkzeug, sagt er, ist erweiterter Phänotyp, ein Spinnennetz ist nicht weniger Werkzeug, als ein Hammer. Der Unterschied zwischen menschlichem und tierischen Werkzeug besteht im Modus seiner Veränderung. Das tierische Werkzeug, so Beurton, kann nur über die organismische Evolution, d.i. die Veränderung des Genoms der Art, die sich des Werkzeugs bedient, vermittelt werden. Allein bei der Menschwerdung sei der Fall, daß die Fähigkeit zum Werkzeugmachen selbst Gegenstand evolutionärer Veränderung war, es hob sich das Ursache-Wirkungs-Verhältnis von Geno- und Phänotyp auf, um als spezifisch menschliches Verhältnis in Erscheinung zu treten. Die Reproduktionskapazität eines Menschen ist von der Entwicklung seines Genoms weniger abhängig, als von der Entwicklung seines Werkzeugs. (Wir spielen hier nicht auf sein Fortpflanzungswerkzeug an…) Das Werkzeug ist fortan als Substrat seiner eigenen Verbesserung vorhanden. Es wird in unterschiedlichen Situationen seiner Bewährung von unterschiedlichen Menschen gebraucht; dadurch wird es den jeweiligen Zwecken angepasst und also verändert.

(21e) Zurück zur Arbeit: Nun wird das Werkzeugmachen selbst zur Arbeit, d.i. zu einer aufteilbaren, sich wiederzeugenden Tätigekeitssorte. Das ist neu. Das bedingt, sagen Marx, Beurton und wir mit ihnen, den Menschen.

(21f) Beurtons Ideen sind reizvoll, weil sie die Hervorbringung des Menschen in einen vereinheitlichten Zusammenhang mit der Hervorbringung jeglichen Neuen bringen. Klar ist, daß die Evolution beim Menschen nicht einfach inne halten, sondern auch ihn erklären muß; klar ist weiterhin, daß die Zwischenkunft des Werkzeugs zwischen Mensch und Natur ihm die Möglichkeit gibt, sein Genom vom Evolutionsdruck der äußeren Umstände weitgehend zu befreien. Wodurch indes der Mensch in diese Lage kommt –  und ich meine es konkreter als in Wendungen wie „durch seine spezifische somatische Ausprägung etc, denn das sind Tautologien der Art, der Mensch ist, weil er menschlich ist – das macht auch Beurton nicht ergründlich. Wir sehen es ihm nach, denn wir benötigten allein der Feststellung des dritten Merkmals menschlicher Arbeit.

(22) Drei Merkmale, ein Buchstabe: Wiederzeugung, Wohlverteiltheit, Werkzeug. Weh, Weh, Weh.

(23) Sehen wir auf die Folgen.

Zweiter Teil

E R S T E   F O L G E N

Wiederzeugung und Wohlverteilung haben eine Art, sich anzufühlen

(24) Wiederzeugung & Wohlverteiltheit machen die entscheidende Eigenart der Arbeit, sich nach Arbeit anzufühlen und nicht z.B. nach Spiel. Das ist ein Punkt, den weder Kommunistenkalle, noch sonst ein ernst zu nehmender Philosoph bisher heraus hatten.

(25) Es ist doch eigentümlich, daß ein Mensch tiefe Erbauung in seinem Garten finden kann, während ihm die selben Tätigkeiten auf dem Feld verrichtet – selbst, wenn das Feld sein eignes wäre – als Maloche vorkommen. Es spielt auch keine Rolle, ob er die Früchte und Blumen seines Gartens auf dem Wochenmarkt feil bieten geht. Der Garten fühlt sich anders an, als das Feld; unerachtet von unmittelbarer Anstrengung und unmittelbarem Nutzen der Tätigkeit. Der Grund ist, das Feld wiederzeugt sich jeden Tag, weil es für andere einen Nutzen hat. Es rekrutiert seinen Beackerer.

(26) Ist das so? Fordert das Feld seinen Beackerer? Natürlich nicht. Gegenstände fordern nichts. Es ist die Beziehung zwischen Menschen, bzw. genauer zwischen verschiedenen Arbeiten. Andere Menschen können ihre Arbeit verrichten – sagen wir, Sattelmachen oder Metall verhütten – weil das Feld beackert wird. Umgekehrt kann der Feldbeackerer seiner Arbeit nachgehen, weil er wichtige Gegenstände für deren Verrichtung – sagen wir Kleidung oder Werkzeug – durch andere Arbeit erhalten kann.

(26a) In Klammern: (Kommunistenkalle hat sich im Wesentlichen mit der Frage beschäftigt, wie sich die verschiedenen Arbeiten gegeneinander in Bezug setzen.  Er tat es, wie wir nun ersehen, ohne einen genauen Begriff von Arbeit zu haben. Das ist das Zeichen der Genies, mit Größen rechnen zu können, die sie nicht kennen und dennoch durch sichere Schätzungskunst  das richtige Ergebnis heraus zu finden. Indem sie unterschlagen, werden sie zu Überschlagskünstlern.)

(27) Es gibt, mit anderen Worten, zu jedem Stand der Werkzeuge bestimmte Möglichkeiten, arbeitend tätig zu werden; ihm korrespondiert jederzeit eine (kleine) Anzahl von Möglichkeiten der Wohlverteiltheit. Zu Zeiten des Neolithikums konnte es keine Atomforscher geben; vielleicht überhaupt keine professionellen Forscher. Es entspricht, noch anders gesagt, jedem Stand der Produktivkräfte ein Spektrum möglicher Arbeitssorten. (Produktion ist ein Fürwort für spezifisch menschliche Arbeit. Produktivkraft meint den Stand von Werkzeug & Know How.)

(28) Die tendenziell zwanghafte, eintönige, existentielle Art, in der sich Arbeit anfühlt, liegt also an Wiederzeugung und Wohlverteiltheit. Die Wohlverteiltheit macht das Zwanghafte, denn sie bedeutet, dass andere Arbeit – und letzthin das Überleben der Art – von einer Arbeit abhängt. Die Wiederzeugung macht das Eintönige, denn sie bedeutet, dass eben diese und keine andere Tätigkeit ausgeführt werden muss, um sich wieder ausführen zu lassen. Das Existentielle hinwieder, das einen sinnstiftenden und selbst-zeugenden Zusammenhang meint, in den sich der Arbeitende durch seine Arbeit setzen kann, wird sowohl durch äußere Zuweisung, als auch innere Zubestimmtheit, d.i. die Verschränkung von Wohlverteiltheit und Wiederzeugung, bewirkt.

(28a) Ein erster Blick auf die Freiheit: Macht Arbeit frei?

(28b) Offenbar nicht als Verschränkung von Wiederzeugung und Wohlverteiltheit. In diesem Zusammenhang tritt Arbeit als Drangsal und Monotonie auf. Weder, daß sie Reichtum erzeugen, noch, daß sie den Menschen aus der elementaren Obliquität der Natur entlassen kann, läßt sich diesem Zusammenhang entnehmen. Von Erhabenheit gar nicht zu reden. Dieses ergibt sich erst durch das Hinzutreten des Werkzeugs, das selbst zum Substrat von Arbeit geworden ist. Dadurch, daß die Arbeit das Werkzeug verändert und dergestalt sich selbst; dadurch also, daß sie die Möglichkeiten zur Wohlverteilung – Anzahl und Sorten der Arbeit – beständig erweitert, dadurch entsteht Freiheit. Freiheit erscheint hier als Möglichkeit zur Wahl: Der Betätigung nämlich.

Die öknomische Nische

(28) Aus Sicht der Arbeit, bzw. Tätigkeitssorten, welche Menschen verrichten können, strukturiert sich die Gesellschaft anders, als vom Standpunkt der Individuen her, aus denen sie sich zusammensetzt.

(29) Analog zur ökologischen Nische läßt sich die Gesellschaft als ein Verbund ökonomischer Nischen begreifen, in denen bestimmte Arbeiten gedeihen können. Die ökonomische Nische ist ganz allgemein das unmittelbare Netzwerk von Tätigkeiten, in deren Zusammenhang eine Arbeit nützlich werden kann.

(30) Die öknomische Nische darf nicht mit der redensartlichen „Marktlücke“ verwechselt werden, auch wenn diese eine einseitig versimpelte, beschränkte Ausführung der selben Sache ist. Ähnlich, wie Hutchinson das Konzept der ökologischen Nische erweitert hat, indem er die Nische als Selbstrealisierung der Art beschreibt, meint die ökonomische Nische nicht allein ein bestehendes Verhältnis von Tätigkeiten, das eventuell bedient wird, oder nicht, sondern die Selbstrealisierung einer Tätigkeitssorte als Arbeit.

(31) Die ökonomische Nische ist eine andere Art, Wiederzeugung und Wohlverteiltheit zu beschreiben. Der Stand der Werkzeuge tritt hierbei als Parameter, d.i. als prinzipiell veränderbare, aber für den Moment der Betrachtung konstant gehaltene Größe auf. Die Zusammenfassung von Wiederzeugung und Wohlverteilung zu einer ökologischen Nische erlaubt eine umfassendere Sicht auf mehrere Arbeitssorten zugleich. Wir steigen zur Gesellschaft auf.

Beispiele

(32) Die ökonomische Nische in Beispielen. Nehmen wir Kunst. Sie ist als Exrembeispiel willkommen, weil von der Kunst vielfach gesagt wurde, sie sei der Prototyp einer nutzlosen Tätigkeit. Wenn wir zeigen können, wie sie in unser bisheriges System als Arbeit ordnet, haben wir jegliche nützliche Tätigkeit gleichfalls inbegriffen. Die Aufgabe ist, ihre ökonomische Nische zu schildern.

(33) Ein Künstler stellt Kunstwerke her; dies können sowohl Gegenstände, als auch Situationen sein, denen vor allem gemein ist, dass sie von anderen Menschen als Kunstwerk bezeichnet werden. In der Regel meint das, dass es ein starkes innerliches Erleben auslösen kann und ein ästhetisches Urteil provoziert. Diese Eigenschaft des Kunstwerkes, ein ästhetisches Urteil zu fordern, ist unabdingbar. Sie macht aber kein Kunstwerk, sondern zunächst nur einen schönen Gegenstand oder eine eindrückliche Situation. Es wird daraus Kunst nur durch den allgemein als künstlerisch anerkannten gesellschaftlichen Umgang, in dem diese Dinge auftreten. Der Umgang ist verschieden; es kann ein eher praktischer Zusammenhang sein, oder ein religiös bestimmter, ein merkantiler oder ein politischer. Kunst, mit anderen Worten, benötigt ihrer speziellen ökonomischen Nische, um überhaupt zu sein. Der Nischenzusammenhang schafft und bestimmt sie.

(34) Beispiele solcher Nischen: Hofkunst, religiöse Kunst und bürgerliche Kunst. Hofkunst entsteht, wenn ein Herrscher sich Künstler leistet. Die Tätigkeit des Herrschens (die nach unserer Definition natürlich auch Arbeit ist) geht einher mit der Möglichkeit zu Erbauung und Repräsentation der Herrschaft. Das besorgt die Kunst. Die ökonomische Nische von Hofkunst ist der Hof, welcher der Hof nicht wäre, wenn er nicht über Hofkunst verfügte. Ganz ähnlich die religiöse Kunst. Ihre ökonomische Nische ist die Kirche, d.i. die institutionalisierte und ritualisierte Religion. Innerartliche Symbiose von Tätigkeiten, war gesagt, sei die Grundlage von Gesellschaftlichkeit; so erschaffen sich Religion und religiöse Kunst – Malerei, Bildhauerei, Musik, Architektur – aneinander. Schliesslich die bürgerliche Kunst; besser sagt man vielleicht Marktkunst oder merkantile Kunst. In ihr tritt das Kunstwerk als besondere Ware auf. Sie ist von der Massenproduktion ausgeschlossen; in der bürgerlichen Gesellschaft ist das eine Sensation, weil die Gesellschaft selbst auf der Massenproduktion beruht. Der Wert eines Kunstwerkes ist unabhängig von der Arbeitszeit, welche auf seine Fertigung gewandt wird. Hier ist die ökonomische Nische besonders augenfällig. Sie wird von den Kunstwerken und ihrem institutionalisierten Handel (dem Kunstmarkt) selbst geschaffen. Teilweise scheint das Kunstwerk gänzlich seiner Bestimmung, ein ästhetisches Urteil zu provozieren, enthoben; es ist allein Tauschobjekt zwischen Sammlungen oder Museen oder Filmverleihgesellschaften. Es gibt, wollen diese Beispiele besagen, immer einen Arbeitszusammenhang – den des Herrschens, der institutionalisierten Religion, oder des Handels beispielsweise – in dem das Herstellen von Kunst steht. Dieser Zusammenhang ist ihre ökonomische Nische und bestimmt, surprise surprise!, nicht unerheblich ihre Sujets.

(35) Noch ein Beispiel. Philosophieren. Ist das Arbeit? Welches ist die ökonomische Nische der Philosophie?

(36) Philosophie, als ordnender und sinnstiftender Nachbetracht gesehen, war nicht immer eine Arbeit. Es gab jedoch nie eine Zeit, zu der nicht auch philosophiert wurde.

(36a) Ob eine Tätigkeit Müßiggang bedeutet oder Arbeit, Spleen ist, oder Pflicht, hängt vom Stand der Werkzeuge ab. Ich erachte, die Philosophie wurde in dem Maß zur Arbeit, wie das Lehren sich als spezielle Tätigkeitssorte notwendig machte. Die ersten Philosophen waren Lehrer. Ein philosophischer Gedanke wird bis auf den heutigen Tag Lehre geheissen. In dem Maß also, in dem die Menschen Wissen und Erfahrung anhäuften (und dazu erst die Mittel des Anhäufens, das Aufschreiben nämlich, schaffen mussten), in dem Masse bildete sich eine ökonomische Nische für die Philosophie heraus. Die Tätigkeit des ordnenden Betrachts, die bisher hie und da von nachdenklichen Leuten besorgt worden war, wurde zur Nützlichkeit; ein Zusammenhang, in dem die Philosophie zur Arbeit sich wandeln konnte, war erzeugt. Die ökonomische Nische der Philosophie ist nach wie vor die Lehre und die mit ihr einhergehenden mannigfaltigen Einrichtungen und Tätigkeiten.

(37) Genug der Beispiele. Generalisieren wir und fassen zusammen.

(37a) Die Verschränkung von Wiederzeugung und Wohlverteiltheit können wir auch als ökonomische Nische ansehen. In ihr beziehen sich verschiedene Arbeiten aufeinander und schaffen sich dergestalt selbst. Welche ökonomischen Nischen möglich sind, wird durch den Stand der Werkzeuge, d.i. durch die bestehenden ökonomischen Nischen, bestimmt. Dadurch, daß sich die ökonomischen Nischen nicht nur stumpf wiederzeugen, sondern auch gleichzeitig – vermittelt durch das Werkzeug – Substrat ihrer Veränderung sind, verändern sich auch die Möglichkeiten der Vergesellschaftung. Im Mittel steigt die Zahl der ökonomischen Nischen mit der Zeit; mit ihnen steigt die Zahl der Möglichkeiten, sie zueinander in Bezug zu setzen. Ein Kontinuum zugänglicher gesellschaftlicher Zustände wird erzeugt. Auch das ist eine Erhöhung der Freiheit: Zu verschiedenen Ordnungen der Gesellschaft nämlich.

Der Staat

(38) Anlangen wir beim Staat. Wie ordnet der in unsere Sicht der Arbeit, bzw. ökonomischen Nischen?

(39) Ganz einfach. Staat ist Meta-Arbeit. Der Staat ist diejenige Arbeit, deren Aufwendung andere Arbeit ermöglicht, indem er deren  Ablauf und wechselseitigen Bezug reguliert, überwacht und also stabilisiert.

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