Nachdenklichkeiten

Zahlen, 2011

Einer journalisierten Welt wird die Schmach eines lebensunfähigen Nachwuchses erspart sein (…) Nein, der Bankert aus Journalismus und Hysterie pflanzt sich nicht fort! 

(Karl Kraus, „Apokalypse“)

Der Worte sind genug gewechselt! Die Wechselstube, in der ihr Kurs täglichen Verfall erlitt, heißt öffentliche Meinung und ihre Notenpresse ist die Presse, die von der Not handelt. Das Gerücht, die Medien erfüllten einen Informationsauftrag, ist eine uralte, ranzige, von ihnen selbst verbreitete Lüge. Sie informierten nie und sie erfüllten nie einen Auftrag. Die Medien lieferten immer nur ein vereinheitlichtes Sozialisationsubstrat und darüber hinaus gar nichts.

Auf diesem Substrat gedeiht die öffentliche Meinung. Anhand ihrer Vokabeln setzen sich die Menschen zueinander ins Verhältnis. Ein gemeinsames Drittes, auf das sich ihre Begriffe beziehen könnten, existiert nicht. Deshalb ist die Mediensprache kein Code, der Informationen über die Welt vermittelt. Sie ist ein Auslöser von Reflexen. In der Regel sind es lustvolle Reflexe des gemeinschaftlichen Urteilens, des wechselseitigen Einvernehmens und des kollektiven Gruselns.

Auch das ist nicht mehr richtig. Selbst die Sache mit dem Sozialisationssubstrat ist durch. Die Bewegung war die Parabel von einem lokalen Substrat – Dorfklatsch & Hoftratsch – zum globalen Substrat – Abendnachrichten & Weltstars – zurück zum lokalen: Facebook & global village. Die Rückkehr zum selbstgemachten Gerücht nahm den Medien alles was sie nie besassen. Ihre heutige Funktion beschränkt sich auf das Ausstossen von Entsetzens-, Jammer- und Warnlauten um das Herdenverhalten zu synchronisieren. Die höchste, kunstreichste Wirkung, die sie erstrebt, ist das Entfachen einer allgemeinen Hysterie.

Der Worte sind genug gewechselt. Das Wort zählt keinen Pfifferling. Buchstaben sind Gegenstand von Schriftdesignern. R.I.P. – rest in press, Sprache! Was bleibt? Wie liesse sich, ohne das entehrte Wort über allen Anstand zu quälen, noch Kenntnis von der Welt vermitteln?

— Zahlen! Zahlen sind die Worte der Stunde, Zahlen sind die Vokabeln dieser Zeit! Vor Zahlen graut es Journalisten. Zahlen eignen sich nicht zum Sozialisationssubstrat. Über sie geht nicht, Meinungen zu haben. Zahlen sind widerständig, subversiv, einfältig, groß, störrisch, klein. Zahlen ergründen keine Substanz, vermitteln keine Struktur, haben keine Schönheit und keinen Klang. Dennoch ist ihrer Schmucklosigkeit alles eingeformt; alles, wie die Welt den Monaden Leibnizens.

Zahlen haben die dunkle Zeit der Kirche beendet. Deren verwaiste Cathedra erklommen dann die Medien. Das Dunkelmännertum wurde durch die Druckerschwärze ersetzt. Zahlen jedoch werden auch die Presse entthronen. Was danach kommt, läßt sich nicht sagen. Zahlen sind Sprachlosigkeit. Sie stehen an der Sprache Ende und sie stehen an ihrem Anfang.

Ich mache einen Anfang, ich bringe Zahlen. Sehr wenige, sehr unkommentierte Zahlen aus dem Jahre 2011 n. Chr.

Im Jahr 2011 n. Chr. leiden über eine Milliarde Menschen Hunger. Knapp 9 Millionen, die meisten von ihnen Kinder, werden daran sterben. Dies ist fast 250 Jahre nach der Erfindung der Dampfmaschine, ein Viertel Jahrtausend also, nachdem die Menschheit in die Lage kam, dem Hunger als Naturgewalt zu trotzen.

Im Jahr 2011 n. Chr. gibt es über 200 Millionen Arbeitslose weltweit, von denen 3 Millionen in Deutschland leben. Man darf doch „leben“ sagen?

Im Jahr 2011 n. Chr. sind über 15.000 Menschen in Japan an den Folgen eines Tsunamis gestorben; etwa 5000 wurden verletzt.

Im Jahr 2011 n. Chr. wird es mindestens 4000 Verkehrstote allein in Deutschland geben, weltweit sind es weit über eine halbe Million. Nach wie vor übertrifft die Gefährlichkeit des Automobils die Gefährlichkeit fast aller anderen Maschinen und Technologien.

Im Jahr 2011 n. Chr. finden 33 bewaffnete Auseinandersetzungen, vulgo Kriege statt. Die meisten von ihnen sind innerstaatlich und köcheln auf kleiner Flamme. Die Zahl ihrer Opfer wird dennoch in die Zehntausende gehen.

Im Jahr 2011 n. Chr. läßt sich die Weltwirtschaft schon im vierten Jahr mit weltweit rund 2000 Milliarden US $ stützen. Dieses Geld stammt aus allgemein erhobenen Steuern. In Deutschland allein beläuft sich die Summe aus Finanzmarktstabilisierungsgesetz und den Konjunkturpaketen I und II auf 464 Milliarden Euro. Derweil sind die Kommunen auf Jahrzehnte verschuldet; die Sozialwirtschaft wird aufs Absehbare, wie im Sozialismus selig, Mangelverwaltung bleiben.

— Soweit erste Zahlen. Ihre Auswahl ist erratisch. Es gäbe noch viele andere Zahlen. Über das Gesundheitssystem zum Beispiel, über die Rentenentwicklung, über die Verteilung der Reichtümer, über Waffen- und Menschenhandel, über Kindersoldaten, über verhängte & vollzogene Todesstrafen usw. usf.

Aber, verehrter Leser, haben Sie nicht bereits durch diese wenigen Zahlen eine ganz ausserordentliche Erholung erfahren? Ist es nicht wunderbar gemütslindernd, solch einfache, starke Zeichen nur anzuschauen? Denn das deutsche Gemüt im Jahr 2011 n. Chr. bedarf ganz dringend der Linderung. Die Mediensprache nämlich, und keine andere, als die, von der eingangs die Rede ging, hat es in einen chronisch entzündlichen Zustand versetzt:

2011 ist das Jahr, in dem sich fast 100.000 Deutsche in spontanen Demonstrationen und Petitionen organisieren, weil ihr Verteidigungsminister sich seinen akademischen Doktortitel erschwindelt hat. Das hat das deutsche Gemüt über die Maßen ergrimmt. Wie milde dagegen war es gestimmt, als derselbe Minister ein paar hundert – oder tausend? – Soldaten zu einigen der besagten 33 Kriege abkommandierte!

2011 ist das Jahr, in dem die Deutschen ihre Regierung zum Ausstieg aus der Atomkraft zwingen, weil in Japan ein atomares Kraftwerk havariert ist. Die Katastrophe war eine Folge des oben erwähnten Tsunamis. Den Tsunami mit seinen 15000 Toten konnte man eben noch verkraften. Er ging ja aufs Konto der Natur. 30 verstrahlte Arbeiter des havarierten Kraftwerkes aber überstiegen das Maß des Erträglichen. Verständlich, denn sie gingen aufs Konto der Atomlobby. Im Jahre 2011 n. Chr. hält es der Deutsche für gottlos, im mindesten aber unsittlich und vermessen, die Natur beherrschen zu wollen. Ausgesöhnt mit dem Tsunami leben, das ist sein Trachten.

2011 ist das Jahr, in dem die Deutschen einen guten Monat lang den Atem anhalten, weil eine Durchfallerkrankung grassiert und 37 Tote fordert. Der Verdacht fällt auf verschiedenes Gemüse. Von der spanischen Gurke springt er auf die norddeutsche Tomate. Als schliesslich die Schuldfrage geklärt werden kann – die niedersächsischen Sprosse wars! – geht große Erleichterung durchs Land. Erwartungsfroh blickt man in den anbrechenden Sommer.

Gewiss überschauen Sie längst, verehrter Leser, was es mit den Zahlen auf sich hat. Nichts ist natürlicher und Zahlen stärker eingeboren, als sich zueinander ins Verhältnis zu setzen. Ich muß reinweg gar nichts dazu tun. Sie tun es ganz von selbst. Man erkennt das Muster. Man erkennt sich selbst.

Sie mögen nun in einem Anflug von Enttäuschung einwenden, die Zahlen seien wohlbekannt und ihre wiederholte Nennung ein hohles Betroffenheitsritual. — Sehen Sie, genau das ist es! Wie kann man sich an diese Zahlen gewöhnen? Warum bleibt das Wissen um diese Zahlen so folgenlos? Verdient denn Wissen, das keinen Willen mehr gebiert, geschweige denn handlungsrelvant wird, überhaupt seinen Namen? Ist es nicht das deutliche Anzeichen einer veritablen Wahrnehmungsstörung, daß wir – sogar in Kenntnis der krassesten Mißverhältnisse! – unsere Erregung an Gegenstände verschwenden, die ganz und gar unwürdig und nebensächlich sind?  Der Einwand nämlich wird zum Symptom. Die Krankheit heißt Maßlosigkeit. Das Erlahmen vor den Zahlen zeigt den Verlust der gesunden Maßkunst an. Intelligenz ist das Vermögen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Nie war dieses Vermögen dringender benötigt als im Jahr 2011 n. Chr. Nie war es stärker abhanden.

Es kann sein, daß die gebrachten Zahlen nicht aufs Komma stimmen. Zehn, zwanzig Prozent Abweichung gebe ich gern zu. Es kommt auf die Größenordnungen an. Unsere Zeit handelt an ihren Aufgaben vorbei. Denn einer Zeit, der der Sinn für Größenordnungen fehlt, der muß auch jede Ordnung fehlen und jede Größe.

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12 Gedanken zu “Zahlen, 2011

  1. Ja, aber Fukushima und Guttenbergs Plagiererei liegt kriminelles Handeln zugrunde. Gegen Naturkatastrophen, Kapitalismus, Bürgerkrieg und den Straßenverkehr kann man nichts machen. Das ist der Unterschied.

    Ansonsten, hast Du natürlich wie immer recht.

    • Bester Georgi,

      die einzige Sache, die ich lieber mag, als gelesen zu werden ist, missverstanden zu werden. Wie sonst fände ich Anlaß, mich zu erklären? Natürlich kann man mir einwenden, ein guter Text benötigte keine Gebrauchsanweisung. Ich gebe zu: Es ist kein guter Text. Er fängt stark an und endet in allerhand moralischem Husten. Das Ende bedarf starker Überarbeitung. Denn es geht in dem Text vorderhand nicht um moralische Urteile – wiewohl ich sofort einräume, dass es ohne sie ganz und gar nicht ginge – sondern um die Maßgaben der Vernunft.

      Hacks hat behauptet, mit dem Wort „Maßgaben der Kunst“ die erste akzeptable Übersetzung des Wortes „Ästhetik“ gegeben zu haben. „Maßgaben der Vernunft“ ist ganz die selbe Sache für das Wort „Ethik“. Man ersieht sofort, daß Moral nur eine Unterkategorie dieser Maßgaben ist, genauer jene, in denen sich die Vernunft konventionalisiert findet. Der Text war eigentlich so angelegt, daß allein durch Nennung von Zahlen ersichtlich werden soll, wie widervernünftig unsere Aufmerksamkeit sich beträgt, wie unethisch folglich.

      Leider ist nur unmoralisch daraus geworden. Deshalb kommst Du auf den Gedanken, Kriminalität ins Spiel zu bringen. Dabei ist Kriminalität nocheinmal eine Unterkategorie von Unmoral, denn das geltende Recht ist ja nicht allein eine Kodifizierung der herrschenden Moral, sondern auch überkommener Umstände und natürlich der jeweiligen Herrschaftstrukturen. Häufig genug haben Sittlichkeit und Kriminalität reinweg gar nichts miteinander zu schaffen, und wo man ein Gesetz zur Wahrung der Moral erlässt, geschieht es meist nur aus verzweifelter Ohnmacht gegen eine subversive Praxis.

      Letzten Endes habe ich eine Fortführung der Gedanken aus dem Artikel „Joachim Gauck, Nachpredigt“ versucht ( https://nachdenklichekrankenschwester.wordpress.com/2010/07/01/joachim-gauck-nachpredigt/). Es geht weniger um Moral und Betroffenheit als vielmehr um die Frage, womit man sein Leben zubringen will und wie man es in seine Zeit ordnet. Dieser Frage unterliegt jeder Mensch in großer Unbarmherzigkeit, denn er ist nunmal auf dieser Welt und in dieser Zeit unter diesen Umständen. Vielen mag der gestalterische Auftrag, dem jedes Leben obliegt, nicht in der Klarheit zu Bewußtsein dringen. Aber unbewußt drängt er trotzdem, bahnbricht sich in jeder Absicht, die wir hegen, offenbart sich in jedem Plan, den wir schmieden.

      Die Sache ist vollkommen identisch mit der Absicht von „Zahlen, 2011“. Wenn ich davon rede, worauf wir unsere alltägliche Aufmerksamkeit wenden, dann beschreibe ich nichts anderes, als die Gegenstände, mit denen wir unser Leben zubringen. Ich erinnere lediglich an die Kleinheit dieser Dinge, ich gebe einen Maßstab.

      Wie gesagt, ich möchte nicht mißverstanden sein, daß wir nun ständig mit mahnendem Finger umhergehen müßten und regelmäßig mit gewichtiger Mine das Wort „Hunger!“ sagen. Man darf sich auch über einen Hundehaufen vor der Tür erregen. Man soll es sogar tun. Ich meine nur, man soll nicht in die Maßlosigkeit fallen, den Hundehaufen für die gesamte Welt anzusehen. Sonst hat man am Ende nämlich Recht.

      Es gibt, wollte ich sagen, immer die Hundescheisse und die ganz große Scheisse. Die eine wird immer nur durch die andere ins Maß gesetzt. Weder eins noch das andere sind für sich genommen Größen. Zahlen reden nicht für sich selbst. Aber sie stehen oft in einem sinnfälligen Verhältnis, wenn man sie nebeneinander ansieht. Sie helfen, die Maßgaben der Vernunft zu überschauen.

  2. Uli schreibt:

    Die Wirklichkeit sieht mitunter noch viel grauenhafter aus als von Ihnen beschrieben. Im WHO World Report on Road Traffic Injury Prevention aus dem Jahr 2004 ist von 1.2 Millionen Verkehstoten pro Jahr die Rede. Seit Beginn der Automobilisierung um 1900 herum summiert sich seriösen Schätzungen zufolge die Zahl der „Menschenopfer“, die dem Fetisch Automobil dargebracht werden, bis heute auf 42 Millionen. Mehr als die Hälfte der Verkehrstoten ist zwischen 15 und 44 Jahren alt; bei den 15- bis 24-jährigen ist der Straßenverkehrsunfall weltweit zweithäufigste Todesursache.

    Das ist katastrophal, aber mitnichten mit Naturkatastrophen wie Tsunamis oder Meteoriteneinschlägen gleichzusetzen, vor denen man allenfalls beizeiten warnen könnte. Beim Kapitalismus wie beim Straßenverkehr verhält es sich etwas anders: solange genügend Menschen glauben, daraus ihre Vorteile ziehen zu können, mag es ausichtslos erscheinen, etwas „dagegen zu machen“. Aber wer sagt denn, dass das so bleiben muss?

    • Zutragender wie zutreffender Uli,
      innigen Dank für das Bringen dieser Zahlen!

      Es gibt nicht viele Menschen, die es über sich gewinnen, diese Denkfigur mit mir zu vollziehen. Zu alltäglich ist das Automobil, als dass es statthaft schiene, die Opferzahlen des Verkehrs denen anderer Technologien zu vergleichen. Vielleicht ist Alltag nur ein anderes Wort für Fetisch, denn er fasst in einem Wort zusammen, was wir immerfort wie einen Ritus wiederholen; worüber nachzudenken wir weder gewohnt noch gewillt sind; was also uns wie die Vergegenständlichung eines weltdurchwirkenden Prinzips erscheint.

      Ich habe das Auto-Argument unterdessen vielfach erprobt. Jüngst erst in Hinblick auf die Kernenergie. Es zieht nicht. Keiner folgt der Verkettung von Gründen und Analogien. Das Argument, so gut es scheint, hat nie überzeugt. Es ist erstaunlich.
      In Sachen Kernenergie z.B. – dies ist mir noch relativ gegenwärtig – wurden folgende Argumente gebracht: Die negativen Folgen der Kernenergie würden auf Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende fortdauern. Ich wollte denen gar nichts von den Halbwertszeiten der verschiedenen Isotope etc. vorrechnen. Ich habe nur mit dem Automobil argumentiert. Es hätte nun schon ein gutes Jahrhundert und nachweislich Millionen Menschen aufgefressen, womöglich mehr, als die Kolonialisierung Afrikas Tote kostete, und wird auch künftig auf nicht absehbare Jahrzehnte oder Jahrhunderte fortfahren, Millionen Menschen zu Tode zu expedieren. — Es würde aber, so das Gegenargument, irgendwann ein Ende damit haben. Es hinge nur vom politischen Willen ab, nicht von der Natur der Dinge. — Wenn ich entgegne, es hinge doch auch nur vom politischen Willen ab, ein radioaktives verseuchtes Gebiet entweder zu entseuchen oder einfach nicht zu besiedeln – denn im Falle eines Endlagers oder havarierten Kraftwerkes handelt es sich um relativ begrenzte Zonen – mag niemand mehr das Argument gelten lassen. Dabei ist die Menschheitsgeschichte in mancher Hinsicht nicht mehr als eine Abfolge politischer Willensakte, um die Folgen vorheriger Entscheidungen abzumildern oder zu korrigieren. Dies betraf auch und immer schon das Beherrschen der Naturgewalten. Die Vergleichbarkeit der Techniken wird aus dem Blickwinkel sehr augenscheinlich. Es geht nicht um die Kernenergie; mir ist vollkommen Schnuppe, wie der Strom hergestellt wird, der meiner Steckdose entfliesst, wenn er nur fliesst und bezahlbar bleibt. Hier geht es allein darum, die Tragfähigkeit von Argumentationen zu überprüfen.

      Ein anderes Argument lautete, daß das Automobil im Prinzip beherrschbar sei; das Atom hingegen prinzipiell nicht. Worauf ich einsprach, dass der Gau im Kraftwerk dem Moment entspräche, in dem ein Fahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert. Danach spult sich das Geschehen in beiden Fällen gemäss der ihm innewohnenden Mechanik ab; es wird zu einer reinen Angelegenheit der Physik. Man kann nun beliebige Gradmesser hernehmen: Anzahl der Verkehrsunfälle oder Anzahl der Opfer oder Wahrscheinlichkeit für das Eintreffen eines Kontrollverlustes: Es läuft stets darauf hinaus, daß ein Automobil die unberechenbarere, gefährlichere Maschine ist. Aber, wie gesagt, da ist den Menschen nicht zu raten.

      Einesteils ist es, weil Gefahr eigentlich keine Risikomathematik meint, sondern die Furcht, die ein vorgestelltes Ereignis hervor ruft. Die Vorstellung, daß ein nukleares Kraftwerk in Deutschland oder in der Nähe havariert, ist den meisten Menschen gruseliger, als die, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu sein. Mir selbst geht es genauso. Es mündet in die alte Diskussion, welche Überzeugungskraft ein rationales gegen ein emotionales Argument entfalten kann.

      Nun wäre ich ganz fehlverdächtigt, diese Argumentsorten als prinzipiell widerstreitend zu begreifen. Im Gegenteil. Ein rationales Argument geht einher mit emotionaler Befriedigung; zumindest bei einem funktionierenden Kopf. Es ist klar und von mir vollkommen unbestritten, dass Emotionen unser Abwägen anstossen, begleiten und bewerten; dass sie, mit anderen Worten, einen Einklang mit unserer Ratio bilden.

      Es kann jedoch vorkommen, und geschieht eher selten, dass sich etwas wie eine Rangelei zwischen diesen ergibt. Dann ist mit Sicherheit immer ein Ding betroffen, das in tiefere Sphären unseres Bewusstseins – besser gesagt, unseres Unbewusstseins – gesunken ist. Dinge, die sich in uns zu Überzeugungen verdichtet haben, Dinge, die wir aus statt gehabten Schmerzen oder Wonnen – aus unseren Erfahrungen eben – ableiten, oder auch Dinge, die zum Fetisch geronnen sind. Die eigentlich denkwürdigen Dinge wie gesagt; jene, die sich vor uns als Alltäglichkeit tarnen und vor deren Fragwürdigkeit wir uns verstecken.

      Das Automobil gibt uns in mehrerlei Hinsicht zu Staunen auf. Sein Vorzug ist einfach und offenbar; es stattet uns mit Siebenmeilenfähigkeiten aus. Gut. Der Traum war alt und anscheinend dringend. Nur so lässt sich erklären, wie viel Wohlwollen wir seiner Erfüllung entgegen bringen. Ich bin nun nicht der Meinung, dass die Erfüllung großer Menschheitsträume zwangsläufig ein blutiges Geschäft sein muss. Ich glaube aber, dass sie uns in jedem Fall mit Blindheit schlägt. Auch im Fall es zu Blutvergiessen kommt.

      Mir fällt kein anderer Grund dafür ein, wie wenig wir wissen wollen, was das Automobil tatsächlich ist, und welcher Art es uns indes gegenwärtig ist. Beispielsweise ist es wie selbstverständlich, dass der Staat Straßen baut. Natürlich ist dass eine Riesensubvention für die Automobilindustrie. (Wodurch sich in einem ganz einfachen Gedankenzug das Wort vom „freien Markt“ widerlegt findet.)

      Vielleicht führe ich den Gedanken noch ein bisschen im Detail aus. An der Stelle will ich ausnahmsweise einmal nicht missverstanden werden. Ich habe nichts dagegen, die Kosten des Strassenbaus aus allgemeinen Steuern zu bestreiten, anstatt aus den Einnahmen der Automobilhersteller. Es ist nur eben nicht so selbstverständlich, wie es den Anschein hat. Schliesslich ist die (privatisierte) Bahn für den Bau ihrer Schienenwege selbst verantwortlich und die Häfen für Luft- und Wasserschiffe sind sämtlich in privater Hand. Das Automobil ist offenbar mehr als nur ein Bewegungsmittel; am Automobil lässt sich demonstrieren, wie eine Technologie die Gesellschaft verändert. Ich meine nicht die gewonnenen Bewegungsspielräume oder den beschleunigten Güter- und Personentransport. Natürlich ist klar, dass eine Beschleunigung des Vermögens, Masse zu bewegen um nur einen Tonnenkilometer pro Tag im Zeitalter des Handels ein bedeutsamer Vorteil ist. Aber er ist nebenrangig im Vergleich dazu, dass das Automobil ein ganzes Knäuel ineinander verwobener Industrien hervorgebracht hat, so vollständig und kreisschliessend, dass sie in ihren wechselseitigen Abhängigkeiten fast ein Zeitalter ergeben.

      Da ist die Ölindustrie, die den Treibstoff liefert, aber auch die Schmier-, Kleb- und Kunststoffe, ohne die kein modernes Automobil sein könnte. Nicht zu vergessen, das Bitumen für den Strassenbau und den Kautschuk für die Pneus. Inbegriffen, man sieht es sofort, ist ein grosser Teil der chemischen Industrie. Dann, wie gesagt, betrifft der Autoverkehr den größten Teil des zeitgenössischen Baugewerbes und der Betonindustrie. Daran wieder hängen die Städteplaner und die Handelswege. Logistikunternehmen sind entstanden; wenig Waren noch werden in Speichern vorgehalten. Das meiste ist mobil, auf Strassen und in Häfen gelagert, harrt in ISO-Containern, jederzeit lieferbereit. In den letzten Jahren ist auch die Elektronikindustrie gewaltig in den Automobildiskurs eingetreten. Fast alle Entwicklungen am und um das Automobil waren elektronischer Natur. Natürlich, das seiner Selbstverständlichkeit wegen nur beiläufig, ist auch die metallverhüttende Industrie von Anfang an dabei gewesen. Weiterhin die Schwermaschinen- und Anlagenbauindustrie, die Textilindustrie und die Softwareindustrie. Hinzu kommen Fahrschulen, Verkehrsgerichte, Banken, Versicherungen, Zeitschriften, Wissenschaftler, Ingenieure usw. usf.

      Es sind, mit anderen Worten, unzählige verschiedene Sorten Arbeit durch das Automobil entstanden. Hätte der Mensch nicht zufällig auch einen gewissen Hang zu essen und zu hausen, liesse sich eine vollständige Gesellschaft denken, die sich mittelbar oder unmittelbar ausschliesslich um automobilbetreffende Tätigkeiten dreht. Ich meine das überhaupt nicht polemisch. Ich mag das Automobil um dieser komplexen Gesellschaftswirkung Willen mehr als um seinen unmittelbaren Nutzen. An ihm wird ersichtlich, wie das Interesse eines Entrepreneurs zu einem kommunalen Interesse werden kann.

      Tatsächlich geht es nicht um die paar Leute, die Automobile produzieren, seien es Unternehmer oder Arbeiter. Es handelt sich um ein querverwobenes Netzwerk verschiedener Tätigkeiten, produzierend, konsumierend, gestaltend, verwaltend, rechtssprechend, philosophierend, kurz, fast den ganzen Reichtum menschlicher Möglichkeiten ausschöpfend. Deswegen ist es weniger als kindisch, hier einfach eine Irrheit der Massen zu konstatieren oder einen perfiden Propagandafeldzug der Automobilhersteller. Die Wahrheit ist, es läßt sich gut mit einem Automobil leben, besser aber lebt es sich von ihm. Auch wenn es massenhaft Menschen ums Leben bringt. Das wieder soll keine Fürsprache für das Automobil sein, genauso wenig, wie ich oben der Kernenergie das Wort reden wollte. Es geht letztlich um die Art, wie der Mensch durch Anwendnung und vor allem Weiterentwicklung von Technologie – Werkzeug – zu dem wird, was er ist. Das erhellt an jedem konkreten Beispiel. Und wenn es das Automobil sein muss.

  3. queerMum schreibt:

    Auch ich war verzeifelt wegen der Irrationalität der Welt (einschließlich der „Jungen“, was Atom, Öko, Femi u.a. betrifft). Die Zahlen werden es (uns?) letztlich richten.

    Ich denke, die haben den kalten Krieg auf Vitamin „I“ (Irrationalität) gewonnen. Jetzt können sie da nicht mehr runter. Wahrscheinlich haben sie irgendwo Zahlenkenner sitzen (einschließlich „Des Kapitals“). Die arbeiten an der Kapazitätsgrenze, um den Laden einigermaßen stabil zu halten.

    Medien? Geschenkt! Da kann ich nicht mehr drüber reden. Wenn ich in’s SPON-Board gucke, muß ich mich angesichts des durchschnittlich gebildeten und interessierten Deutschen übergeben.

    Wie kann es sich ausgehen?

    Hacks meinte wohl, noch nie hätten wir einen Krieg verloren…

    • Frank Custodis schreibt:

      Tatsächlich? Mir dreht sich dabei nicht der Magen um. Es wäre doch schrecklich, lägen die mentalen Mittelklässler mit uns gleich auf, wo wir ohnehin schon unsere fortwährende Last damit haben, uns selbst glaubhaft zu vermitteln, wir seien die geistige Elite. Nun stellen Sie einmal vor, ein jeder der Meinungsäußerungswilligen, deren Schlichtheit Sie beklagen, hätte in der Tat die Begabung, die wir als Maßstab setzen, um bei der Lektüre, die er verfasst, kein Antemetikum einsetzen zu müssen. Nicht auszudenken, welche Wirkung das auf uns hätte. ich wähle da den leichteren Weg und falle auf lieber immerzu auf meine eigene Egozentrik herein bei Erhalt meines Überlegenheitsgefühls.

      Herzlichst
      Frank Custodis

  4. queermum schreibt:

    euch geht es wirklich gut. herzlichen glückwunsch!

    dennoch nochmals meine zustimmung zu dem grundgedanken des artikels

    wie wird es denn aber weitergehen mit der welt? wann und wie werden die zahlen sich zur geltung bringen?

    • Frank Custodis schreibt:

      Lassen Sie mich es so erklären, dass es verständlicher wird, wobei ich mich einer emotionalen Enthaltsamkeit befleißigen werde. Was mir natürlich angesichts meiner mir eigenen, aber hierfür unzweckmäßigen Eitelkeit einiges an Selbstdisziplin abverlangt. Sie machen sich ja kein Bild, wie sehr sich der gewöhnliche Intellektuelle an wohlformulierten Sentenzen delektiert, denen einfache Worte nichts entgegenzusetzen hätten, was ihn nochmal genauer nachdenken ließe.

      Zur Sache: Es sind nicht die Zahlen, die sich zur Geltung bringen oder es gar könnten. Es ist der Umgang mit ihnen, das Jonglierern, schlechterdings. Wir wollen dabei annehmen, die Zählungen sind korrekt durchgeführt und die Endsummen unverfälscht niedergeschrieben und publiziert worden. Die Zahlen zeigen hier lediglich Verhältnismäßigkeiten auf, die man bewerten kann. Anders gesagt, die Zahlen widerspiegeln zunächst nur eine bereits statthabende Wirkung. Die Gewichtung entscheidet nun darüber, was man anstellen möchte, damit das Verhältnis der Größenordnungen der erfassten Objekte zu einander sich ändere. In diesem Zusammenhang wird im Neudeutschen gerne von Stellschrauben gesprochen, an denen man noch drehen müsse. Ein schwieriges Unterfangen, da sich nicht per Mehrheitsbeschluss entscheiden ließe, ob etwas richtig oder falsch ist. Wir landen also zwangsläufig in einem Abwägungsverfahren. Dies nun wieder ist allerlei verschiedenen Erkenntnissen, Sichtweisen und nicht zuletzt Interessen unterworfen. Die bezaubernde Stationsschwester dieser Abteilung vermochte ja schon allein am Beispiel des Automobils eingängig aufzuzeigen, welche Verzahnungen man bedenken muss, will man dem Verkehrstod den Schrecken nehmen. Beim militärischen-industriellen Komplex ist es bedauerlicherweise ähnlich.

      Gerne noch, würde ich mehr darüber erzählen, allein, die Tagespolitik harrt meiner.
      Ihr Frank Custodis

      • queerMum schreibt:

        Die „Zahlen“ zeigen gerade nicht nur irgendwas auf, das (von so Leuten wie Ihnen?) zu bewerten, gewichten (oder was da noch an hochtrabenden Tätigkeiten erfunden werden kann) wäre – und schon Mal garnicht „lediglich“.
        Der Überbau meint -spätestens seit dem verdienten Sieg über den staatlich organisierten Proleten- daß er nun gänzlich unabhängig über der Basis schwebe.
        Am Ende sollen aber die Flugzeuge fliegen und Brücken stehenbleiben. Und es sollten ca. Einwohnerzahl*Jahresbedarf an Kalorien produziert werden (damit wären wir beim Atom/Öko/Bio oder Marx – bzw. heute Krankenschwester sowieso).

        Ich will Ihnen ein Beispiel dafür geben, was Zahlen sofort sagen, ohne daß es derzeit irgendwer zur Kenntnis nähme (Dies zu beklagen, m.E. der Gegenstand des Eingangsartikels war), was aber dennoch Auswirkungen haben muß und sich irgendwann gewaltsam wieder in die Waage bringen wird, wenns halt bis dahin keiner freiwillig macht. Ich vermute, es sind Leute wie Sie, deren Behuf es ist, mit vielem gelahrt klingendem Geräusch dafür sorgen, daß das noch lange dauert.

        Prämissen:
        a) Das deutsche Bildungssystem ist selektiv. (d.h., daß man praktisch ohne Begutachtung der Schüler einer Einschulungsklasse mit großer Genauigkeit deren Schulerfolg anhand ihres sozialen Herkommens voraussagen kann.)
        b) Mädchen erhalten bei identischer Leistung eine um eine ganze Note bessere Bewertung.

        Ich bin -im Gegensatz zu Ihnen oder der Krankenschwester- kein Literat, habe das einfach nicht gelernt, kann es demzufolge nicht und möchte auch keinen vernünftigen (Recherche usw.) Artikel verfassen – nur einen Gedanken absondern. a) und b) werde ich infolge Faulheit und mangelnder Begabung nicht belegen, hoffe, daß es entweder bekannt ist – oder sich jemand drauf einläßt, die Sache zunächst unter Annahme der Richtigkeit der beiden Prämissen zu durchdenken.

        a) ist genau in dem Fall kein Problem, daß Verteilung der Begabung der Kinder (i.q.) und Sozialstatus der Eltern exakt zusammen fallen. Natürlich habe ich das nicht untersucht, es erscheint jedoch unplausibel. (Der -sebstredend- überaus kluge Apotheker mag sich z.B. seine Gemahlin nach anderen Kriterien, als aus der Zuchtwahl folgenden, ausgewählt haben.)

        a) und b) zusammen sorgen dafür (allein als „Zahlen“, keinerlei Interpretation erforderlich oder nützlich), daß das Personal an deutschlands Gymnasien, auf seinen Hochschulen, in seinen Kanzeleien, Praxen, Büros, Parlamenten, Botschaften und Redaktionen unterdurchschnittlich intelligent aber überdurchschnittlich weiblich ist.

        Oder nicht? Ich denke, nur dann, wenn es keine vererbte Begabung gäbe, also alles nur Ergebnis der Umstände ist (die natürlich in „bildungsnahen“ Umgebungen besser sind), haben wir in Deutschland keine unnötig blöde Intelligenz.

        Anmerkungen:
        1.) Dennoch sind „wir“ Vizeexportweltmeister…
        2.) Unsere Arbeiterklasse ist mithin zu männlich und zu klug.
        3.) Auch die gebildete Elterngeneration entsprang bereits einem selektiven Bildungssystem, wie auch die davor, die davor und die davor…
        4.) b) ist hingegen wohl eine neueres Phänomen.

        5.) Vermutung: Problem wird mit jeder Generation größer.

        „Zahlen“-Nachtrag. (evtl. zur Verdeutlichung nötig):
        -Durchschnitts-IQ der Generation: 100
        -Anteil der gesellschaftlich gewollten/erforderlichen/verkraftbaren Studenten: 45 %.
        -Durchschnitts-IQ der intelligentesten 45 % der Generation: 109,653577
        -Durchschnitts-IQ der unintelligentesten 55 % der Generation: 94,6587213
        -Durchschnitts-IQ der 45 % Studierten der Generation: 104,6412764
        -Durchschnitts-IQ der unstudierten 55 % der Generation: 97,6587213

  5. queermum schreibt:

    evtl. leider evtl. erforderliche klärung:

    meine spon-bemerkung diente nicht der eitelkeit (ich weiß eh, daß ich der schlauste bin und enthalte mich -hintertrieben, wie ich mal bin- auch jeglichen hinweises darauf.). er sollte auf die sonderbare nichtübereinstimmung der leicht überdurchschnittlichen allgemeinen auffassung von der realität („zahlen“) abheben. früher verzweifelte ich deswegen und wegen der unmöglichkeit, diese meinungen mit zahlen zu beeinflussen. heute habe ich das akzeptiert (kotze nicht mehr), möchte mit dem umstand leben, ihn verstehen oder gar ihn mir zunutze machen.

    ps. ich schreibe auf einem entsetzliche mäuseklavier, worunter überblick und großschreibung leiden.

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