Welterklärungen

Boviste und Planeten, Nachtrag.

Mich erreichte, und sehr zu meinem Plaisier, Kritik zu meinem letzten Beitrag. Sie kam als Brief mit der Post. Ich finde, sie hat, gleichwohl sie von der Gottesdebatte fortführt, Veröffentlichung verdient:

Kritik an Boviste und Planeten

Natürlich habe ich repliziert. Und zwar wie folgt:

Lieber Herr ,

(…) fühle ich mich geehrt, dass Sie Veranlassung empfunden haben, sich zu meinem Text zu äussern. Nun wollen Sie mir das Gefühl gleich wieder abschneiden, indem Sie sagen, der Text sei bedenkenswert allein durch den „Bonus der Berühmtheit“. Nun. Ganz so leicht lasse ich mich denn doch nicht beschneiden. Wollen sehen, ob mein Aufasatz nicht doch andere Bedenklichkeitsgründe bereit hält.

Sie beginnen mit dem Einbekenntnis, dass Sie im Unklaren über meine Redeabsicht sich befinden; läge da eine „subjektive Befindlichkeit“ vor oder ein „ernst gemeinter philosophisch-theologischer Beitrag“?

Darf ich fragen, wozu Sie das wissen müssen? Steht nicht im Text, was in ihm steht? Vermag er nicht für sich zu sprechen? Ist nicht am Ende sogar möglich, dass subjektive Befindlichkeiten die konkrete Art sind, in der ernste Weltanschauungen überhaupt zum Ausdruck kommen? Oder umgekehrt, dass „ernst gemeinte philosophisch-theologische Beiträge“ nichts sind, als „subjektive Befindlichkeiten“, die einer mit ernsthaftem Gesicht vorträgt?

Ich frage das, weil ich finde, dass es zwei bedauerlich weit verbreitete Fehler philosophischen Argumentierens gibt: Erstens eben den genannten, sich mit einer Redeabsicht statt der Rede selbst zu beschäftigen. Es mag Abhandlungen geben, bei denen diese Beschäftigung geboten ist. Aber in meinem Fall? Rede ich denn in Masken? Ich meine, ich hätte recht gerade heraus gesprochen. Ausserdem führt das Herausbringen einer Redeabsicht zu ganz anderen Gegenständen, als die zur Rede gebrachten und muss in diesen Absichts-Entdeckungen dann noch spekulativ und ungewiss bleiben. Kein Wort über Gott in ihrer Kritik! Das ist, eingedenk meines Themas, doch seltsam, nicht wahr?

Der zweite oft gemachte Fehler philosophischen Argumentierens ist sehr viel ernster. Er besteht in dem Anspruch, in der Philosophie eine Art der Exaktheit herstellen zu wollen, die ihr Ideal den mathematischen Naturwissenschaften – oder besser noch gleich der Mathematik selbst – entnimmt.

Dieses Missverständnis über die Natur der Philosophie meine ich auch in ihrer Kritik zu erkennen. Sie haben eine Art, die Dinge der Philosophie als längst gesetzt und bekannt zu nehmen, die sich entweder aus eben einem solch axiomatischen Philosophie-Ideal speist – oder aber gar nicht den Anspruch erheben kann, selbst Philosophie zu sein. Denn Philosophie macht sich einmal nur an den Stellen nötig, an denen konzeptionelle Schwierigkeiten herrschen. Gäbe es Einvernehmen oder auch nur eine beweisbare Wahrheit in den typisch philosophischen Fragen, würde die Philosophie schwerlich die Gestalt einer durch die Jahrtausende gehenden Debatte aufweisen. Ich habe, soll das andeuten, über Jahre der Beschäftigung eine recht konkrete Vorstellung davon gewonnen, was Philosophie ist und kann, und was nicht.

Philosophie ist, obwohl sie das selbst vielleicht nicht (mehr?) weiss, keine Einzelwissenschaft. Sie ist überhaupt keine Wissenschaft in dem Sinn, dass sie irgendeinen konkreten Ausschnitt der Wirklichkeit korrekt zu beschreiben trachtet. Philosophie ist in meiner Auffassung eine Art Literatur; didaktische Literatur, genauer zu sein. Inspiration und Wirkung ist ihr wichtiger, als Wahrheit und zutreffende Beschreibung. Das heisst nicht, dass in ihr keine Strenge oder Logik herrschte; im Gegenteil, es gehört zur Philosophie, ihre eigenen Methoden immerfort zu prüfen, zu überfeinern und zu rechtfertigen. Aber nehmen Sie einfach nur Hegels Dialektik und halten sie die gegen die klassische Logik – und Sie erkennen sofort den Salat. Nichtmal der simple Satz von der Identität ist noch simpel.

Fruchtbarkeit und Vermittlung erachte ich als höchste Ziele der Philosophie. Fruchtbarkeit meint die Eignung philosophischer Begriffe zu umfassender Welterklärung; Vermittlung meint, dass diese Begriffe zwischen dem Erkenntnisstand der Einzelwissenschaften und der Erfahrungswelt des Alltags vermitteln sollen. „Vermitteln“ im zwiefachen Sinne des Wortes: Im Sinn des Lehrens und im Sinn der Stiftung von Frieden. Damit ist der Philosophie auch ihre ewige Aufgabe gegeben, denn weder die Einzelwissenschaften noch die Erfahrungswelt bleiben ja jemals stehen. Zwischen ihnen muss unentwegt neu vermittelt werden.

In den Idealen der Fruchtbarkeit und Vermittlung liegt auch begründet, dass die Philosophie keine axiomatische Sprache anstreben soll; sie ist der Axiomatisierung entweder vorgelagert oder nachgeordnet. Wo die Philosophie versucht, übermässig exakt zu werden – in der analytischen Philosophie zum Beispiel – wird sie selbst zur Einzelwissenschaft und verlässt ihre eigentliche Bestimmung. Ich sage nicht, dass diese Art der Philosophie wert- oder nutzlos sei; aber sie hört eben auf, im eigentlichen Sinne Philosophie zu sein. Axiomatische Systeme sind Systeme der Übereinkunft; wo aber Übereinkunft schon hergestellt ist, bedarf es keiner Philosophie mehr.

Es liegt auch an dem verderblichen Hang der Philosophie, es den Einzelwissenschaften in Exaktheit, Kohärenz und Neuigkeit gleich zu tun, dass die Philosophie zu einem akademischen Nischenprojekt verkommen ist, das nurmehr einen vernachlässigbaren Einfluss auf die Gesellschaft nehmen kann. Die Lücke, die sie hinterlassen hat, wird nun von Lebensratgebern, Esoterikbüchern, populärwissenschaftlichen Abhandlungen etc. notdürftig gefüllt. Natürlich ärgert mich diese Entwicklung und nötigt mich, ständig auf das fundamental falsche Selbstverständnis der Philosophie hinzuweisen, das ihm zugrunde liegt.

Jetzt kann ich fast schon zu Ihren Einzelpunkten kommen. Ich musste diesen langen Lex voraus schicken, um zu kritisieren, dass Sie mich in praktisch all Ihren gebrachten Punkten gar nicht kritisieren. Anstatt das Gesagte nachzuvollziehen und insbesondere in Hinsicht auf Gott zu kritisieren, destillieren Sie einige allgemein-metaphysische Aussagen aus meinem Aufsatz, bezeichnen sie als pseudophilosophisch und machen ein paar richtigstellende Bemerkungen zu diesen Punkten.

Nicht allein, dass ich praktisch keine dieser Aussagen so gemacht habe, wie Sie es bei mir gelesen zu haben glauben. Es ist diese Methode der Kritik letztlich unfruchtbar (und also nicht sehr philosophisch), denn Sie setzen sich in Ihren Gedanken gar nicht mit meinen Gedanken auseinander (sondern mit Ihren eigenen).

Schliesslich auch offenbart sich, wie gesagt, in der Art der Kritik ein unkritisches Verständnis von Philosophie, von dem ich annehme, dass Sie es der Mathematik entnommen haben. Das Ziel dieses Briefes besteht hauptsächlich darin, Ihnen zu nahe zu bringen, dass die Dinge so einfach nicht liegen und Philosophie eben genau darin besteht, die Schwierigkeit philosophischer Gegenstände *ein*- anstelle von auszuräumen, *indem* sie einem ordnenden Betracht unterzogen werden. Denn jedes ausgeräumte philosophische Problem hört ja auf, eines zu sein.

Gut. Beginnen wir mit dem, was Sie an meiner Handhabung des Substanzbegriffes kritisieren: Er wäre unklar und in verschiedenem Sinn verwendet und überdies nicht im Einklang mit der philosophischen Tradition etc. Ich räume ein, dass Sie in diesen Punkten recht haben. In der Tat habe ich Substanz eher als Chemiker (der ich beruflich bin), denn als Philosoph gehandhabt. Eingestandenermassen ist es ein Makel, ihn in dieser unorthodoxen Weise auf die Gottesdebatte zu wenden; aber immerhin hat der Substanzbegriff der Chemie auch keine ganz unansehnliche Geschichte. Die mit Substanz zusammenhängenden Teile (wie auch die, in denen von Transzendenz geredet wird), sind dennoch sicher die schwächsten des Textes. Des ungeachtet meine ich, dass es darauf ankommt, das Gesagte verstehen zu wollen, um ihm dann gegebenenfalls, nunja, subtantiell zu widersprechen. Das ist, wie gesagt, die Art der Kritik, die ich bei Ihnen vermisse.

Bleiben wir kurz bei der Substanz – diesmal der philosophischen. Sie ist klarerweise ein metaphysischer Begriff; einer, der eine grundlegende Überzeugung von der Beschaffenheit der Welt zum Ausdruck bringt, eine Überzeugung, die jeder Physik voraus gehen soll. Im Fall der Substanz ist es das essentialistische Weltbild, das m.E. mit Kant seinen Höhepunkt und Abschluss fand: Es seien die Dinge, wie sie seien aufgrund ihres so-seins (Ding an sich). Der Mensch tritt auf als ein diese Dinge apperzipierender (nicht eingreifender) Beobachter, bewaffnet mit seinen Sinnen und seinem Verstand, und macht mit diesem Instrumentarium etwas „für sich“ daraus. Substanz nun soll in dieser Sicht sein, was den Dingen (an sich) als unzerstörbare Bedingung, Eigenschaften haben zu können, zugrunde liegt.

Diese Vorstellung kam auch in der Diskussion in W. zur Sprache. Ich habe damals gesagt, dass ich kein zwingend notwendiges Argument sehe, demnach ein unwandelbarer Grund gegeben sein muss, vor dessen Hintergrund alle Akzidenz und alle Wandelbarkeit nur Bestand haben könnten. Es genügt, dass es Unterschiede gibt; meistenteils Unterschiede des Wandels. Ich komme darauf gleich zurück.

Zuvor aber noch das Bekenntnis, dass ich ein recht resoluter Gegner des essentialistischen Weltbildes bin. Es gibt keine Dinge in der Welt (und folglich keine Eigenschaften dieser Dinge), die nicht einen aktiven Beobachter und ggf. Experimentator implizierten. Auch die Rede von Naturgesetzen ist sinnlos, wenn man nicht zB. die experimentellen Anordnungen kennt, mit denen auf sie geschlossen wurde; gleiches gilt für den mathematischen Apparat. Es gibt ein schönes Büchlein von Michael Hampe dazu („Eine kleine Geschichte des Naturgesetzbegriffes“), das ich Ihnen sehr an Herz legen möchte. Es gibt, soll das in letzter philosophischer Konsequenz heissen, keine ahistorischen Begriffe oder Wahrheiten. Jede Wahrheit, auch die allgemeinste noch, hat ihren Gültigkeitsbereich und ihre Grenzen. Auch darauf will ich weiter unten noch genauer eingehen.

Es ist, wollte ich an dieser Stelle nur sagen, in der Hauptsache die Ablehnung des essentialistischen Weltbildes, die mich angeleitet hat, einen anderen Substanzbegriff zu wählen und in einen Zusammenhang mit der Erfahrung zu bringen. Auch wenn ich diesen Grund im Text nicht allzu explizit mache, ist es doch, meine ich, nicht schwer, meinen Gedanken zu folgen und sie ersteinmal mitzumachen. So man dann einwenden mag: In dieser Weise sei Gott nicht zu denken und zwar aus folgenden Gründen…, bin ich gern bereit, dazu Stellung zu beziehen, oder mich zu revidieren. Aber stattdess zu sagen, Spinoza oder Descartes hätten einen ganz anderen Substanzbegriff gepflogen, kann wohl schlecht als Einwand gelten. Es mag bestenfalls eine Information sein für deren Übermittlung ich mich bestenfalls artig bedanken kann.

Soviel von dem. Die anderen „pseudophilosophischen Aussagen“, die Sie entdeckt zu haben glauben, lesen Sie wirklich mehr in meinen Text, als ich sie tatsächlich als wesentliche Aussagen hinein geschrieben hätte. Nirgends behaupte ich beispielsweise, es gäbe keine Wahrheit. Im Gegenteil. Gerade von der Wahrheit habe ich eine hohe Meinung und einen nicht ganz unausgebauten Begriff.

Ich will, damit das keine leere Behauptung bleibe, kurz ein paar Worte zur Wahrheit sagen. In der Tat bin ich mit Ihnen d’accord, dass Wahrheit ein denknotwendiger Begriff ist; ohne ihn wüsste niemand, was ein Aussagesatz auszusagen beansprucht und ohne Aussagesätze bräuchte man in der Tat nicht weiter zu reden.

Das bedeutet aber mitnichten, gleich auch die korrespondeztheoretische (aristotelische) Wahrheitsauffassung mitzumachen. Also die Übereinstimmung von Aussage und Ausgesagtem, bzw. objektiver Realität und Repräsentation dieser Realität im Geist. Dies ist offenbar auch die Auffassung, die Sie vertreten, und sie ist in der Philosophie keinesfalls unumstritten. Ein relativ einfacher Einwand gegen die Korrespondenztheorie lautet, dass es keinen unabhängigen Zugang zur Wirklichkeit gibt, mit dem sich die Übereinstimmung von Tatsache und Auffassung derselben feststellen liesse. Die Korresponzentheorie würde im Wesentlichen zirkelhaft sein. Ein anderes, sehr berühmtes und seither stark ausgebautes Argument kommt von Frege, der sagt, dass Sätze immer auf Wahrheitswerte referieren anstatt auf Tatsachen (sog. Slingshot-Argument).

Daneben gibt es eine Reihe anderer Einwände und konkurrierender Wahrheitsbegriffe, von denen ich Ihnen nur drei geben will, die ich für arbeitsfähiger (fruchtbarer!) halte, als den korrespondenztheoretischen: Einen analytischen, einen grammatischen und einen pragmatischen.

(Drei Wahrheitsbegriffe! Wie kann das sein?!, wird der Mathematiker in Ihnen protestieren. Es kann, versetze ich, ganz genauso sein, wie die Zerklüftung des Streits um Gott, sobald man genauer hin sieht. Der Wahrheitsbegriff hat eben verschiedene Aspekte; natürlich herrscht Verwandtschaft zwischen diesen Aspekten.)

Erstens, analytisch: Wahrheit ist die Behauptung von Vergewisserbarkeit. Das ist der korrespondenztheoretischen Auffassung am nächsten; wenn Vergewisserung zB. durch einfaches hingucken erzielt werden kann, ist der praktische Unterschied zur Korrespondenztheorie klein.

Der Vorteil dieser Ansicht liegt aber darin, dass man nicht gezwungen ist, zu begründen, wie ein Satz und ein Gegenstand (bzw. eine Tatsache) denn nun genau „übereinstimmen“ müssen, um wahr zu sein. Stattdessen wälzt man das Wahrsein zunächst auf ein Gefühl ab, nämlich das der Gewissheit bzw. des Fürwahrhaltens. Dadurch stünde nun dem Subjektivismus Tür und Tor offen – wären nicht die Modi der Vergewisserung eine gesellschaftlich festgelegte Praxis. Was als zuverlässig gelten darf, in welchen Grenzen eine Vergewisserungs-Praxis verlässlich ist etc., das wird gesellschaftlich ausgehandelt und ist keine Privatsache. Solche Praxen können sein: Hingucken, Glaubenschenken (zB. historischen Überliefrungen), Experimentieren, mathematisches Umformen etc.

Durch die gesellschaftliche Bedingtheit der Vergewisserungs-Praxen kommt eine gehörige Portion Objektivität in den Wahrheitsbegriff zurück. Er bleibt aber, das gebe ich gern zu, immer zu einem Teil subjektiv eingefärbt. Möglicherweise ist das so. Ein arbeitsfähiger (wahrer!) Wahrheitsbegriff kann eben nicht danach trachten, alles subjektive aus sich auszuschliessen; solch ein Wahrheitsbegriff hätte letztlich nichts mit uns und unserem Leben zu tun, sondern wäre ein göttlicher und für uns relativ sinnloser Begriff. Wahrheit geht nicht vom Subjekt abzulösen, weil es Subjekte sind, die Wahrheiten finden oder bestreiten etc. Ich komme gleich nochmal darauf zu reden.

Zweitens, grammatisch: Wahrheit ist die Erfüllung eines Konditionals. Das soll heissen, jede wahre Aussage hat immer einen (in der Regel ungesagten, impliziten) Voraussetzungsteil und einen notwendige Folgeteil; zusammen macht das eine Wahrheit. Es gibt keine keine voraussetzungslose Wahrheit. Nicht nur bedarf jede Wahrheit einer vorausgehenden Übereinkunft über die Bedeutung der verwendeten Zeichen/Sprache; es ist auch jede Wahrheit nur begrenzt gültig, d.i. sie hat stets einen Gültigkeitsbreich. Jede Wahrheit hat also die Form: Wenn…dann…; ohne den wenn-Teil gibt es keine Wahrheit. Daraus folgt auch, dass Wahrheiten nicht isoliert, sondern stets in Zusammenhängen auftreten.

Darüber, ob ein Sachverhalt wahr sein kann, wenn niemand vorhanden ist, ihn zu denken (Spaemanns Gottesbeweis), lässt sich streiten. Ich denke, es liegt dem ein falscher, weil ahistorischer Wahrheitsbegriff zugrunde. Wahrheit ist immer etwas, das nur im Zusammenhang mit Bedeutung auftritt; also letztlich in Zusammenhang mit dem Leben und dessen Phänomenen. Wo kein Leben ist, kann keine Bedeutung sein und folglich keine Wahrheit; es ist nur eben sehr schwierig, eine Welt zu denken, in der kein Beobachter/Teilnehmer vorkommt, weil in der Vorstellung der Vorstellende natürlich immer schon inbegriffen ist bzw. an ihrer Evokation den wesentlichsten Anteil hat.

Das Verständnis von Wahrheit als Erfüllung eines Konditionals hat den befriedigenden Nebeneffekt, dass es eine Art und Weise nahe legt, in der die relativistischen Tendenzen von nicht-korrespondenztheoretischen Wahrheitsauffassungen zurück gewiesen werden können. Wahrheit wird stets bewiesen oder anschaulich gemacht, indem man sich auf Voraussetzungen einigt, aus denen die Wahrheit der in Frage stehenden Sache abgeleitet werden kann (das ist auch der Link zur analytischen Wahrheitsauffassung mit ihrer Vergewisserbarkeits-Praxis). In der Regel geht es eben so, dass man sagt: Wenn Du diese und jene Voraussetzung mitmachst, musst Du aus diesen und jenen Gründen auch deren Folgen akzeptieren. Aus Voraussetzung und Folgerungsmethode entsteht Wahrheit – eben in der allgemeinen Form eines Konditionals.

Drittens, pragmatisch: Wahrheit ist, was wir daraus machen. Das ist die Auffassung des Konstruktivismus, aber in die Handlungsebene gelegt, anstatt allein in eine konstruktive Tätigkeit des Geistes. Jede Wahrheit erweist sich im Handeln. Das ist insofern einsichtig, als dass Handeln praktisch immer einen Wirklichkeits-schaffenden Aspekt aufweist. Wahrheiten werden konstruiert: Indem wir zum Beispiel Mathematik treiben oder Experimente durchführen, Maschinen konstruieren oder Kinder erziehen etc. Handeln heisst, wir begegenen der Wirklichkeit zielgerichtet, im Verfolg einer bestimmten Absicht. Dieses zielgerichtete, operationale Handeln schafft Zusammenhänge und ist also ein potentieller Kandidat, um Wahrheit zu erzeugen. Wahrheit erscheint dann einfach als operationale Funktionabilität. Eine Tätigkeit, die gelingt, stellt eine Wahrheit her. Wie gesagt, in diesem Konzept sind gedankliche Handlungen, wie sie in der Mathematik und Logik vorgenommen werden, inbegriffen. Diese pragmatische Wahrheitsauffassung stammt nicht von mir, sondern kommt im Wesentlichen von den Klassikern des Pragmatismus Peirce und Dewey; Karl Marx hatte meines Wissens eine ähnlich Auffassung. Er hat sie nur nie besonders ausgearbeitet.

All den obigen Ideen ist gemeinsam, den Wahrheitsbegriff soweit es geht zu abstrahieren, ohne ihn zu verabsolutieren. Es liegt in der Verabsolutierung, meine ich, eine metaphysische Übertreibung, die einem jede Menge unangenehmer Begründungspflichten einhandelt, ohne gross etwas zu gewinnen.

In diese Überlegungen ordnet auch meine klare Ablehnung der Idee, es könnte eine absolute Wahrheit geben und sei es in Form eines Grenzwertes, dem man sich nähern könne. Stattdessen wähne ich, dass es nur Teilbereiche unserer Weltanschauungen gibt, die unter bestimmten (nennbaren) Bedingungen kohärent sind. Das spielt in den Problembereich des Reduktionismus, also der Frage, ob es eine vereinheitlichte Theorie von allem geben könne (das wäre dann die absolute Wahrheit), bzw. ob man sich dieser Theorie systematisch annähern könne. Ich meine, es geht nicht, weil wir, um den Abstand zu jener absoluten Wahrheit zu ermitteln, diese bereits kennen müssten oder doch wenigstens wissen müssten, wie sich die Wahrheit in der Nähe der absoluten Wahrheit verhält um irgendeinen Hiweis auf den Abstand zur absoluten Wahrheit abzuleiten. Überdies muss man für solche Auffassungen Grade von Wahrheit zulassen (eine Auffassung wäre dann desto wahrer, je näher sie der absoluten Wahrheit käme) und die Idee von Graden der Wahrheit (bzw. ihrer Steigerbarkeit) widerspricht ganz offenbar dem, was mit ihr ausgedrückt werden soll. Aber das sind eher Randprobleme.

Ich bringe das alles zur schnellen Illustration, dass Sie womöglich geirrt haben, als Sie mir unterstellten, ich würde die „pseudophilosophische“ Ansicht vertreten, es gäbe keine Wahrheit, nur Meinungen. Nicht nur steht derlei nirgends in meinem Text; es liegt mir, wollte ich beweisen, sogar sehr fern. Im Gegenteil: Natürlich gibt es Wahrheit; muss es geben, aus Gründen wie gesagt der Denkkohärenz und der Notwendigkeit, in Aussagesätzen zu reden. Was Wahrheit indes *genau* ist, darüber herrscht unter Philosophen, wie ich nur andeuten konnte, reges Debattieren.

„Der Mensch ist Teil der Natur.“ Das impliziere ich, wenn ich es recht erinnere, bei Behandlung der Frage, ob Moral evolutionär begründet werden könne (was ich verneine). Ich stelle es meiner Erinnerung nach als keine besondere philosophische Erkenntnis heraus und will auch keinen Widerspruch zwischen Mensch und Natur konstatieren. Wenn Sie mir die Stelle bezeichnen wollten, an der ich solches behaupte?

„Es gibt nichts Festes, alles ist stets im Fluss.“ Das ist tatsächlich an verschiedenen Stellen ex- und implizit behauptet. Sie nennen es eine pseudophilosophische Aussage. Ich sehe nicht, warum. In der Art, wie Sie sie dann abtun wollen, unterläuft Ihnen ein so grober Denkfehler inbetreff der Notwendigkeit des Festen/Unwandelbaren, dass ich ihn getrost zum Beleg nehmen kann, dass es sich mitnichten um ein triviales oder unmittelbar einsichtiges metaphysisches Prinzip handelt.

Ich habe, was Ihren Fehler ausmacht, oben schon angedeutet: Der Wandel benötigt des absolut Festen nicht notwendig, um erfassbar zu sein. Es genügt das Festere. Weder benötigt man eines ruhenden Raumes, vor dessen Hintergrund Bewegung statt haben müsse, noch irgendeines anderen Unbewegten. Bewegungen sind immer nur relative Unterschiede. Im Fall des physikalischen Raumes ist das seit Einstein bekannt; eigentlich schon seit Leibniz (und, interessanterweise Schopenhauer). Raum entsteht durch Bewegung und ist kein unbeteiligtes Behältnis für die Bewegung. Gleiches gilt für andere „Grundbegriffe“; Sie nennen Substanz, Materie, Geist: Es handelt sich stets um relative Verhältnisse, die sich in der Bewegung ausbilden.

Gern nehme ich, um diese relative Stabilität zu veranschaulichen, das Bild eines Wirbels im Strom zur Hilfe: Wie Wirbel in einer turbulenten Strömung eine gewisse Stabilität, d.i. Dauer und innere Kohärenz haben können (die von der Bewegung angetrieben wird!), so drücken Naturgesetze und „Grundbegriffe“ eine gewisse Konstanz von Verhältnissen im Bewegten aus, die jedoch vom Bewegten angetrieben und erzeugt sind. (Solch eine kosmologische Metaphysik findet sich im Übrigen im Einklang mit der einzigen physikalischen Theorie des Fortschreitens der Zeit, der Thermodynamik nämlich. Alle anderen Theorien (klassische Mechanik, Relativitätstheorie & Quantenmechanik, in der zwei Zeiten vorkommen) sind invariant bezüglich Umkehrung des Zeitvorzeichens und also weder intuitiv einsichtig noch historisch.)

Soweit meine Kritik an Ihrer. Einiges, wie gesagt, gebe ich Ihnen zu. Die Substanz-Sache schwächelt. Die Transzendenz-Stellen desgleichen. Was aber eigentlich ich sagen wollte: Dass all diese Dinge als Aspekte Gottes gehandelt werden, ohne notwendig als solche auftreten zu müssen, das kommt in ihrer Kritik nicht vor. Nicht jedenfalls in den Teilen, die ich zu Gesicht bekommen habe.

Wenn Sie Lust zu einer Entgegnung fänden – auf meinen Aufsatz oder auf diese Email – würde ich mich ausserordentlich freuen.

Herzlich,
etc.

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2 Gedanken zu “Boviste und Planeten, Nachtrag.

  1. OT – Danke für prägnante Zusammenfassung einiger philosophischen Konzepte von Wahrheit.

    Der Philosophie gegenüber habe ich mich immer verschlossen, wenngleich ich daraus entwickelte Denkmethoden dankend übernehme. Bin in der Hinsicht bekennender Parasit.

    Die Lektüre dieser Widerrede fällt deutlich leichter als Lektüre des Original-Blog-Beitrags. Liegt wohl am Wesen einer Widerrede. Aus dem Grund lobe ich den Leserbrief ausdrücklich – er hat diese Ihre Widerrede angetriggert.

    PS Wäre dies mein Leserbrief, empfände ich die Tatsache, dass er vom frisch entknüllten Briefpapier abfotografiert wurde statt säuberlich abgetippt, als Respektlosigkeit.

  2. Ja, da war ich wohl ein bisschen faul. Andererseits. Respektlosigkeit ist die Tugend des wohlerzogenen Philosophen. Er muss sich an die gebieterischsten Gegenstände wagen, als wären sie eine Knobelaufgabe des Mathelehrers.

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