Leistungsstufe, Nachdenklichkeiten, Welterklärungen

Verblödung durch Drüberreden — Hämophektiken des Stereotypverfertigens

Teil 1 : Wie aus Vielfalt Einfalt wird.

Rassismus ist ja eine Form von Dummheit. Soll jetzt mal kein Urteil sein, sondern eine Feststellung. Denn unzweifelhaft zeugt von Einfalt, alle Übel der Welt einer bestimmten Sorte Mensch anzulasten. Das wunderbare Wort „Einfalt“ faßt den ganzen Unsinn wie kein anderes: Die mannigfachen Ursachen des sich-so-Zutragens unserer Geschichte werden durch den Rassisten in eine einzige gefaltet: Der Jude wars, oder der Kanake, der Neger, der Muselmann.

Gewiss, es gibt Abstufungen der Schuldzuweisungen. Also etwa, dass der Kanake nur Schuld auf sich lädt, wenn er in unser Land kommt, während der Jude auch dann Schuld hat, wenn er bleibt, wo er ist. Oder der Muselmann, der schlimmer ist als der Neger, weil er vorsätzlich brandschatzt und mordet, während sich dieser durch abnorme Schnakselsucht inklusive Kinderindieweltsetzen eigentlich nur seiner dräuenden Altersarmut erwehren will. Und so weiter.

Schön blöd, das alles, nicht wahr? Wie aber kommt es dann, dass so viele Menschen anfällig für solche oder ähnliche Stereotype sind? Selbst kluge Menschen, selbst Leute mit ansonsten unbestechlichem Verstand? Selbst Leute, die vielleicht täglich ganz normalen Umgang mit Juden oder Türken pflegen?

Am Grunde des Durchschauens rassistischer Stereotype nämlich verbleibt eine Frage, die meines Erachtens immer noch ungelöst ist. Sie lautet: Wie kommt es zu der seltsam vereinheitlichten Wahrnehmung einer gemischten Gruppe von Menschen durch eine gemischte Gruppe von Menschen? Welcher Mechanismus bewirkt, dass aus Vielfalt Einfalt wird?

Denn es scheint mir ganz unbestreitbar, dass jeder Mensch seine eigenen, ganz privaten Erfahrungen mit verschiedenen Menschengruppen macht. Einer kennt Türken aus seiner Schulzeit, ein anderer hat türkische Kollegen, einer kennt den Türken nur als Dönermann, einer wurde mal von einer Türkengang vermöbelt und eine hat einen türkischen Mann geheiratet und fährt nun jeden Sommer zu dessen Familie in die Türkei. Einer war zwei Jahre in Israel, um dort zu studieren, einer traut sich das Wort „Jude“ nicht auszusprechen, weil er es für einen Pejorativ hält, einer hält Juden für notorische Genies, und einer kennt nur Michel Friedman.

Kurz, es existieren zu jeder gedachten oder tatsächlichen Gruppe eine Unmenge privater Erfahrungen, die sich alle voneinander unterscheiden. Sie spielen ganz eigene Rollen im Leben eines jeden Menschen; manche dieser Erfahrungen sind vielleicht einschneidend, manche sind euphorisierend, manche traumatisierend, andere beiläufig oder alltäglich, und noch andere vergisst man sofort. Die Frage lautet: Wie wird aus diesem Reichtum unterschiedlicher Erfahrungen die Armut des vereinheitlichten Stereotyps hergestellt? Wie wird aus der Mischkultur tausender Geschichten die Monokultur der „Geschichte“?

Es wurden nun bereits eine Menge Vorschläge gemacht, wie diese Frage zu beantworten sei. Ein Beispiel ist die Antisemitismustheorie von Moishe Postone. Ich habe diese Theorie mehrfach gescholten[1] und plane, was ich beim Abfassen dieser Schelte gelernt habe, im Folgenden weiter entwickeln. Eine andere Theorie, die die Herausbildung von Stereotypen und irrationalen Vorurteilen erklären soll, hat mein Freund und Hirnteiler Felix Bartels in seinem Werk „Odysseus wär zuhaus geblieben“ aufgestellt.

Obwohl Bartels Argumente um Klassen besser sind, als Postones, behandle ich beide, Postone und Bartels, in diesem Essay als prototypische Vertreter der selben theoretischen Grundrichtung. Beider Theorien nämlich eint, daß sie das Herausdestillieren einer vereinheitlichten Stereotype aus der Vielfalt der Erfahrungen als einheitlich fehlgeleitete Wahrnehmung erklären.

Das geht so: Schon beim Auffassen der Welt würde ein psychologischer Mechanismuns wirksam, welcher das Wahrgenommene sozusagen ins falsche Töpfchen sortierte. Ein einfacher Vertreter dieser Art von Theorien wäre zB. die Auffassung, Rassisten würden in der Regel an einem Minderwertigkeitskomplex leiden und deshalb ein geeignetes Objekt suchen, durch dessen Wahrnehmungs-Verkleinerung und -verhässlichung sie sich selbst erhöhen könnten. Das ist natürlich nicht die ganze Theorie, aber ich gebe diese Auffassung so knapp, um anzudeuten, von welcher Art Theorien hier die Rede geht. Es geht um Theorien des Inhaltes, dass die private Wahrnehmung der Menschen so gesteuert wird, dass bereits an dieser Stelle, also an der Stelle der Wahrnehmung und Konstruktion von Wirklichkeit, die Vereinfältigung des Wahrgenommenen bis zur rassistischen Stereotype stattfindet. Im Grunde also bestreiten diese Theorien die Vielfalt der Wahrnehmungen. Es ist, als hätten die Menschen getönte Brillen auf, welche die Farbigkeit der Welt in eine monochrome Tristesse verwandelte (und viele Farbnuancen und -kontraste ganz unterschlüge). Die kausale Rolle dieser Brille würde vom jeweiligen psychologischen Mechanismus der Wahrnehmungssteuerung übernommen.

Postone beispielsweise bemüht den psychoanalytischen Vorgang der Übertragung, welche gleich zweimal hintereinander statt hätte. Einmal, indem die kapitalistischen Verhältnisse (sie sind das Wahrgenommene) auf ihre „abstrakte Erscheinungsweise“ reduziert und sodann, indem diese „abstrakte Erscheinungsweise“ im Stereotyp des Juden konkretisiert, bzw. personalisiert würde. Das klingt jetzt vielleicht krude. (Zumal in dieser gedrängten Darstellung. Aber der Leser mag mir hierin vertrauen, dass auch eine längere Erläuterung die eigentliche Krummheit des Gedankens nicht begradigte.) Es wird wohl daran liegen, dass es krude ist.

Es gäbe nun viel an Theorien zu kritisieren, die eine vereinheitlicht fehlgeleitete Wahrnehmung als Mechanismus für die Herausbildung von Stereotypen nennen. Ich möchte jedoch gern mehr als Kritik leisten; ich möchte einen Gegenentwurf anbieten. Deshalb (und aus Gründen der Faulheit) deute ich meine Kritik nur an.

Eine erste Kritik wäre die faktische Unbeweisbarkeit der meisten Wahrnehmungs-Theorien. Wie nämlich wollte man empirisch belegen, in welcher Weise die Wahrnehmung – im Fall Postones beispielsweise der kapitalistischen Verhältnisse – beim durchschnittlichen deutschen Volksgenossen Mitte der 1930er erfolgte? Man hat ja keinen Hirnguckkasten. Auch an (ohnehin zweifelhaften) Selbstauskünften und Introspektionsprotokollen dieser Leute, die Rückschlüsse auf den Ablauf ihrer Wahrnehmungen zuliessen, herrscht Mangel. Aber gut. Lassen wir diesen Einwand einmal unausgeführt und nur der Vollständigkeit halber angedeutet.[2]

Eine weiterer, und in der vorliegenden Sache belangvollerer Vorwurf an Theorien vereinheitlicht fehlgeleiteter Wahrnehmungen ist ganz einfach die Unwahrscheinlichkeit der Behauptung. Es will mir wenig glaubhaft vorkommen, dass in allen Köpfen der selbe (mehr oder minder pathologische) Psychomechanismus am Werk sein sollte. Die Grundfrage wird letztlich nicht gelöst, sondern nur verlagert. Sie währt als Frage nach der Einheitlichkeit einer Wahrnehmungsschwäche fort. Denn eigentlich würde man doch erwarten, dass die Wahrnehmungsverzerrungen einer Gruppe ungefähr genauso divers sein sollten, wie die Erfahrungen, die sie in ihrem Leben gemacht haben. Mir zumindest erscheint nicht wirklich plausibel, dass die Majorität einer Generation mit einem Male an der selben Augenkrankheit leidet. Ich würde vermuten, dass es einer mit den Augen hat, ein anderer mit den Ohren und der nächste wieder an Magengrimmen und saurem Aufstoß leidet. Einer ist cholerisch, einer griesgrämig, einer argwöhnisch und einer langweilt sich immerfort. Wieso sollte man annehmen, dass in all diesen Leuten plötzlich der selbe Phantomschmerz auf die selbe Weise und an der selben Stelle entsteht, sobald sie eines Juden oder Negers oder Kanaken gewahr werden?

Um Vergebung, aber ich glaube nicht an derley. Ich bleibe lieber bei dem Glauben, daß Wahrnehmung und Konstruktion der Lebenswirklichkeiten der Menschen so verschieden ist, wie die Menschen, die sie wahrnehmen bzw. konstruieren. Ich bestreite die Einheitlichkeit des Wahrgenommenen. Unsere Frage ist damit nicht aus der Welt, sondern lediglich leicht umformuliert. Sie lautet nun: Wie wird aus der Unterschiedlichkeit der vielen individuellen Wahrnehmungen die Einheitlichkeit des kollektiven Stereotyps? Und die Antwort, die ich hier entwickeln will: Durch Kommunikation. Dadurch, dass wir drüber reden.

Teil2 : Drüberreden.

Alle sagen, man „solle drüber reden“. Wenn man Probleme miteinander hat, zum Beispiel. Oder auch in der Gesellschaft. Da heisst es dann „gesellschaftlicher Dialog“. Über Flüchtlinge, zum Beispiel, müsse der „angeschoben“ und möglichst „offen“ geführt werden. Oder, wenn es ganz groß wird, zum Beispiel bei neuen Gesetzen, muss eine „gesamtgesellschaftliche Debatte“ her. In jedem Fall sei es besser, miteinander zu reden, als beispielsweise aufeinander zu schiessen oder ein Gesetz mit der Faust oder dem Schwert durchzusetzen. Sowas eben. Reden sei auch besser als Schweigen und Verdrängen.

Meinungen dieser Art hat jeder schon gehört. Und es ist ja auch, wie man so sagt, was dran. Dies und das ist dran – und ein Haken. Im folgenden will ich vom Haken am Drüberreden, nunja, reden. Ich will erklären, dass rassistische Stereotype kollektiv (und nicht privat) geformte Handlungsgestalten sind und der Mechanismus im Kollektiven genau die — üblicherweise für segensreich gehaltene — „gesellschaftliche Debatte“ ist. Mein Thema ist die Verblödung durch Drüberreden.

Gut. Fangen wir mit dem Reden im allgemeinen an. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, die Menschen redeten, um einander von Sachverhalten in Kenntnis zu setzen. Das ist Quatsch. Sprache, sintemal gesprochene, dient nur in seltenen Fällen der Übermittlung von Informationen. Sprache ist das Hauptmittel unserer Sozialisation. Als solches dient sie zuerst – mit Abstand zuerst! – der Selbstversicherung am Andern. Sprache ist Wechselbestätigung im Gegenüber. Jeder Mensch ist gewohnt und darauf angewiesen, sich seine Selbstwahrnehmung dadurch zu beglaubigen, dass er sie verläßlich auch in der Fremdwahrnehmung seiner selbst erzeugen kann. Dieser grundlegende Zweck richtet das eigene, wie auch das fremde Kommunikationsverhalten ab.

Reden ist so in die Welt getreten. Reden, das ist, wohin das Lausen unserer Affenvorfahren sich entwickelt hat. Zu einer Art „Fernstreicheln“ nämlich. Das war der evolutinäre Grund der Sprach-Entstehung. (Von wegen „Im Anfang war das Wort“!) Gruppendasein zu ermöglichen, ohne dass man deswegen immer gleich in die Nahdistanz musste, das war der Vorteil. Ein Laut, ein Ruf, und schon war klar, hey, Du gehörst dazu, Du bist einer von unserem Rudel, Du bist gemocht, und Dein Befinden zählt etwas. „Bleib hier!“ und „Hau ab!“, das waren die beiden Urworte. Mit einem Wort, Sprache ist in der Hauptsache non-verbale Kommunikation mittels Verben.

Das ist auch der Grund, aus dem Menschen gern übers Wetter reden. Das Wetter ist ja eigentlich offensichtlich. Wenn sich zwei im Regen begegnen, sind sie meist ganz gut im Bilde, dass es gerade regnet. Trotzdem wird sich einer nicht enthalten können, sowas wie „So ein Scheissregen!“ zu offenbaren, worauf der Angesprochene etwa „Kann man wohl sagen.“ zu antworten genötigt ist. Es geht nicht um Information, geschweige denn Debatte. Debatte ist fast schon Sprachmißbrauch. Ganze Gesellschaften meiden den Disput. Waren Sie mal in Japan? Wirklich. Man muss, wenn man die Kommunikationsgewohnheiten der Menschen beobachtet, unbedingt zu dem Schluß kommen, das die Fähigkeit der Sprache, dennoch Information zu übermitteln, reiner Zufall ist. Viele würden sagen: Ein glücklicher Zufall. Ich möchte anfügen: Nicht nur.[3]

Denn Sprache, und insonderheit gesprochene, erhält damit die sphinxhafte Doppelnatur, Sozialisationshandlung und Mittel zur Übertragung von Information zu sein[4]. Man weiss eigentlich nie, welches von beiden sie gerade ist. Oder, wenn sie beides zugleich ist, zu welchen Anteilen dies und zu welchen jenes? Selbst wenn man in der Philosophen eigenen Weltfremdheit meint, das Verhältnis von Sozialisationshandlung und Informationsübermittelung sei prinzipiell der Analyse zugänglich, wende ich ein: Wer tut denn sowas? Wer läßt denn, parallel zu seiner Rede immer einen Sprachanalysator im Kopf mitlaufen, der meldet: „Obacht, die Feststellung des Regnens bekundet zu 88% ein Sozialisationsbedürfnis?“ Ich möchte behaupten, daß die Analyse nur in Draufsicht (also einem Beobachter) oder in der Retrospektive zuverlässig möglich ist, nicht aber während einer eine Rede führt.

Sprache also handelt uns durch ihre lebensweltliche Dimension einen erheblichen Kopfsalat ein. Ich sage das nicht, um die Sprache zu denunzieren; sie bleibt, gerade weil sie so schwierig ist, die große Liebe meines Lebens. Es ist wie mit jeder großen Liebe: Nur durch sie kann man klug werden — und nur durch sie verblöden. Damit meine ich nicht, dass Sprache natürlich ein Mittel der Verführung ist. Ja, das ist sie. Es gibt kein besseres. Daneben ist sie auch Mittel der Beschwörung und Bewältigung. Sie hat diese fast magisch anmutende Eingenart, alles Benannte allein durch den Vorgang des Benennens zu einem Objekt zu machen, das der Betrachtung und Manipulation zugänglich wird. Das ist die Grundlage jeder Introspektion und Psychoanalyse. — All das ist richtig. Auch, dass Reden Gewaltausübung sei, läßt sich nicht von der Hand weisen. Nicht allein, weil die Herrschenden den Sprachgebrauch diktierten oder in ihren Begriffen die bestehenden Machtverhältnisse fälschlich als „natürliche Verhältnisse“ aufschienen. Sondern weil sie ganz prinzipiell das Mittel der Wahl ist (sic!), unser Handeln massiv zu beeinflussen. Sprache, als Erziehung, als Aufforderungssatz, und natürlich als Gesetz, vermittelt jene Form der Gewalt, die wir Zivilisation nennen. Und wäre, selbst wenn ihr ein Element der Herrschaftsbefriedung eignete, doch ein unleugbarer Forschritt, verglichen mit der Gewalt durch Zähne, Faust und Schwert. Noch als Monolog übt Rede unleugbar Gewalt, denn sie ist die Hauptwaffe des Selbsthasses — und dann wieder das Hauptinstrument der Selbsttröstung.

Und so weiter. All das kann Sprache infolge ihrer Doppelnatur und soll hier im Einzelnen nicht weiter ausgeführt werden. Es ist nur wichtig für den Fortgang meines Argumentes, die Sprache aus der Nische zu befreien, in welche sie die Ansehung der Meisten (und leider auch der Philosophen) pferchen will; dass nämlich Sprache im Wesentlichen nichts, als ein Symbolsystem zum Übermitteln von Nachrichten sei. Oder in den ungleich schöneren Worten Wilhelm von Humboldts, das „Medium des Denkens und der Weltauffassung schlechthin“. Mag sein, ihre helle Seite ist so; aber ihre andere Seite, die Seite ihrer Herkunft, ihrer Wurzeln als Sozialisationshandlung, die soll man nicht unterschlagen. Nicht aus Defaitismus, sondern aus dem ehrlichen Drange heraus, die Welt, in der wir leben zu begreifen. Zum Beispiel, wie in ihr rassistische Stereotype entstehen. Der Vorgang bliebe ganz unbegriffen, gestünden wir uns diese Seite des Miteinanderredens nicht ein.

Sehen wir den endlich genauer an, den Mechanismus, wie in der kollektiven Handlung des Drüberredens rassistische Stereotype verfertigt werden. Seine Funktionsweise liegt darin, dass ein Begriff, anstatt zum Symbol des mit ihm Bezeichneten, zum Symbol der mit ihm verknüpften Sozialisationshandlung wird.

Dieser Mechanismus erhellt unmittelbar aus dem oben gesagten. Üblicherweise meint man von Begriffen, dass sie irgendeine Art von Gegenständen bezeichnen. Sie hätten, meint der Philosoph, eine Extension und eine Intension; Extension sei, was an Gegenständen unter einen Begriff fiele und Intension, wodurch diese Gegenstände von allen anderen sich unterschieden. Und das sei im Wesentlichen und von einigen philosophischen Spitzfindigkeiten abgesehen, was einen Begriff ausmache, Symbol, bzw. Name für Extension und Intension zu sein. In der Tat ist das häufig und gerade bei Begriffen, mit denen Philosophen sich beschäftigen, der Fall. Aber daneben haben Begriffe eben die Funktion, Teil einer Sozialisationshandlung zu sein. Linke beispielsweise können leicht zueinander finden, indem sie „Kapitalist“ oder „Ausbeutung“ sagen. Neben der — von mir gar nicht bestrittenen — epistemologischen Dimension dieser Begriffe, dienen sie immer auch als Schibboleth linker Köpfe; sind sie gleichzeitig Symbol der Sozialisationshandlung des Einander-zu-Erkennen-gebens.

Und gerade so, nur eben eine intellektuelle Ebene drunter, bildet sich das völkische Stereotyp. „Jude“, beispielsweise, das Wort erfuhr im Drüberreden seinen Bedeutungswandel. Extensional wäre der „Jude“ der Sammelbegriff für alle Juden, die ich kennte und konkret benennen könnte. Er vereinheitlich in dieser Form die mannigfache Bedeutung und Wahrnehmung des Einzelnen gerade nicht. Auch intensional ist das Wort „Jude“ zunächst noch kein Stereotyp. Vielmehr würde es die unterschiedlichen Zuschreibungen bezeichnen, anhand derer unterschiedliche Menschen einen Juden von einem Nicht-Juden unterscheiden würden. (Natürlich ist die Merkmals-Zuschreibung bereits ein Einfallstor für Stereotypen, aber das wäre kein Mechanismus ihres Zustandekommens, sondern nur Ausdruck ihres Bestehens.) Der Mechanismus liegt tatsächlich darin, dass das Wort „Jude“ — trotz Extension und Intension! — in einem ganz anderen, nämlich lebensweltlichen Zusammenhang Verwendung findet; als Sozialisationshandlung. Für den Lohn des Dazugehörens machen Menschen sich gern dümmer, als sie sind. Das Wort „Jude“ (Türke, Neger etc.) steht im Dialog für die Anbiederung, vom selben Rudel (Stamm, Volk) zu sein. Es hat sich, in einem Prozess, den wir noch genauer untersuchen werden, ganz in das alte „Bleib hier!“ und „Hau ab!“ unserer Affenvorfahren verwandelt.

Bereits an dieser Stelle werden einige recht befriedigende Vorteile dieser Theorie vor Theorien von vereinheitlicht fehlgeleiteten Wahrnehmungen erkennbar. Erstens werden die Stereotype kollektiv angefertigt, anstatt privat. Dadurch wird Vereinheitlichung überhaupt erst möglich und verständlich. Zweitens ist das meiste auf den Affekt des Dazugehören-Wollens abgewälzt (i.e. ein In-Group / Out-Group-Phänomen[5]). Das mag, wie alle monokausalen Zusammenhänge, kritikwürdig sein. Dennoch ist es eine gewaltige Verbesserung gegenüber Theorien, welche die einheitliche Wahrnehmungs-Pathologisierung einer Gesellschaft behaupten. Denn zunächst sind auch diese Theorien monokausal. Aber darüber hinaus behaupten sie psychopathologische Mechanismen, die sich nicht nur ganz prinzipiell der empirischen Überprüfbarkeit entziehen, sondern ihrerseits die Frage ihres einheitlichen Zustandekommens im Raum stehen lassen. Drittens schliesslich ist der vorgeschlagene Mechanismus der Verblödung durch Drüberreden offen für die empirische Überprüfung. Man kann nämlich in der Tat, weil die hier gemeinte Rede im Gegensatz zur privaten Wahrnehmungsstörung öffentlich und unverstellt ist, im Nachhinein analysieren, wie die Begriffe „Jude“, „Neger“ etc. verwendet wurden; ob als Informations-Träger — oder als Sozialisationshandlung.

Teil3 : Handeln vs Wahrnehmen

Der Hauptvorteil meiner Hypothese aber, wähne ich, ist, dass sie die Verfertigung von Stereotypen in die Sphäre des Handelns, anstatt des Wahrnehmens bzw. des gestörten Verstandes legt. Nicht, weil damit ich als braver Marxist gelten darf, der stets das Sein vor das Bewußtsein setzt; derlei Formeln können ja im Ernst das Selbstdenken und Mechanismusfinden nicht ersetzen. Nein, die Vorteile sind ganz handgreiflich: Erstens scheint mir mehr als augenfällig, dass Rassismus eher ein Handlungsproblem, denn ein Erkenntnisproblem ist. Wie etwa beim Mobbing fast jeder Mobber der Einsicht zugänglich wäre, dass der oder die Gemobbte es „eigentlich“ nicht verdient hat, gemobbt zu werden, so dünkt mich auch der Rassist zu diesem „eigentlich“ stets in der Lage. (Von ganz pathologischen Zuständen dürfen wir absehen, weil uns das Herausbilden des Stereotyps beschäftigt, und nicht seine späteren, manifesten Stadien.)

Es spielt sich nur eben auch das Mobbing hauptsächlich im Handeln ab. Und das ist schon der zweite Vorteil: Wenn Rassismus im Wesentlichen als Handlungsgestalt verstanden wird, lässt sich auch die Seltsamkeit verstehen, wie angehende Rassisten sozusagen wider besseres Wissen handeln können. Kein Rassist ringt sich zu seinem Rassismus durch oder macht sich Selbstvorwürfe während er seine Erfahrungen vereinfältigt. Sonst müsste man womöglich das Problem des Rassismus als eine Form von Willensschwäche (Akrasia) auffassen und das ist ja ganz offensichtlicher Blödsinn. Der Rassist bemerkt den Widerspruch zwischen Einfalt des Stereotyps und Vielfalt der Erfahrung in der Regel gar nicht. Dieses Problem löst der Wahrnehmungs-Theoretiker, indem er das psychopathologische Geschehen ins Unbewusste legt.

Ich löse es, indem ich das Bilden von Stereotypen als soziale anstatt epistemische Handlung klassifiziere. Rassisimus kann, als Handlung nämlich verstanden, durchaus eine Selbstständigkeit erlangen, bzw. zu einer Gewohnheit, einem Automatismus werden, der keiner unmittelbaren rationalen Kontrolle unterliegt. Rassismus ist also weniger Verstandesblödheit, als Handlungsblödheit. Das löst unser eingängliches Paradoxon, wie selbst kluge und denkfeste Menschen rassistischen Stereotypen erliegen können.[6] Forciert gesagt, deute ich das Verfertigen rassistischer Stereotype als Gemeinschaftsritus; als eine verkürzte Liturgie des Miteinander. Von Riten weiss man längst, dass sie vollkommen sinnfrei sein dürfen; als Sozialisationshandlungen hingegen kommt ihnen eine Bedeutung zu, die sich nur schwerlich überschätzen lässt.

Überhaupt Mobbing. Rassismus hat meines Erachtens sehr viel mehr mit Mobbing zu tun, als mit Wahrnehmungs- oder Erkenntnisstörungen. Mobbing (bzw. „Bullying“) — das Phänomen deutet in die richtige Richtung. Es will mir nicht ganz abwegig vorkommen, Rassismus als eine Art „Fernmobbing“ zu verstehen. Erinnern Sie sich an die Idee des „Fernstreichelns“, als welches Sprache in die Welt getreten sei? Wer entschlüge sich des naheliegenden Gedankens, Rassismus sei ganz die selbe Sache, nur mit umgekehrtem Vorzeichen?

Gut, Sie müssen mir nicht glauben. Aber Sie könnten mir vielleicht dennoch die Liebe tun und nur für den Moment die Annahme mitmachen, dass dem Zustandekommen von Mobbing und dem Verfertigen rassisitischer Stereotype ähnliche Mechanismen zugrunde lägen. Was nämlich folgte daraus, dass wir bekannte Mobbing-Mechanismen auf die Herausbildung rassistischer Sterotype übertrügen? Nun zum Beispiel würde die landläufige Meinung fragwürdig, dernach Mobber in der Regel einen Minderwertigkeitskomplex (oder ein ähnliches Gefühl des zu-kurz-gekommen-seins) kompensierten, indem sie diesen Inferioritäts-Glauben auf das Mobbing-Opfer projizierten. So einleuchtend der Gedanke dem Alltagspsychologen scheint — und so sehr er scheinbar durch Einzelfälle bestätigt wird — in der Regel, sagt die empirische Mobbing-Forschung, ist gerade das Gegenteil richtig! Bei Mobbing-Tätern handelt es sich oft um Leute mit überdurchschnittlichem Selbstbewusstsein und unterentwickeltem Feinsinn, bzw. Problembewusstsein. Sie haben kein Problem und deshalb sind sie eins.[7]

Ich meine, allein diese kleine Fehlleistung der Alltagspsychologie sollte zur Vorsicht gemahnen. Allzu leicht verzichtet der Rassisten-Psycholog auf empirische Sorgfalt und Belege, sobald ihm etwas plausibel vorkommt. Er erfindet Gründe. Im Eifer seines Zurechtreimens vergisst er, das „Wie“ und das „Warum“ des Herausbildens rassistischer Stereotype als durchaus getrennte Fragestellungen auseinander zu halten. Sicher, eines hat mit dem anderen zu tun. Aber man ist immer sehr geschwind mit dem Unterstellen von Motiven (i.e. damit, die „Warum“-Frage zu beantworten).

Dieser Teil unseres Denkens, der einer Handlung stets eine Absicht unterschiebt, ist unheimlich rasch und imaginationsmächtig. Ich möchte Sie, geschätzter Leser, wirklich davor warnen! Sie wissen in der Regel fast gar nichts über den Rassisten. Die Gefahr ist groß, dass Sie die wenigen Versatzstücke, die Sie zu kennen glauben, zu einem falschen Ganzen zusammen setzen. Die Alltagspsychologie — so wichtig und nützlich sie vielfach auch sein mag und so berechtigt ihr Lob immer wieder gesungen wird — hier kommt sie an ihre Grenzen. Hier muss der sorgfältige Denker der Empirie den Vorzug geben, will er nicht in Verdacht geraten, selbst nur ein Stereotyp des Rassisten verfertigen. Es ist unter anderem dieser Grund, der mich eher die Frage nach dem „Wie“ verfolgen lässt. Von der Frage nach den Mechanismen des Zustandekommens rassistischer Stereotype nämlich darf man hoffen, dass sie mit etwas Empirie und Interpretationskunst beantwortbar sei. Die „Warum“-Frage hingegen, der Unzugänglichkeit ihres Gegenstandes wegen, wird in näherer Zukunft recht sicher keine definitive Antwort erfahren.[8]

Der Aufsatz, indem er das Stereotypverfertigen und -verbreiten als kollektive Handlungsfigur gegen die Aufassung einer privaten Wahrnehmungsfigur setzt, macht scheinbar Gebrauch von dem Gegensatzpaar Handeln vs. Denken. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Ich werde versuchen, die Aufeinanderbezogenheit dieser beiden Sphären darzustellen, indem ich einen Mechanismus des Hin & Her zwischen beiden skizziere. Keinesfalls setze ich die Sphäre des Handelns gegen die Sphäre des Denkens oder die des Fühlens. Natürlich ist ein Stereotyp auch eine Wahrnehmungsfigur. Es als Handlungsmuster zu begreifen soll nicht als Vorschlag missverstanden werden, diese durch jenes zu ersetzen. Der Vorschlag ist vielmehr der eines veränderten Gesichtspunktes, unter dem die Sache fasslicher wird. Fasslicher in dem Sinn, dass er Möglichkeiten der Intervention zeigt. Fasslicher auch in dem Sinne, dass er der empirischen Überprüfung zugänglicher wird.

Teil4 : Kleine Systematik der Hämophektiken des Stereotypverfertigens.

„Hämophektik“, das Wort steht in keinem Duden und befindet sich dennoch im Gebrauch; das Wort gibt es eigentlich nur halb.[9] Wer „Hämophektik“ sagt, meint sowas wie „Mechanismus“ und bekennt im selben Atemzug, keine Ahnung davon zu haben, wie dieser Mechanismus im Einzelnen funktioniert. „Hämophektik“, das kann ein kompliziertes Uhrwerk sein, das undurchsichtige Gekröse eines seltsamen Tieres — oder eben ein sozialer Mechanismus. Es soll, will ich sagen, andeuten, dass ich im Folgenden gezwungen bin, im rein Spekulativen zu verbleiben. Nun wir aber einmal haben, dass die Hämophektiken des Stereotypverfertigens in den sprachlichen Sozialisationshandlungen zu suchen sind, will ich mir wenigstens ein paar Andeutungen gestatten, wie ich sie mir im Einzelnen denke.

Natürlich lag der Verdacht von Anfang an nahe, dass im Reden die besagten Hämophektiken sich abspielen, denn Reden ist nunmal das technische Mittel der Gleichförmigmachung. Selbst, wenn wir die Eigenschaft der Rede, Sozialisationshandlung zu sein, einmal für den Moment ignorierten. Gleichförmig machen ist die unvermeidliche Kehrseite jedweden Unterscheidungsvermögens. Schon indem einem Kleinkind die Wörter beigebracht werden, mit denen es seine Umwelt so bezeichnet, dass es sich uns verständlich machen kann, ist ein Mechanismus des wechselseitigen Kompatibelmachens am Werk. Unterschiede der Auffassung werden nivelliert, das Label– oder Token-hafte der Sprache zunächst überbetont. Wenn ich die Nuancen eines Begriffs heraus arbeiten will; wenn mir daran gelegen ist, zu verdeutlichen was irgendein Begriff für mich bedeutet, dann muss ich ein erklecklich Maß Verdeutlichungsarbeit und Hermeneutik aufwenden. Dies Lebendigmachen eines Begriffs über seine technische Funktion hinaus ist die typische Arbeit der Dichter und Philosophen. Daß es Aufwand erfordert, die Vielfalt eines Begriffes zurück zu erobern, soll hier nur als Hinweis auf die Eigenart der Sprache verstanden werden, vom Wahrgenommenen das meiste „abzurasieren“, das nicht der schnellen Verständigung und dem Erreichen unmittelbarer Zwecke dient. Die selbe Art, Sprache zunächst wie ein Label auf die mannigfaltigen Erscheinungen und Bedeutungen der Wirklichkeit zu pappen, findet man in der Kindserziehung, in der Schule, beim Erlernen von Fremd- und Fachsprachen usw. Erst später, nach Aneigung einer Vokabel und Abgleich mit den eigenen Erfahrungen, ist man in der Lage, ihre Bedeutungsmitte zu überschreiten, Feinheiten zu erfassen und auszudrücken.

Das aber, meine ich, ist nur eine stereotyp-begünstigende Randerscheinung der Sprache. Die eigentlichen Hämophektiken der Stereotypverfertigung, und darauf läuft dieser Aufsatz hinaus, wähne ich bei der sprachlichen Konstruktion sozialer Gebilde am Werk. Kommen wir zu deren Funktionsweise in typischen und atypischen In-Gruppen.

Typische In-Group. Konstruktion von Stereotypen. Stammtisch, Kaffeekränzchen, Partei.

Stammtisch, Kaffeekränzchen, Kegelclub — die typische In-Group zeichnet sich dadurch aus, dass man ihr freiwillig angehört. Sie entbehrt einer äusseren Sozialisationsklammer ebenso, wie eines inneren Sozialisations-Bindemittels. Wo keine andere sozialisierende Kraft die Gruppenmitglieder zueinander presst, da nimmt die Wichtigkeit klassischer Sozialisationshandlungen überproportional zu. Äusserer Druck, das könnte die Familie sein, aber auch die Kollegen und der Chef, oder eine Freundschaft, mit anderen Worten, Leute, mit denen man irgendwie klarkommen muss und denen man so einfach nicht entkommt. Die typische In-Group hat das nicht. Jede Zusammenkunft muss einen großen Teil ihrer Zeit auf das Bekräftigen des Zusammengehörens verwenden. Der Stammtisch wird zum Stammeltisch aus eben diesem Grund. Die schiere Menge der Sozialisationshandlungen nötigt zur Verblödung.

Dies ist der eigentliche Boden, auf dem Stereotype wachsen. Sobald, sagen wir, einer eine Episode vorträgt, in der von schlechten Erfahrungen mit „Kanaken“ die Rede geht, macht sich der Sozialisationsdruck beispielsweise dadurch bemerkbar, dass man im eigenen (vermutlich durchaus differierenden) Erfahrungsschatz selektiv nach Stories sucht, die das Berichtete bestätigen können. Die gibt man dann zum Besten. Sehr viel seltener wird man eine konträre Erfahrung dagegen setzen. Selbst aber, wenn man es tut, d.h. selbst wenn in der In-Group Erfahrung gegen Erfahrung gestellt wird, entsteht eine Dynamik der Verblödung, deren wesentlicher Mechanismus darin liegt, dass an dieser Stelle ein Entscheidungsproblem markiert wird, obwohl gar keines vorliegt. Beide Erfahrungen könnten widerspruchslos nebeneinander bestehen. Vor dem Sozialisationsdruck der In-Group aber wird eine Wahrheits- und Bekenntnisfrage daraus. Darüber will ich detaillierter im Kapitel über „Debatte und Streit“ handeln.

Natürlich machen ein paar Kanaken-verunglimpfende Geschichten noch kein Stereotyp. Der Punkt hier ist der starke Sozialisations-Kontext, in dem solche Geschichten erzählt werden. So kann das Halten gegen (in der Regel nicht anwesende) Fremdgruppen mit dem Halten zueinander gleichbedeutend werden. Die radikale Vereinfachung und Vereinheitlichung der Fremdgruppe ist einerseits eine Folge des Konsensmachens und andererseits eine Konsequenz der Abwertungsabsicht. Beide Zwecke würden von Vielfalt und Detailreichtum behindert. Je zentraler die Abwertung einer Fremdgruppe für Zusammenhalt und Selbstverständnis der In-Group wird, desto simpler und schablonenhafter muss das prototypische Mitglied der Fremdgruppe werden.

Die Stereotypisierung einer Fremdgruppe kann noch erheblich beschleunigt und radikalisiert werden, wenn die Fremdgruppe als Bedrohung der In-Group wahrgenommen wird. Dann nämlich wird aus der eigentlich fehlenden äusseren Klammer der In-Group eine reale. Das ist die tiefere Sehnsucht der In-Group, ein soziales Bindemittel zu finden, das nicht auf Beschwörungen und Beteuerungen sich gründet, sondern wirklich, real und verlässlich ist. Jeder Ritus möchte ja eine Wunschrealität zu erzeugen. Oft genug wird er deswegen als selbsterfüllede Prophezeiung konstruiert. In all diesem Fall wird ein Feind konstruiert, der dadurch, dass man ihn anfeindet, in der Regel tatsächlich zum Feind und in der Folge zu einer Bedrohung wird. An dem Punkt ist das Werk des Stereotypverfertigens in der Regel getan. Es kann nun in unselig selbstbestätigender Weise fortwirken.

Ich möchte davor warnen, diesen „spontanen“ Mechanismus der Stereotypenverfertigung mit den gezielten Mechanismen der Propaganda bzw. der „Bewußtseinsindustrie“ zu verwechseln. Sowohl für die Verantwortungsfähigkeit des Menschen, als auch für ein mechanistisches Verständnis der Stereotypverfertigung, ist ungemein wichtig, dass die Schuld für das Bilden von Stereotypen nicht einfach an eine äussere Macht deligiert wird. Gewiss, der Mechanismus des äusseren Feindes ist bekanntermassen vielfach in der Geschichte indienst genommen und mit Bedacht beschworen worden. Im 20. Jahrhundert natürlich klassischerweise in der Fabel vom Weltjudentum, aber auch im 21. in der Fabel vom todessüchtigen Islamisten, der die zivilisierte Welt mit Terror überzöge. Gleiches wird prototypisch in George Orwells „1984“ behandelt; einmal in Gestalt der „Bruderschaft“ Emmanuel Goldsteins und zum anderen in den ewigen Kriegen „Ozeaniens“ mit den anderen beiden Weltmächten („Eurasien“ und „Ostasien“). — Natürlich wäre töricht, die Wirksamkeit dieser Mechanismen in Abrede zu stellen. Es ist nur eben so, dass sie überhaupt nur wirksam werden können, weil es einen „natürlichen“ In-Group-Mechanismus gibt, der durch solche Techniken getriggert wird.

Kurz noch zu einer anderen typischen In-Group, der politischen Partei. Parteien sind deshalb typische In-Gruppen, weil der Beitritt zu ihnen genauso freiwillig ist, wie das Hinsetzen an einen Stammtisch. Allerdings haben wir hier, anders als bei Stammtischen, Kegel-, und Fußballvereinen, Kaffeekränzchen und so weiter, ein Henne-Ei-Problem. Denn die Partei ist in der Regel ausgesprochen bekenntnisfreudig inbetreff ihrer Auffassung anderer Gruppen. Ihnen tritt bei, wer einen Gutteil dieser Auffassungen bereits zu teilen meint. Was aber war zuerst da, die politische Auffassung des Einzelnen oder das Parteiprogramm? Ist die Partei nur Heimstatt bereits existierender Stereotypen oder ist sie ihr Anfertigungsort? — Am Ende überlasse ich die Antwort auf diese Frage gern dem Leser. Ich will hier nicht über die Soziologie von Parteien handeln. Ich möchte sie nur als eine ganz spezielle Hämophektik des Stereotypverfertigens anführen.

Atypische In-Group. Verbreitung von Stereotypen. Freunde, Kollegen, Familie.

Die atypische, im Gegensatz zur typischen In-Group verfügt über zusätzliche Mechanismen der Sozialisation. Sie ist nicht in dem Maße auf Sozialisationshandlungen angewiesen, wie jene. Auf Mitglieder atypischer In-Gruppen findet man sich üblicherweise verpflichtet; man muss sich irgendwie mit ihnen vertragen. Kollegen auf der Arbeit zum Beispiel, oder Klassenkameraden; Familie und fernere Verwandtschaft und auch Freunde, an die man sich durch langjähriges Füreinanderdasein im Mindesten emotional bindet. Gruppen, die nicht notwendig großer Sozialisierungshandlungen bedürfen, um fortzubestehen.

Solche Gruppen taugen besonders für das Weitergeben und weniger für das Anfertigen von Stereotypen. Es fällt ja, wie gesagt, der hauptsächliche Grund des Anfertigens fort; die zusätzlichen Sozialisationsmechanismen der atypischen In-Group entbinden von der Notwendigkeit, ein Schibboleth des Dazugehörens zu erschaffen. Gleichzeitig können Stereotype, so sie einmal erworben und in den Schatz persönlicher Riten eingefügt sind, zur Überzeugung sich wandeln. Wie das Tischgebet oder das Grußsprechen integriert sich das Formelhafte in die Lebens- und Wertewelt des Handelnden. Er ergänzt seine Handlungen, selbst die verworrenen und automatischen, im Nachhinein um eine Bedeutung. Es liegt daran, dass wir gewohnt sind (wie schon oben bei der Warnung vor Alltagspsychologie angedeutet), Handlungen Motive zu unterstellen. Wo das Motiv fehlt oder nicht sofort erraten werden kann, erfindet unser Hirn eines.

Ich möchte nicht in die Philosophie des Handelns eintauchen. Mir geht es nur darum, dass Riten, selbst wo sie so rudimentär sind, wie die Einwort-Liturgie eines Stereotyps, perfekte Vehikel der Weitergabe sind. Gerade dann. Das Vaterunser erlernt man nicht so leicht, wie das Wort „Neger“ oder „Jude“ mit verachtendem Beiklang. Die Weitergabe in Familien und Freundeskreisen wird dann noch durch wechselseitiges Wohlwollen befördert. Es öffnet die Kommunikationskanäle, das heisst, es mindert die Achtsamkeit und den Willen zur kritischen Prüfung. Der kritische Geist hinwieder ist nichts anderes als die Prüfung durch den Verstand. Die Sphäre des Handelns und Wohlfühlens, soll das heissen, wird ohne Willen zur kritischen Prüfung weniger häufig verlassen. Gute Voraussetzungen für die Verbreitung von Stereotypen. Gerade natürlich bei Kindern, die ihren kritischen Geist erst noch entwickeln müssen. Natürlich kann ein Kind, sobald es beim Erwachsenwerden die Kraft seines kritischen Denkens entdeckt, selbiges in einer ersten Reaktion des Erwachens gegen das bislang Erlernte richten. Ob aus derlei Pubertrotz allerdings eine verlässliche Haltung sich erwächst, steht dahin. Oft genug endet es ja in einer Art Negativ-Abformung der selben Engstirnigkeit.

Schule.

Schulen sind, neben der Familie, die wichtigsten Lehrstätten von Werten — und Unwerten. Lehren ist Weitergabe; Schulen sind atypische In-Gruppen. Erlernt wird natürlich, was der Lehrer verlautbart; erlernt wird aber auch, was die Klassenkameraden meinen und erlernt wird das Sozialisationsverhalten des gesamten Kollektivs, Lehrer und Schüler inbegriffen.

Nun halte ich Schule für eines der schwierigsten Themen überhaupt. Ich muss eingestehen, keine klare Meinung dazu und kein widerspruchsfreies Verständnis davon zu haben, welchen Formen des Unterrichts, welchen Arten der Leistungsbewertung, welcher Vielfalt der Bildungsangebote den Vorzug geben. Im Grunde steht hier Recht auf Bildung oder Unbildung gegen Pflicht zur Bildung oder Insubordination; Möglichkeiten gegen Notwendigkeiten der Persönlichkeitsentfaltung; kurz, das Grundproblem aller Freiheit.

— Soll man Vielfalt verschiedener Lernsysteme zulassen? Ich tendiere zu: Ja. Es gibt unterschiedliche Kinder in unterschiedlichen Lebens- und Auffassungs-Stadien.

— Soll man die Lernleistung mit Noten bewerten? Ich tendiere zu: Ja, aber. Bildet eine skalare Grösse die Leistungsfähigkeit eines Menschen nicht allzu ungenügend ab?

— Soll man eine Mannigfaltigkeit der Lehrinhalte zulassen? Ich tendiere zu: Jein. Einerseits soll jeder seine Stärken stärken, das heisst, nach seinen Interessen lernen dürfen. Aber. Nichts ist hinderlicher und birgt mehr Konfliktpotential als die Nichtherstellung eines Bildungskanons, auf den die gesamte Gesellschaft zugreifen kann.

— Soll schliesslich überhaupt eine Schulpflicht existieren? Nichteinmal in dieser Frage bin ich entschieden. Es soll ein allgemeines Recht auf Schule geben und an eine Pflicht zur Bildung gekoppelt sein. Aber ist Bildung immer gleich Schule? Ich halte dafür, allen gleichen Zugang zu allen Bildungsangeboten zu gewähren. Am Ende der Schulzeit müssen vereinheitlichte Aufnahme-Prüfungen für den gewählten Fortgang des Bildungswegs stehen… Aber ob das funktioniert?

Das Thema ist schwierig. Aber abgesehen davon, dass ich mich nicht in der Lage sehe, die meisten dieser Fragen zufriedenstellend zu beantworten, ist hier glücklicherweise nicht der Platz zu ihrer Erörterung. Ich erwähne sie nur, weil Schulen in einer Betrachtung über das Verfertigen und Weitergeben von Stereotypen vorkommen müssen. Sie sind ein wichtiger Ort, wenn nicht der wichtigste, an dem die Weiterverbreitung von Stereotypen erfolgt oder vorbereitet wird. Sie sind auch ein wichtiger Ort, an dem dies verhindert werden könnte.

Niemand wird bestreiten, dass Schulen die Hauptplätze sind, an denen nationale und völkische Mythen verbreitet werden. Nicht von Ohngefähr fällt die Einführung der Schupflicht in die Aufkommenszeit kapitalistischer Produktionsweisen und Etablierungszeit der modernen (verfassungsbasierten) Nationalstaaten. Die Schule ist für den Staat, was die Kirche für die, nunja, Kirche; nämlich der zentrale Platz, an dem die herrschenden Werte weitergereicht und immer neu beschworen werden. Natürlich geht das Vermitteln auf vielen Ebenen vonstatten. Mag die frohe bürgerliche Botschaft auch „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ heissen, so lehrt die Konkurrenz zwischen den Schülern; die Angst, keinen der begehrten Jobs zu ergattern; die soziale Ungleichheit zwischen Schülern und zwischen Schulen, und was dergleichen an Lebensstoff vorgeführt und also vermittelt wird — so lehren die bestehenden Verhältnisse die Schüler das Ihrige. Auch an das Thema Mobbing will ich noch einmal erinnern. Hier wird, insbesondere durch gute, aufmerksame Lehrer, das Rüstzeug vermittelt, Mobbing zu erkennen und dagegen vorzugehen; oder, wo dies verabsäumt wird, der Terror, den es verbreitet, tief in die Verhaltens- und Sozialisationsgewohnhieten der Schüler eingegraben und in der Gesellschaft perpetuiert.

Im Resultat dieser Umstände werden Schüler entweder wohlempfänglich oder wohlimmunisiert gegen rassistische Stereotype. Es wäre ungerecht und falsch, den Schulen die gesamte Pflicht zur Immunisierung aufzuerlegen. Aber da man den Familien die Gesinnung und das Niveau nicht vorschreiben kann; Lehrpläne und Sozialverhältnisse an Schulen aber wohl, bleibt viel von dieser Pflicht an den Schulen hängen. Mehr vielleicht, als sie zu leisten in der Lage sind.

Debatte, Streit (Hysterisierung, Polarisation, Entscheidungszwang)

Okay. Hier kommt das coolste Kapitel. Zumindest das, von dem ich mir während der Konzeption den größten Schreibgenuss versprochen habe. Weil es ein, wie ich meine, doch recht verblüffendes Phänomen zuerst benennt und dann erklärt. Anhebt also das Kapitel über das Schicksal von Stereotypen, wo sie Gegenstand einer Debatte sind. Mit Debatte meine ich die Auseinandersetzung zwischen jenen, die ein Stereotyp rechtfertigen und jenen, die es entlarven wollen. Den Streit zwischen Einfalt und Vielfalt also, wenn man will. Anhebt das Kapitel, wie das scheinbar einzige Mittel der Stereotyp-Überwindung: Aufklärung nämlich, ehrliches Auseinandersetzen, beherztes sich-entgegen-stellen, gute Argumente geben — wie dieses Mittel komplett in sein Gegenteil umschlagen kann. Anhebt das Kapitel über das massive Aneinanderverblöden in der offen geführten, demokratischen Debatte.

Ich habe den Verdacht schon lange gehegt. Im Grunde seit ich Debatten über die die Politik Israels führte und mich dabei regelmässig mit antisemitischen (oder philosemitischen) Stereotypen konfrontiert sah. Also ungefähr seit den frühen 1990ern. Aber erst in den 2015 geführten und in diesem Jahr sich fortsetzenden (und von völkischen Argumenten triefenden) Debatten über die Schulden Griechenlands und über die Aufnahme von Flüchtlingen aus Kriegs- und Krisengebieten, hat sich mein Verdacht zur Gewissheit erhärtet. Anstatt auf irgendeine Form der Verständigung und Moderation hinauszulaufen, befestigen sich Stereotype in der Debatte über sie selbst. Schlimmer noch. Stereotype brechen erst durch sie aus, wie ein Herpesvirus wenn das immunsystem schwächelt. Vorher mögen sie virulent gewesen sein und untergründig verbreitet. Aber erst in der „gesamtgesellschaftliche Debatte“ explodiert das rassistische Gerücht. Da kommt es zu letzer Reife. Erst durch den Versuch, ihm Einhalt zu gebieten, erblüht es zu seiner ganzen Scheußlichkeit.

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde den Befund erstaunlich. In der Regel erwartet man im Ergebnis einer Auseinadersetzung so Resultate wie Moderation der Gegensätze, Kompromisse, aufkeimendes Verständnis für die Position des Andern und so weiter. Zumindest wird die offene Auseinandersetzung als bestes Mittel zum Erreichen solcher Zwecke gepriesen. Es stimmt nicht. Es kann zum Gegenteil sich auswirken. Here’s why.

Offene vs geschlossene Debatten

Zunächst einmal findet natürlich keine offene Debatte statt. Die Unterscheidung offen vs. geschlossen ist fast jedem geläufig: Offen sind jene Debatten, die ehrlich auf Erkenntnisgewinn abzielen, bzw. auf Versöhnung oder darauf, einen beidseitig akzeptablen Kompromiss auszuhandeln. Im Mittelpunkt offener Debatten steht der umstrittene Gegenstand. Geschlossen hingegen sind Debatten dort, wo sie auf Selbstbefestigung oder -bestätigung abzielen, auf Niederwerfung oder Vernichtung eines Gegners, kurz, wo die Debatte etwas anderes will, als den umstrittenen Gegenstand zu klären. Man sieht, die Bestimmungen „offen“ und „geschlossen“ beziehen sich vor allem auf die Frage, ob die Debatte die Meinungen der Debattanden über den strittigen Gegenstand verändern kann (oder nicht).

Die Parallele zur eingangs skizzierten epistemischen vs. sozialisations-Dimension von Sprache liegt auf der Hand. Es ist klar, dass Rechtfertiger und Entlarver rassistischer Stereotype auf zwei ganz unterschiedlichen Ebenen handeln: Der Gegner des Stereotyps redet auf epistemischer Ebene und appeliert an den Verstand des Gegenübers; der Befürworter des Stereotyps jedoch vollzieht mit seiner Rechtfertigung eine Sozialisationshandlung. Er versichert sich seiner sozialen Zugehörigkeit. Eine offene Debatte kann in dieser Konstellation nicht gelingen. Sie wäre nur im Fall sie von beiden Debattanden gesucht wird möglich. Hier aber will der Rassisten-Gegner die offene Debatte erzwingen und ist doppelt erzürnt, wenn sie ihm vom Rassisten, der auf Geschlossenheit beharrt, verweigert wird.

Zum Teil ist es deshalb, dass sich die Parteien in einer solchen Debatte gegenseitig als dumm empfinden. Einesteils aus Frust über die nicht gelingen wollende Debatte. Aber es kommt natürlich auch hinzu, dass es in der Sache keinen wechselseitigen Erkenntnisgewinn geben kann. Sie hängt ja, was den epistemischen Gehalt der widerstreitenden Positionen betrifft, unfassbar schief. An der Position des Rassisten ist kein epistemischer Gewinn zu machen. Bestätigung, er würde trotzdem zu seiner In-Group gehören, will er von seinem Widersacher am allerwenigsten; das heisst, er will sie schon, aber in Form von Feindschaft. Nicht in Form von Bestätigung. Nur auf dieser Ebene ist Gewinn für ihn möglich. Andersherum kann der Gegner eines rassistischen Vorurteils in der Regel nichts vom Rassisten lernen, das ihn klüger machte. Er kann sich bestenfalls sein intellektuelles Niveau bewahren — oder eben unversehens verblöden. Aufstieg ist in dieser Debatte nicht möglich.

Jetzt habe ich Sie ein bisschen an der Nase herumgeführt. Natürlich kann der Rassistengegner in der Debatte lernen. Es ist sogar an der Regel; dieser Aufsatz demonstriert es ja durch sich selbst. Er ist meine Weise, der statthabenden Pein, die ja auch ein Schauspiel intellektueller Verelendung ist, zu begegnen. Daraus verallgemeinere ich, dass etwas Unerwartetes mit dem Niveau in der Debatte geschieht. Während nämlich die Argumente zumindest eines Teils der Stereotyp-Gegner immer ausgefeilter und differenzierter werden — gerade auch in dem redlichen Streben, des Rassisten Psyche und Beweggrund nachzuvollziehen — wird dieser zusehends simpler in der Argumentation, bis er am Ende in rein aggressive Drohgebärden regressiert. Weiteres Debattieren oder sich-verständlich-machen wird in dieser Phase der Eskalation als unnötig abgetan; vielmehr sei die Zeit des Handelns angebrochen (und damit meint der Rassist in der Regel, den Gegner — sowohl den in der Debatte, als auch die rassistisch inkriminierte Gruppe — zu vernichten). Das Niveau, mit anderen Worten, spaltet sich durch die Debatte auf; der Rassistengegner sublimiert sich zum Philosophen, während der Rassist vollends vertiert.

Möglicherweise übertreibe ich. Ein bisschen. Oft genug vertiert auch der Rassistengegner; und manchmal begibt sich ein Rassist auch in die luftigen Höhen rassistischer Philosophie. Aber das Wesentliche stimmt; dass nämlich der Streit um rassistische Stereotypen keine offene Debatte ist und auch keine sein kann. Das sollte so hingehen. Aber es erklärt nicht, wieso sich das rassistische Stereotyp in solchen Debatten plötzlich explosionsartig verbreitet. Freundeskreise fliegen auseinander, durch Familien gehen Risse, Kündigungen werden ausgesprochen, juristische Schritte werden geprüft, landauf und -ab wird gebrüllt, fliegen Widerworte, Steine und Fäuste, rasen Herzen, Polizei- und Krankenwagen; kurz, der Zank um das rassistische Stereotyp kann binnen weniger Wochen ein ganzes Land hysterisieren. Diese Rasanz der Ausbreitung wird durch die Unmöglichkeit einer offenen Debatte nicht erklärt. Sie erläutert uns nur Ergebnislosigkeit und Härte der Debatte, nicht aber, wieso sie binnen kürzester Frist fast die gesamte Bevölkerung in sich einstrudelt.

Der Kontagiösität solcher Debatten liegt denn auch ein anderer Mechanismus zugrunde, als die Unmöglichkeit der Debatten-Ebenen, einander in produktiver Weise zu treffen. Dieser Ausbreitungs-Mechanimus liegt darin, dass geschlossene Debatten — gerade, wenn sie in Wirklichkeit Sozialisationshandlungen sind — einen Entscheidungszwang errichten. Verschiedene Faktoren treten zusammen und lassen die Akteure der Debatte zu Missionaren und Heerscharsammlern werden. Zu diesen Faktoren zählen u.a. auf beiden Seiten die zunehmende emotionale Intensität der Debatte; auf Seiten des Rassisten-Gegners die Frustration, keine Annäherung oder Einsicht zu finden und die ansteigende Angst vor dem Rassisten und dessen zunehmender Gewaltbereitschaft; auf Seiten der Rassisten die ansteigende Angst vor der vermeintlichen Gefahr, die vom rassistisch Inkriminierten ausginge, usw. usf. All diese Faktoren lassen den Konflikt in einer Art eskalieren, die ihn zum Imperativ einer Entscheidung für praktisch jedermann hochjazzt. Menschen, die sich ansonsten eher politisch indifferent verhalten, empfinden — durch die Debatte! — einen ungemeinen Druck, sich für die eine oder andere Seite entscheiden zu müssen. Oft genug ist es nicht nur eine Empfindung, sondern eine ganz konkrete Forderung. Der Freund, die Kollegin, die Tante, der Bruder — es sind typischerweise die atypischen Gruppen, die diesen Entscheidungsdruck ausüben.

Und abermals trägt sich zu, dass ein Urteil gefällt wird, das in der Regel eher als Sozialisationshandlung, denn als Ergebnis rationaler Abwägungen verstanden werden muss. Diesmal als Wahl der Seite in der Debatte. Die Debatte tritt gar nicht als Sachdebatte an die Menschen heran, sondern als Aufforderung, Partei zu ergreifen. Und zwar sofort! „Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns!“, diese rabiate Zwangs-Dichotomisierung beherrscht irgendwann die Dynamik solcher Debatten.[10] Sie wird in der Regel sehr viel klarer als Sozialisations-Dilemma empfunden, denn als Frage nach Erkenntnis und Wahrheit. Da ist dann plötzlich Rhodos, da muss man springen!

Und jetzt wird klar, wie durch die Debatte die finale Vereinheitlichung des Stereotyps stattfindet, das sich nun gleichzeitig in einem fulminanten Ausbruch verbreitet. Der Zwang zur Entscheidung in der Debatte ist mithin eine weitere Stufe des von uns gesuchten Mehanismus, wie die Vielfalt der Erfahrungen mit einer gemischten Gruppe von Menschen vereinfältigt wird. Die Vereinfältigung geschieht vermittels der Konstruktion einer Kontinuität der Erfahrungen. Von den, sagen wir 20 bis 30 tatsächlichen Begebnissen, die den eigenen Erfahrungsschatz tatsächlich ausmachen (und von denen dann noch ein Gutteil Hörensagen und Zweitehanderfahrung ist) werden jene 10 oder 15 aussortiert, die — je nach beabsichtigtem Urteil — zu einer Linie des Lasters oder einer Linie der Tugend sich fügen lassen (tendenziell eher eine Linie des Lasters). Sie dienen fortan als empirisches Belegmaterial für das Stereotyp; die restliche Gewissheit über die Richtigkeit des Stereotyps gründet sich dann auf das positive Feedback der auf diese Weise gewählten In-Group. Im Resultat aber ist geschehen, wonach unsere eingängliche Frage ging: Aus dem Nebeneinander vielfältiger Erfahrungen ist der scheinbare Zusammenhang einiger weniger, willkürlich ausgewählter Erfahrungen geworden. — Und eine eminent wichtige Handlung der Selbstversicherung und der Sozialisation.

Die Selbstversicherung funktioniert in der Debatte übrigens anders, als beim Verfertigen des Stereotyps. Am Stammtisch — in der typischen In-Group — ist die Selbstversicherung eine Belohnungshandlung; eine, die primär als Versicherung wechselseitigen Wohlwollens sich äussert, wenngleich sie durch gemeinsames Abwerten Anderer vollzogen wird. In der Debatte liegt der Fall ein bisschen komplizierter, denn hier besteht die Selbstversicherung in der zuverlässigen Provokation von Feindschaft. Es muss der richtige, der auserkorene Feind sein, der, indem er die ihm angetragene Feindschaft erwidert, scheinbar den Grund dieser Feindschaft bestätigt.

Die Wirksamkeit dieses Mechanismus soll man nicht unterschätzen. Eine fleißig erwiderte Feindschaft erhöht nicht nur das Gefühl der eigenen Wichtigkeit, sondern auch das Gefühl der eigenen Richtigkeit. Das ist der Grund, aus dem Polemiker Polemiken schreiben. Und ich hege, nebenher gesagt, den Verdacht, dass eben dieser Mechanismus auch ehedem den Kommunisten zu Kopf gestiegen ist; dass sie die vehemente Feindschaft, die ihnen sofort mit ihrem Eintritt in die Geschichte entgegen schlug, als Bestätigung interpretierten, es sei an ihrer Theorie ein durchaus wahrer Kern, der die Herrschenden in Angst und Zorn erbeben lasse. Das beweist nichts gegen die Kommunisten; es zeigt nur an, dass ihre eigentlichen Schwierigkeiten erst dort beginnen, wo sie halbwegs unangefeindet wirken dürfen.[11]

Zurück zur eskalierenden Debatte. Die „getroffene Hunde bellen“—Interpretation einer erwiderten Provokation ist also über Bande gespielte Selbsttäuschung. Die Chance auf „Realitätsabgleich“, die eine Debatte bieten könnte, wird nicht nur verpasst, sondern von Vornherein in den Wind geschlagen, wo die Auseinandersetzung selbst als performative Bestätigung der eigenen Überzeugung mißbraucht wird. Durch die Debatte wird aus einem Stereotyp, das ja ein Freund-Feind-Schema für die eigene In-Group und gegen den rassistisch Inkriminerten markiert, ein neues, ein anderes Freund-Feind-Schema. Eines, in dem sich zwei In-Gruppen gegenüber stehen, die nämlich der Stereotyp-Verfechter und die seiner Entlarver. Dadurch entsteht die Dynamik einer wechelseitigen Zurichtung und das Stereotyp reift zum zentralen Wert eines Bewegungsdenkens heran. Verstehen Sie die Verwandlung? Erst ging es gegen die Kanaken, Neger, Juden usw. — aber in mehr oder minder lethargischer, dumpfer Feindschaft, weil sie ja im Wesentlichen eine Handlung des Gemütlichseins war. Nun aber wird es ungemütlich. Das Ganze gerät in Gärung und Bewegung, wo potentiell eigene (!) Leute sich in Opposition zum Stereotyp begeben. In dieser Auseinandersetzung verwandelt sich das Stereotyp vom Schibboleth eines „wir“ zum Schibboleth einer Bewegung. Und Bewegungsdenken ist eine sehr viel gefährlichere Form des Irrationalismus, als das sozialisierende Stereotyp. Es ist kurzlebiger (das Stereotyp kann ja Jahrtausende überdauern) — aber gewalttätiger.

Am Ende entbehrt es nicht einer gewissen Folgerichtigkeit. Alles verbleibt in der Sphäre des Handelns. Das Stereotyp tritt als Sozialisationshandlung in die Welt und endet als Handlung der Entsozialisation. Dazwischen vermeidet es tunlichst alle Umwege, die über das Denken führen. Das hat durchaus eine praktische Relevanz. Die nämlich, dass das Ringen um Stereotype kein Ringen um deren epistemischen Gehalt sein kann, sondern bestenfalls eines darum, die Debatte überhaupt einmal in die Sphäre des Denkens zu befördern; in den Raum der offenen Debatte. Und an dieser Stelle stellt sich die zeitweise verloren gegangene Einigkeit mit meinem Freund und Hirnteiler Felix Bartels wieder her. Da, wo er sich kritisch zur elften Feuerbachthese äussert[12], um die philosophische Praxis vor der Praxis des Schlagetot zu retten, da kann ich ihm nur beifallen. Offene Debatten verlangen nach einem Abstand zwischen Handeln und Denken. Das befürwortet nicht die Abkoppelung oder das Gegeneinandersetzen dieser beiden Modi der Lebensbewältigung. Es geht lediglich um eine gewisse Verzögerung; Bartels fordert einen Spalt zwischen Denken und Handeln, keinen Abgrund. Es ist dieser kleine Spalt, der den Menschen vom Tier trennt. Er ermöglicht überhaupt nur, einen Gegenstand des Bewegungsdenkens zu einem Gegenstand offener Debatten zu sublimieren. Andernfalls eskaliert die Debatte eben.

Nun wissen Sie, wie es geht: Die eskalierende Debatte führt nicht aufklärerisch und verklügernd das Ende des Stereotyps herbei, sondern macht es zum Zentrum einer Bewegung. Die Bewegung wieder geht einher mit der hysterischen Steigerung einer Stimmung, von der auch psychisch gesunde Menschen erfasst werden. Irrationalität, heisst das, kann auch immer ein Affekt sein und benötigt nicht notwendig einer besonderen tiefenpsychologische Struktur oder Disposition. Auch diese Dynamik der Hysterie gebe ich als Hinweis gegen Theorien vereinheitlicht fehlgeleiteter Wahrnehmungen. Natürlich können solche hysterischen Zustände nur für vorübergehenden Wahnsinn herhalten, aber erstaunlich oft ist ja der politische Irrationalismus tatsächlich nur vorübergehend. Der Mensch, heisst das vielleicht, ist trotz aller Aufgeregtheit am Ende wohl doch ein vernunftbegabtes Wesen.

Durch die Debatte also wird, was an potentieller Energie im ursprünglichen Stereotyp gespeichert war, schlagartig in Bewegung umgesetzt. Gewiss hängt dieses physikalistische Bild schief. Eigentlich ist bereits das ursprüngliche Stereotyp eine Handlung, also Bewegung. Dennoch verdeutlicht die Idee der sich entladenden Spannung die Funktion der eskalierenden Debatte sehr schön. Sie soll auch nahe legen, wie wichtig solche Dynamiken für das Begreifen der Geschichte sind. Vieles in der Geschichte ist Erzeugen und Ausnutzen von Momentum. Leute, die Machtergreifung und -ausübung im wesentlichen als technisches Problem begreifen, handeln von nichts anderem. Machiavelli, Pareto, Lenin, die ganzen Politik- und Militär-Strategen und die Nazis. Sie alle sitzen der Idée fixe auf, dass Politik eigentlich nur ein Koffer voller Tricks ist, mit denen man Initiative und Momentum erzeugen kann. Ich selber, das an den Rand notiert, halte überhaupt nichts von derlei Theoretikern und Feldherren der Macht. Denn die Aufgabe, eine halbwegs funktionierende Gesellschaft zu errichten, läßt sich auch mit den gerissensten Bewegungstricks nicht überlisten. Lediglich als Frage nach dem Weg, wie man dahin gelangte, dass die Gesellschaft humaner und gerechter werde, halte ich sie für überhaupt diskutabel.

Fein. Und jetzt fügen wir das Gesagte noch zu einem vollständigen Modell zusammen. Fertig!

 Verfertigung_von_Stereotypen

Abbildung: Dreistufenschema. Am Anfang (links) entsteht das Stereotyp in der typischen In-Group. Es erfüllt dabei die Rolle einer Sozialisationshandlung; seine epistemische Funktion ist nachgeordnet. Während seiner Verbreitung (mitte), wird das Stereotyp durch atypische In-Gruppen mit epistemischer Bedeutung aufgeladen. Es dient nun nicht mehr allein dem Ausweis der Zugehörigkeit sondern drückt bereits eine Haltung aus. Zum Ausbruch und zur letzten Vereinheitlichung kommt das Stereotyp schliesslich in der eskalierenden Debatte (rechts). In der eskalierenden Debatte führen verschiedene Mechanismen (Geschlossenheit der Debatte, Errichtung von Entscheidungszwängen) zur radikalen Vereinfachung und massiven Verbreitung des Stereotyps. Es verwandelt sich dabei zum zentralen Wert eines Bewegungsdenkens. – Die Angleichung der Farben soll die zunehmende Vereinheitlichung des Stereotyps verbildlichen.

Presse & Medien.

Das Kapitel wird sehr viel kürzer ausfallen, als der medienkritische Leser es sich möglicherweise erwartet. „Erhofft“ wäre das richtige Verbum. Denn es gibt wohl einige, deren Stereotyp „Journalist“ oder „Internet“ heisst. Dort entstünden Lügen und Gerüchte und hirnverderbende Propaganda. Und Stereotype. Die Presse setzte die in Umlauf. Dort triebe der obrigkeitshörige und dem gefühlten Mainstream sich andienende Tastenficker sein Unwesen. In Redaktionsstuben und Landesmedienanstalten säßen sie: Die Schreibtischtäter, die über Zeichen gehn!

Wie gesagt, sehr viele Worte müssen zu Meinungen dieser Art nicht gemacht werden. Es ist klar, dass Zeitungen immer tendenziös sind — genauso wie ihre Leser. Zeitungen dienten von jeher der Bestätigung der eigenen Weltsicht. Kein Linker hält sich ein rechtes Blatt und kein rechter ein linkes. Man liest, was einem frommt. Sie kennen diese Figur ja nun schon zur Genüge. Man liest nicht, um vom Tagesgeschehen in Kenntnis gesetzt zu werden. Sehr viel wichtiger ist dessen mundgerechtes Zubereiten, je nach politischem Gusto. Auch Zeitunglesen, mit anderen Worten, ist Sozialisationshandlung. Und sei die In-Group hier lediglich die imaginierte Leserschaft des eigenen Blattes. Zeitunglesen tut zur grundlegenden Hämophektik der Stereotyp-Verfertigung und -Verbreitung nichts Neues hinzu. Zeitungen, Fernsehen, Radio — all das ist Bestandteil ganz des selben Mechanismus. Medien sind in der Regel Katalysatoren; sie beschleunigen den Gang der Hämophektik, aber sie ändern ihn nur wenig.[13]

Medien sind in unserem Zusammenhang eigentlich nur von Belang, weil sie das Sozialisations-Substrat vereinheitlichen. Danach haben wir uns ja immer wieder erkundigt. Die hauptsächliche Wirkung der Medien besteht darin, dass alle über das selbe reden. Über die Silversternacht von Köln, über Griechenland oder Flüchtlinge, über die Dreyfus-Affaire und so weiter. Medien synchronisieren die Wahrnehmung der Massen. Das ist ihr wesentlicher Beitrag zum Stereotyp. Medien sind große Konsensmacher. Ungleich größere Konsens- als Konfliktmacher. Andernfalls würden die Medien längst pleite und aus der Welt sein.

Der Hauptzwang, dem alle Medien (mit Ausnahme vielleicht der eher seltenen Staatsmedien) ausgesetzt sind, ist natürlich der Zwang zur Profitabilität. Darin gleichen sie jedem anderen Betrieb. In dieser Hinsicht hat auch die Sache mit der Anbiederung an den Mainstream ihr Bewenden. Die Medien müssen ja tatsächlich um die Aufmerksamkeit ihrer Leser/Zuschauer/Hörer buhlen und miteinander konkurrieren. Von Zahl und Art des Publikums hängt der Preis der Werbeanzeigen ab, die nunmal das Brot der Medien sind. Nur in unseren Stereotyp-relevanten Zusammenhängen macht das alles wenig Unterschied. Das Andienen der Zeitung ist Sozialisationshandlung als Verkaufsstrategie; Widerspiegelung der Erwartung ihrer Leserschaft. Zwei Spiegel (sic!), einander vorgehalten. Katalysator und Resonanzboden, mehr nicht.[14]

Teil 5: Möglichkeiten der Intervention & Schluss.

Soweit, was zu sagen mir in der Sache angelegen war. Im Wesentlichen wollte ich eine Angelegenheit der Wahrnehmung zu einer Angelegenheit des Handelns umdeuten. Es ist nichteinmal wichtig, ob das vorgeschlagene Dreistufenmodell genau so stimmt. Recht eigentlich möchte ich die Wahrnehmungsgewohnheit des Stereotyps selbst, also die Art, wie Stereotypen wahrgenommen und untersucht werden, durchbrechen. Es ist zu einer Art Automatismus geworden, die Alltagspsychologie zu bemühen, sobald man aufgefordert wird, das Zustandekommen oder die Hartnäckigkeit von Stereotypen zu erklären. Oder, wenn es akademisch und elaborierter wird, die Psychoanalyse und die Wahrnehmungsphysiologie. Dieses Muster, sofort nach psychologischen und wahrnehmungsverzerrenden Gründen zu suchen und das gesellschaftliche “wie” der Stereotypverfertigung gleichsam zu überspringen, dieses Muster scheint mir sehr hartnäckig – und fruchtlos. Tendenziell zielen die Wahrnehmungstheoretiker stets auf das „Warum“ der Stereotypen, während sich der Handlungstheoretiker eher für das „Wie“ interessiert. Der Maßgabe, Augenmerk auf das “Wie” zu lenken – wie auch immer es im Einzelnen tatsächlich funktioniert – dieser Maßgabe bin ich gefolgt.

Ich räume ein, dass Raum für Kritik entstanden ist. Insonderheit könnte man mir — nicht zu Unrecht — vorwerfen, die „warum“-Frage ganz ungenügend behandelt zu haben. Also warum Sozialisationshandlungen der Art, dass an ihrem Ende Stereotype entstehen, überhaupt vollzogen werden. Ich bleibe, wie schon einbekannt, sehr monokausal, indem ich „In-Group“-Dynamik sage. Aber hier liegt auch ein Mißverständnis vor. Ich möchte gar keine Gründe geben; ich denke nur darüber nach, wie es funktionieren könnte.

Natürlich ist mir bewusst, dass es konkrete soziale und historische Verumständungen gibt, die das Verfertigen rassistischer Stereotype befördern können. Etwa, wenn die sogenannte Mittelschicht erodiert und sich Sorgen um ihre Zukunft macht, oder wenn eine Gesellschaft stark in unterschiedliche Gruppen sich aufspaltet; wenn überhaupt soziale Umgruppierungen und Strömungsbewegungen wirken, oder wenn Krieg oder Bürgerkrieg drohen usw. usf. Das alles will ich gar nicht in Abrede stellen oder nur in seiner Wichtigkeit schmälern. Es ist wichtig und verdient Beachtung.

Ich habe es beachtet und dennoch mit Absicht nicht behandelt. Einmal der Länge wegen. Der Essay ist lang genug. Zweitens zielt die selbst erwählte Beschränkung, ausschliesslich der „Wie“-Frage Beachtung zu schenken, letztlich auf Möglichkeiten der Intervention ab. Das ist mein wichtigster Grund. Die ganze Anfertigung war von Vornherein als Übung in praktischer Philosophie konzipiert. Es war deshalb, dass ich mich veranlasst fand, überhaupt einen konstruktiven Gegenentwurf zu Theorien vereinheitlicht fehlgeleiteter Wahrnehmung zu bringen. Deren psychopathologische Mechanismen entgleiten nämlich, weil sie zumeist im Unbewussten sich abspielen sollen, der aktiven Intervention. Hier hingegen, im Reich des Handelns, da lässt sich etwas tun.

Was lässt sich tun? Wo kann man intervenieren? Ich meine, in allen drei Stadien der Stereotyp-Anfertigung. Zuerst, in der In-Group. Die Dynamik der typischen In-Group selbst lässt sich zwar nur schwer beeinflussen, aber man kann darauf achten, Mitglied mehrerer In-Gruppen zu sein. Oder die Eltern können darauf achten. Erstens minderte es den Sozialisationszwang ungemein, wenn man mehrere Anschlüsse anstatt nur eines einzigen findet. Zweitens ist nicht wahrscheinlich, dass in allen In-Gruppen das selbe Sozialisations-Schibboleth Verwendung findet. Sicher, die Gefahr besteht, durch diese Maßnahme zum Multi-Rassisten zu transmogrifizieren. Ich halte für glaubhafter, dass man gar nicht erst einer wird.

Sodann gibt es Interventionsmöglichkeiten bei der atypischen In-Group. Von den Schulen war bereits die Rede. Natürlich wäre wünschenswert, dass schon die Schule nationale oder gar völkische Mythen in Frage stellte, aber diese Idee ist wohl naiv. Schule reflektiert immer das Selbstverständnis der Nationalstaaten und es wäre töricht zu glauben, Staat und Schule würden von der Möglichkeit, wechselseitig ihr Fortbestehen zu sichern, nicht gründlichen Gebrauch machen. Überdies würde in einer Welt voller Patriotismus und Nationalismus der Versuch, ausgerechnet die eigenen Staatsbürger zur Demut zu erziehen, mit Sicherheit zum Bumerang. Anstatt Bescheidenheit würde man einen veritablen Minderwertigkeitskomplex erzeugen, der schnell in Aggression umschlüge. Was indes ganz sicher möglich ist: Die Geschichte anderer Nationen und Völker besser kennen zu lernen. Auch ist möglich, Mobbing zu verhindern. Ich bin für das wiederholte Durchführen von Schulstunden, in denen Mobbing-Verhalten analysiert und die Schüler für herzloses und ausgrenzendes Verhalten sensibilisiert werden. Fördern zivilcouragierten Verhaltens und Vielfalt der atypischen In-Gruppen sind weitere Maßnahmen, die bereits in der Schule kultiviert werden können. Und schliesslich soll in der atypischen In-Group das gute Debattieren erlernt werden. Nicht nur in der Schule, auch an den Universitäten; vielleicht sogar, auch wenn das wiederum hart ans Blödnaive grenzt, an den Arbeitsplätzen. Dabei muss es gar nicht um Politisches gehen; es reicht, wenn die Menschen überhaupt einmal den Modus der offenen Debatte erlernen und beherrschen. Wenn sie die Wirksamkeit kritischen Denkens bei der Verbesserung ihrer Arbeit, ihrer Arbeitsprodukte, ihrer Familiensituation usw. erfahren. Zugegebenermassen ist die Arbeitsstelle, ral betrachtet, der letzte Ort, an dem offene Debatten erlernt werden können. Meist ist sie der Ort, an dem die Brutalität des Zivilen am ungebrochensten waltet. Die eigene Existenz ist fast nirgends so fühlbar daran geknüpft, Erwartungen anderer Menschen – meist der vorgesetzten Person – zu erfüllen. Hier ist kein Platz, diese Verhältnisse gründlicher anzusehen. Ich erwähne sie nur, weil sie neben vielen anderen Unanehmlichkeiten auch die mit sich bringen, eine Interventionsmöglichkeit gegen das Verbreiten von Stereotypen zu vereiteln.

Schliesslich gibt es, zumindest theoretisch, die Möglichkeit, während der eskalierenden Debatte zu intervenieren. Man merkt schon, je später man interveniert, desto schwieriger. Dem Ausbruch der Debatte geht, wie geschildert, das Aufstauen, Vereinheitlichen und Verbreiten des Ressentiments voraus. Es scheint fast unmöglich, noch ernsthaft steuern zu wollen, wenn sich das bahnbricht. Deswegen fürchte ich, dass es nur eine sinnvolle Interventionsmöglichkeit beim Ausbrechen der Debatte gibt: Sich ihr zu verweigern. Sie stoisch nicht zu führen. Jedes Widerwort führt ja genauso zur Eskalation wie jede Geste der Beschwichtigung. Zugegeben, der Rat ist ein bisschen wie Muttis „Nicht kratzen!“, wo ein rünstig Mückenviech sein Labsal hatte. Aber so ist es. Man kann der Hysterisierung — dem reinen Handeln sozusagen, dem Handeln ohne Verstand — nur durch Nicht-Handeln begegnen. Natürlich meint das nichts weniger als Untätigkeit; wo der Rassist übergriffig wird oder sonstwie geltendes Recht bricht, da soll ihn die Staatsgewalt zur Raison bringen. Wo er aber durch Anfachen von Hysterie und eskalierender Debatte eigentlich nur sich selbst erfühlen will, da soll man ihm die Bestätigung im Andern verweigern. Nichts widerlegt das Stereotyp wirkungsvoller, als seine Unfähigkeit zur Provokation. Ich schlage vor, was Karl Kraus unter dem Titel „Sittlichkeit und Kriminalität“ trennt auch hier zu trennen. Wo der Rassist kriminell wird, soll man ihn belangen. Wo er unsittlich ist, darf er es bleiben. Es ist seine ganz private Idiotie. Und so wir vermeiden, die Hämophektik der eskalierenden Debatte anzuwerfen, bleibt sie es auch. Dem Stereotyp, weil im Großen unvereinheitlicht, wird letztlich die Vollendung verwehrt. Uneskaliert bleibt es ein kleines, muffiges Stereotyp; wirkungsarm, aber gefährlich.

So skizzenhaft und ergänzungsbedürfig diese Überlegungen zur Intervention mit Sicherheit sind, sind sie doch der Punkt, an dem ich an den Schluß kommen möchte. In wissenschaftlichen Publikationen gibt es die gute Sitte, an einer Stelle den gesamten Gang der Argumentation zusammen zu fassen. Ich schlage vor, wir nehmen diese Stelle.

  1. Im vorliegenden Aufsatz stelle ich eine Hypothese auf, wie rassistische Stereotype verfertigt und verbreitet werden. Nach vorherrschender Meinung sind Stereotype in erster Linie Wahrnehmungsfiguren. Diese Auffassung kann jedoch nicht erklären, wieso eine gemischte Gruppe von Menschen ganz einheitlich durch eine gemischte Gruppe von Menschen wahrgenommen wird.
  2. Vereinheitlichung muss durch Kommunikation geschehen; sie ist der einzige in Frage kommende Mechanismus. Nur durch Kommunikation können private Erfahrungen abgeglichen werden. Kommunikation, in diesem Zusammenhang, meint die Gleichzeitigkeit von Zurichtung des Andern und Selbstzurichtung am Andern. Deshalb mache ich den Vorschlag, Stereotype als Sozialisationshandlung zu verstehen. Ausgehend von der Theorie, dass jede sprachliche Äusserung über ihren eigentlichen Informationsgehalt hinaus immer auch Sozialisationshandlung ist, behaupte ich, dass Stereotype in Wahrheit nicht die rassistisch inkriminierte Gruppe meinen, sondern Symbol für die wechselseitige Bestätigung des Zugehörens zu einer Gruppe (In-Group) sind. Es wird ein dreistufiges Modell der Stereotyp-Verfertigung entwickelt: (1) Verfertigen des Stereotyps in der typischen In-Group; (2) Verbreitung des Stereotyps in der atypischen In-Group; und schliesslich (3) Ausbruch und endgültige Reifung des Stereotyps in der Debatte zwischen Verteidigern und Entlarvern des Stereotyps. Insbesondere wird die Rolle der eskalierenden Debatte beim galoppierenden Aneinanderverblöden herausgearbeitet. Die gesellschaftliche Debatte, die unter Aufklärern gern als probates Mittel des Klügerwerdens gehandelt wird, stellt sich bei näherem Beschau als ebenso zur Selbstzurichtung und Vereinfältigung geeignet heraus.
  3. Diese Theorie ist der empirischen Überprüfung vergleichsweise leicht zugänglich. Im Gegensatz zu psychopathologischen Mechanismen, die im Unbewussten sich zutragen, sind die Handlungen der Sozialisation öffentlich. Ich würde sehr begrüssen, wenn sich Forscher fänden, die nach empirischen Belegen für die gebrachte Hypothese suchten.
  4. So empirische Daten erst gesammelt und ausgewertet sind, werden sich konkrete Punkte der Intervention ergeben. Selbst, wenn sie nicht mit meinen — eingestandenermaßen sehr rudimentären — Vorschlägen überein stimmen, bin ich optimistisch, dass die Suche entlang des Stereotyp-Verständnisses als Sozialisationshandlung effiziente, wenn auch vielleicht unoriginelle Interventionsmöglichkeiten erbringen wird.

Endlich liegt in der angegebenen Theorie des Verfertigens rassistischer Stereotype auch eine allgemeine Theorie der Dummheit versteckt. Darüber in Ausführlichkeit nachzudenken halte ich für unbedingt ratsam. Es gibt wenig Gegenstände, die so fahrlässig mißverstanden sind, wie Dummheit. Ganze Generationen sind entmutigt und enttäuscht worden, weil sie mit ansehen mussten, wie, was ihnen als Dummheit vorkam, obsiegte. Ich verspreche mir nicht wenig Einsicht und Trost von einer noch zu führenden Untersuchung, welche die Dummheit als Handlungsfigur anstatt als Denkschwachheit analysiert. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andernmal erzählt werden.

Die vorlegiegende ist erstmal auserzählt. Sie werden jetzt vielleicht ein bisschen enttäuscht sein. Kann sein, dass Ihnen dieser Aufsatz nicht so richtig originell vorkommen will. Um Vergebung, aber es wird die Anfertigung von Stereotypen vermutlich nicht der richtige Ort sein, um nach Originellem zu suchen. So ist es einmal mit der Wahrheit. Im Grunde wusste man sie meist schon vorher. Seltsamerweise wird von der Wahrheit trotzdem gern verlangt, sie möge sich in immer wieder ganz neuem Gewande zeigen. Gewiss, es ist albern, denn das ist ja gerade der Witz der Wahrheit, dass sie länger gilt, als die Mode. Wem das nicht witzig genug ist, dem kann ich auch nicht helfen. Dem kann ich nur versichern, wie leid es mir tut. Blöd, dass wir drüber geredet haben.

 

Lübeck, im Februar, 2016

 

[1] u.a. in dem Aufsatz „Die reizlose Seite des Humanismus“, erschienen im ARGOS No5, 2009

[2] Zugegebenermassen macht die Kognitionswissenschaft Fortschritte. Sie hat ziemlich schlaue Verfahren entwickelt, um Rückschlüsse, selbst auf unbewusste Wahrnehmungsgewohnheiten zu ziehen. Beispielsweise hat das von Shelley E. Taylor Ende der 1970er entwickelte „Erinnerungverwechslungsprotokoll“ die Rassismusforschung durchaus voran gebracht. Das geht so: Ein Proband sieht Bilder verschiedener Personen und dazu gehörige Aussagen. Die Aufgabe besteht nun darin, sich zu merken, wer was gesagt hat. Es werden jedoch mit Absicht mehr Bild-Aussagen-Paare gezeigt, als sich ein normaler Mensch merken kann, so dass er bei der erinnernden Zuordnung Fehler machen wird. Diese Fehler, nimmt man an, widerspiegeln unbewusste Wahrnehmungsgewohnheiten (i.e. Merkmale anhand derer sich das Gedächtnis orientiert). Würde man beispielsweise häufiger eine Aussage fälschlich Bildern der selben “Rasse” wie die, der richtigen Person treffen, so kann das als Hinweis auf eine (unbewusste) Wahrnehmung von Rassenmerkmalen interpretiert werden. Man möge mir die Kurzangebundenheit an dieser Stelle verzeihen, aber ich denke auch ohne detaillierte Methodenkritik sollte klar sein, dass die Mächtigkeit solcher Verfahren nicht hinreicht, um Behauptungen wie Postones „doppelte Übertragung der Wahrnehmung kapitalistischer Verhältnisse“ zu beweisen oder widerlegen. Es geht einfach nicht. Das ist einer der Hauptgründe, aus dem ich Postones Theorie als zwar reizvoll, aber nichtsdestoweniger unwissenschaftlich zurückweise.

[3] Man kann den Einwand führen, die Sozialisationshandlung sei ja doch im „Übermitteln von Information“ schon inbegriffen. Denn Informationsübermittlung sei schliesslich kein Selbstzweck, sondern stets eingebettet in ein Geflecht verschiedener Absichten; Informationen würden so gut wie immer zu einem Zweck übermittelt, der nicht identisch mit dem Inhalt der Information selbst ist. Wenn beispielsweise die Information „Es regnet“ übermittelt würde, könnte der implizite Zweck der Information darin liegen, den Adressaten zum Anlegen regenfester Kleidung zu bewegen. Oder eben zur Sozialisation durch Zustimmung. Welche Zwecke auch immer im Einzelnen gemeint wären, in der Regel sei, so der Einwand, mindestens ein Teil von ihnen sozialer Natur. – Darauf erwidere ich, dass man es gern so sehen kann und diese Aussage, von einigen technischen Details abgesehen, von meiner gar nicht verschieden ist. Es wird nur, sage ich, dieser soziale Zweck einer Information in der Regel übersehen. Die Philosophen beschäftigen sich, wenn sie über Bedeutungs- und Wahrheitstheorien nachdenken, mit dem informatorischen Gehalt der Sprache und, wenn es hochkommt, mit dem Redegestus. Die hier, vielleicht ein bisschen mutwillig überbetonte Eigenschaft der Sprache, Sozialisationshandlung zu sein, ist hingegen so gut wie niemals Gegenstand der Untersuchung.

[4] Diese einfache Erkenntnis weist im Übrigen fast in die entgegen gesetzte Richtung des sogenannten „linguistic turns“. Damals begann ein Gutteil der Philosophen, jegliche Erkenntnisfähigkeit des Menschen in die Möglichkeit, eine Sprache zu sprechen einfalten zu wollen (eine andere Form Einfalt, wenn man will). Meine Argumentation zielt, im Gegensatz dazu, in die Richtung, Sprache zu einem lebensweltlichen Ding aufzublasen. Ein Ding, das mit Handlungen und Gefühlen genauso einher geht, wie andere komplexe Gebilde; Staat zum Beispiel, oder Wissenschaft. Gebilde also, denen neben ihrer epistemischen Dimension, Erkenntnis zu ermöglichen, ganz wesentlich auch eine lebensweltliche Dimension eignet. Das bedeutet, man lebt in diesen Dingen und durch sie und zwar unabhängig davon, was man von der Wirklichkeit begreifen mag oder über sie aussagen könnte.

[5] Die deutsche Übersetzung für In-Group lautet „Eigengruppe“ und meint die eigenen Leute. Man verzeihe mir, dass ich lieber beim Anglizismus bleibe, aber „Eigengruppe“ klingt irgendwie nach „Eigenurin“. Ich sage auch nicht Stein-Musik. Manche Anglizismen sind einfach, ähm, cooler.

[6] Überhaupt ist das Problem der Dummheit bislang ungenügend behandelt. Dummheit ist in der Regel ein Kampfbegriff, ein allgemeiner, universaler Pejorativ. Eine Meinung als „dumm“ zu brandmarken soll bedeuten, dass es sich um intellektuell unergiebiges Terrain handelt. Kein Philosoph, kein Denker, kein Künstler, kein Politiker; kurz, kein Mensch von Verstand, Sittlichkeit und Geschmack sollte da nach Gehaltvollem schürfen. Und doch ist die Dummheits-Zeihung zumeist nicht mehr, als ein Bannversuch. In Wirklichkeit ist kein Gegenstand gebannt, seiner Gefährlichkeit beraubt, oder nur besser verstanden, wenn man ihn als „dumm“ denunziert. Damit ist nichts gegen das Wort „Dummheit“ bewiesen. Man sollte eben nur im Klaren sein, dass es weniger über den bezeichneten Gegenstand aussagt, als über des Sprechers Unwillen, sich ernsthaft mit ihm zu beschäftigen. Das kann, je nach Fall, besser oder schlechter begründet sein. Ich will dieser erst noch zu führenden Untersuchung über die Dummheit nur die Mutmassung schon voraus schicken, dass man nämlich eine Dummheit des Denkens und eine Dummheit des Handelns unterscheiden wird. Ich prophezeie, dass man, ganz entgegen gängiger Vorurteile finden wird, dass die Dummheit des Handelns vor der des Denkens bei Weitem überwiegt. Als Denker ist der Mensch möglicherweise passabel, aber als Handelnder ist er eine Katastrophe.

[7] siehe z.B. Dan Olweus „Gewalt in der Schule“

[8] Eine Bemerkung an die akademisch vorbelastete Leserschaft. Möglicherweise ist sie pikiert und wittert Erkenntnispessimismus. Keineswegs! Ich bin nur eben als Wissenschaftler, der ich selber von Beruf bin, ganz gut im Bilde, wie überaus schmalsichtig die akademische Gemeinschaft oft ist. Natürlich habe ich bisschen recherchiert und einige Arbeiten dazu gelesen. Aufsätze von Gil-White, Macrae und Bodenhausen, Aufsätze von Kurzban und anderen. Obwohl diese Leute durchaus zwischen (Rassen-) Wahrnehmung und Verfertigung von Stereotypen unterscheiden, fassen die meisten das Problem letztlich doch als Wahrnehmungsfrage auf. Beispielsweise gehen sie der Frage nach, ob die Erkennung von Rassenmerkmalen im Gehirn des Menschen “hartverdrahtet”, d.h. angeboren sei. Die Dimension des sozialen Handelns kommt bei ihnen so gut wie immer abgeleitet und sekundär vor. Ich bin ganz anderer Ansicht; das soziale Handeln kommt m.E. vor den kognitiven und epistemischen Phänomenen. Diese Ansicht zu plausibilisieren (und Forschung in diese Richtung zu ermutigen!) ist eines der Hauptanliegen des vorliegenden Essays. Ich bin mir natürlich bewusst, dass ich rein spekulativ bleibe. Aber so ist das nunmal. So sollte es zumindest sein. Erst hat man die Hypothese. Aus der leitet man die Experimente und die Feldforschung ab, um sie zu bestätigen, oder zu widerlegen, oder zu modifizieren.

[9] Ich kenne diese überaus nützliche Vokabel von meinem Freunde Henri Fietz.

[10] An der Stelle soll nicht verhehlt werden, dass praktisch alles Bewegungsdenken an irgendeiner Stelle solche Entscheidungs—Dilemmata aufrichtet. Nicht nur der allzugern als „dumm“ abgetane amerikanische Präsident George W. Bush, nein, auch Liberale und Bewegungslinke terrorisieren ihre Mitmenschen durch Entscheidungs-Imperative in der Debatte. Auf der Strecke bleibt natürlich die Vielfalt der Gedanken. Prototypisch gebe ich das bekannte Lied „Sag mir wo Du stehst!“, das Hartmut König für den Oktoberklub in der DDR schrieb:

Refr

Sag mir, wo du stehst

Sag mir, wo du stehst

Sag mir, wo du stehst

Und welchen Weg du gehst!

 

Zurück oder Vorwärts, du musst dich entschließen

Wir bringen die Zeit nach vorn’ Stück um Stück!

Du kannst nicht bei uns und bei ihnen genießen

Denn wenn du im Kreis gehst, dann bleibst du zurück!

 

Du gibst, wenn du redest, vielleicht dir die Blöße

Noch nie überlegt zu haben, wohin

Du schmälerst durch Schweigen die eigene Größe

Ich sag’ dir, dann fehlt deinem Leben der Sinn!

 

Wir haben ein Recht darauf dich zu erkennen

Auch nickende Masken nützen uns nichts

Ich will beim richtigen Namen dich nennen

Und darum zeig mir dein wahres Gesicht!

 

Natürlich muss man Entscheidungen im Leben treffen; gerade auch weltanschauliche. Es ist nur eben so ungefähr das Falscheste, das sich tun lässt, Menschen zu dieser Art Entscheidung drängen zu wollen. Sie werden sie ohnehin treffen; und möglicherweise nicht in der Weise, die uns frommt. Ich prophezeie sehr viel mehr Ausgewogenheit und Rationalität der Debatten, wo sie, von Sozialisations- und unmittelbarem Entscheidungsdruck befreit, in den offenen Modus überführt werden können.

 

[11] Jedes Bewegungsdenken kommt an den Punkt, wo es dieses Dilemma lösen muss, wie aus sich heraus, ohne äusseren Feind, wirksam werden. Dies mag ein Grund sein, aus dem die meisten politischen Bewegungen zwanghaft nach Abgrenzung und Feindschaft suchen. Es ist die geheime Furcht, impotent zu sein, wenn’s drauf ankommt. Das ist natürlich frech und alltagspsychologisch fabuliert; aber ich bringe es ja auch nur als Fußnote.

[12] „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretirt, es kömmt drauf an sie zu verändern“, Karl Marx 1845

[13] Ich höre die Frage, was denn nun mit Lügen, Hetze und Propaganda sei? Wenn der „Stürmer“ seinerzeit nichts dazu getan hätte, das den Deutschen nicht ohnehin eingefallen wäre, hätte man Julius Streicher am Ende unbehelligt lassen müssen, anstatt ihn in Nürnberg zu hängen. — Ich habe zu dieser Frage eigentlich schon alles gesagt. In der Tat halte ich die Hinrichtung Streichers für einen Fehler. Nicht allein, weil ich gute Gründe gegen die Todesstrafe kenne, sondern auch, weil Streichers Todesschuld die Verantwortungsfähigkeit des Menschen grundsätzlich in Zweifel zieht. Was für ein loses Bild des Menschen, der seine Entscheidungsautonomie verlöre, sobald er Hetzparolen ausgesetzt wird. Wirklich, ist denn die Meinung der deutschen Justiz von ihren Staatsbürgern so gering, dass deren Fähigkeit zur Entscheidung zwischen recht und schlecht, schon durch ein Schmierblatt wie den „Stürmer“ gänzlich zum erliegen kommen kann? Welchen Sinn hätte die Rechtssprechung dann überhaupt? Liegt nicht an ihrem Grunde doch die Annahme einer prinzipiellen Freiheit eines jeden, zwischen gut und böse unterscheiden zu können – selbst wenn in einem Staat Propaganda und Hetze verbreitet werden? Das Todesurteil gegen Streicher reproduziert letztlich den „autoritären Charakter“, den es bestrafen und bessern will. Es entmündigt die Schuldigen.

Es macht aus Streicher einen verkehrten Jesus, der durch seinen Tod alle Schuld auf sich nimmt. Diese immer wieder kehrende Unart des Christentums, Verantwortung als ein delegierbares Gut zu behandeln, erfuhr zwar schon mit dem Rückgang des Ablasshandels handfeste Kritik, aber sie ist offenbar noch lange nicht aus der Welt. Momentan zeigt sie sich in den „Lügenpresse“-Rufen der Pegida-Bewegung. Dabei kann jeder Zeitungskiosk, sonst Hort des Banalen, des Tagesaktuellen und des Schunds, als heiliger Ort der Reinigung des deutschen Volkes herhalten. In seiner schauderhaft bunten Pracht zeigt sich die Realitätsverweigerung der Pegidisten; der Ruf von der Lügenpresse wird an der Scheußlichkeitsvielfalt zur Selbstentlarvung. Wenngleich wohl kein Blatt frei von Propaganda und Manipulationsabsicht sein dürfte, verhält es sich doch unleugbar so, dass ein jeder sich die Lügen aussuchen darf, die zu glauben er gewillt ist.

Natürlich soll Hetze strafbar sein. Kinder zum Beispiel sind ihr schutzlos ausgeliefert. Es reicht doch aber, wo sie belegbar ist, Hetze mit Geldbussen und im Wiederholungsfall Haftstrafen zu ahnden. Man soll mich nicht mißbegreifen. Streicher war ein in jeder Hinsicht widerwärtiger Mensch; selbst den Faschisten trieb er es zu krass. Aber es ist falsch, so zu tun, als wäre der normale Bürger nichts als eine Marionette der jeweils statthabenden Propaganda.

Meinungskampf, falsches Bewusstsein und Ideologie sind immer. Es ist die Aufgabe jedes Menschen, sich zwischen allen Fronten zurecht zu finden. Er kann diese Aufgabe weder an eine herbei gesehnte Wahrheits-Presse, noch an Gott oder an eine ideale Schulbildung abgeben. Allein der Rechtssprechung eines Staates kommt zu, Vernunft, Augenmaß, Weisheit und Gerechtigkeit zu markieren, damit der Mensch einen Rahmen finde. Selbst wenn das dann, im täglichen Betrieb, zu nicht mehr, als Recht und Ordnung verkommt.

 

[14] Gleiches gilt für die Entdeckung der „Filter Bubble“ im Internet durch Eli Pariser, gegen den ich ansonsten gar nichts einwenden will. Aber Sie merken schon, dass es langweilig wird, die Sache immer wieder von Neuem durchzuexerzieren. Natürlich ist die „Filter Bubble“ nicht neu. Abermals ist es die uralte Form der Selbstversicherung am Andern, die nun auch — oh Wunder! — im Internet stattfindet. So ist das nunmal, wenn Menschen kommunizieren. Die Sache wird dadurch, dass die Medien von Einweg-Kommunikation (Zeitung, Radio, Fernsehn) auf Mehrweg-Kommunikation umgestellt haben, nicht anders. Bei den klassischen Medien wählte man das Blatt oder den Sender. Heute wählt man die „Freunde“ auf facebook, bzw. entfreundet sie, wenn sie die Gemütlichkeit der Filter-Blase allzu sehr stören. Es ist bequemer, als ein Journal, über das man sich ärgert, abzubestellen. Das ist der Fortschritt. Gleiches gilt, das zu Ändernde geändert, für Twitter, Diskussionsforen und Online-Chats. Die Menschen sind die selben und ihr grundlegendes Kommunikationsverhalten auch.

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Ein Gedanke zu “Verblödung durch Drüberreden — Hämophektiken des Stereotypverfertigens

  1. Bin noch nicht imstande, alles zu verstehen. Spätestens am Punkt, an dem die Sprache als primär Fern-Kraulen und erst sekundär als Informationsvermittlung erkannt wurde, wird mir klar: dies ist der beste Artikel, den ich in diesem Jahrhundert vorgefunden habe.

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