Arbeit, Nachdenklichkeiten, Welterklärungen, Zehnte Klasse Leistungsstufe

Bewerbungen und andere verpasste Chancen: Über die Messbarkeit von Qualitäten.

Geleit

Lieber Leser,

der folgende Aufsatz handelt vordergründig von Bewerbungen. Tatsächlich ist er jedoch nur als erster einer Reihe von Aufsätzen konzipiert, in denen ich einige bemerkenswerte Zusammenhänge zwischen Arbeit und Lebenssinn an Tag bringen möchte. „Bemerkenswert“ nenne ich diese Zusammenhänge, weil sie zwar im Wortsinn „des Bemerkens wert“ sind und dann aber meistenteils unbemerkt bleiben, obwohl sie sich direkt vor unseren Augen abspielen. Der Aufsatz über Bewerbungen ist als Einstieg in das Thema gedacht. Tatsächlich soll das Bewerbungsproblem, so ernst es mitunter ist, nur Anlass sein, um zu tiefer liegenden Fragen vorzudringen. Als da fast von selbst sich stellen: Ob man Qualität messen kann? Warum manche Menschen Arbeit als Mittel zur Selbstverwirklichung ansehen, während andere sie als Geißel empfinden, die sie von der Selbstverwirklichung abhält? Will der Mensch arbeiten oder will er faulenzen? Kann Arbeit Lebenssinn stiften? Was geschieht mit Arbeit, wenn Maschinen und Computer sie verrichten; bleibt es Arbeit? Machen wir uns überflüssig? Wenn der Großteil der Menschheit in absehbarer Zeit zur Wertschöpfung nicht mehr benötigt wird, wie soll er leben und wovon? Und letztlich immer wieder: Was ist Arbeit eigentlich? —

Dieser Aufsatz ist in einer dreigeteilten Vorabversion schon bei den Kolumnisten veröffentlicht worden. Die vorliegende Fassung wurde besonders in den letzten Kapiteln überarbeitet, um die zugrunde liegenden philosophischen Gedanken etwas deutlicher heraus zu arbeiten. Mein Dank gilt meinem Freund und Hirnteiler Felix Bartels.

Bewerbungen und andere verpasste Chancen: Über die Messbarkeit von Qualitäten.

Peter Beurton gewidmet

Wenn…

Sprache, brech ich einmal los, Sprache ist das Fieberthermometer der Gesellschaft. Sprachgnostiker wie Karl Kraus oder Victor Klemperer hätten das gewiss schöner formuliert, aber den Gedanken selbst vermutlich nicht getadelt. Wo Sprache munter fließt und plätschert, wo sie schöpft und geschöpft wird, wo Wörter erlösen und erlöst werden, da mag wohl alles seine rechte Ordnung haben. Wo Sprache aber notorisch überhitzt oder unterkühlt, oder, fataler noch, beides zugleich ist, da zeigt sie eine weiche Stelle an, eine Maladheit der Gesellschaft und manchmal sogar eine Seuche. Die Fünfwortsprache der Millitärs beispielsweise; oder offizielle Sprachregelungen, wie die gegenwärtigen Streits um Vokabeln wie „Völkermord“ oder „Unrechtsstaat“; das chronisch zur Hysterie überhitzte Zeitungsdeutsch; manch ein elend wortkarger Soziolekt — das sind so Fieberflecken der Sprache, die man kennt. Da offenbaren sich am Sprachgebrauch tiefer liegende Konflikte; da entdeckt sich in Tonfall, Vokabular und Diktion eine Irrheit, eine Deformation, eine Schwachheit der Gesellschaft. Von so einer Stelle will ich handeln. Von einer Stelle mit gleichzeitig entzündetem und verkühltem Sprachgebrauch; einer Stelle, an der Eintönigkeit und Häßlichkeit des Vokabulars unbedingt auf tiefer liegendes verweisen; einer Stelle, der ich in den letzten Jahren immer wieder begegnet bin. Die Rede geht von Bewerbungs- und Empfehlungsschreiben.

Wenn wahr ist, dass Bewerbungs- und Empfehlungsschreiben die Vorzüge eines Menschen unterstreichen sollen (wo nicht sogar ein bisschen erfinden dürfen); und ferner wahr, dass die Vokabeln und Sätze der Bewerbungs- und Empfehlungsbriefe zu eben diesem Behuf mit Bedacht und Sorgfalt, ja nachgerade unter schweren Formulierungsmühen gewählt werden; wenn also in derlei Schaffensfrüchten die besten Kräfte darauf gewandt werden, die besten Seiten eines Menschen auf die beste Weise zu hervorzukehren, dann… ja, dann Stirbwohl, dann gute Nacht, dann Licht aus & Klappe zu; dann trägt das Abendland seinen Namen ganz zu recht, dann sind in ihm nur tumbe Nachtjacken und keine Hoffnung, dann ist der Untergang besiegelt und das Elend unermesslich.

…Dann

Dann wären wir umgeben von phrasenbleichen, mißschaffenen Geschöpfen, die ein hohltönendes Leistungssprech absonderten; dann hausten hierorts nur noch bestürzend unsympatische und dabei gleichförmige Masken, die mit hölzerner Sprache von ihrer seelischen Ödnis kündeten; Menschenlarven, in denen kein Funken Leidenschaft oder Lebensmut glömme; die sich „von Klein auf begeistert“ haben, „motiviert“ sind, ihre künftige Arbeitsstelle „spannend“ finden und so weiter. Und empfohlen würden diese armen Kreaturen durch ebenso kraftlose Zeilen, in denen beurkundet wird, sie hätten sich „stets zur vollsten Zufriedenheit“ und zwar bei „Kollegen und Vorgesetzten gleichermassen“ und man könne sich bei weiteren Fragen _„gern wenden“_… — Und wie ich wende!, nämlich das Blatt und mich und vor allem mit Grausen! —

Jedes Elend hat seinen Grund und so auch dieses. An der Oberfläche ist es eben der Arbeitsmarkt mit seinen Gepflogenheiten und seiner eigentümlichen Sprechart. Man solle, heißt es, das Bewerbungsdeutsch als eine Art Latein ansehen; als eine Chiffre, etwa für die Kopfnoten des Zeugnisses (Fleiss, Disziplin, Ordnung & Mitarbeit). — „Kopfnoten“ ist gut! Wenig kam mir je so kopfverächtend, wo nicht kopfverderbend vor, wie diese vier apokalyptischen Noten.

Und was wäre das überhaupt für ein Markt, dieser „Arbeitsmarkt“, mit seinem Seelenschacher, seiner neureichen Bewertungssucht, seiner verkrämerten „Ware Arbeitskraft“? Und alle, die bei diesem Spiel mittreiben, wissen wohl, wie abgeschmackt und mies es ist. Aber sie zucken die Achseln und sprechen im Gleichtakt etwas in der Art, dass man wohl nichts machen könne, denn irgendwie (in händeringendem Tone:) — irgendwie und nach irgendwelchen Kriterien müsse man doch auswählen. Oder, besser noch, (mit aristokratischem Stirnrunzeln, gleichsam den Zwicker im Aug’:) Der Verzicht auf Auswahl wäre unfair gegen die Leistungsträger der Gesellschaft.

Arbeitsmarkt und Sklavengeist

Was für eine Schmiere wird da gespielt? Jedes mal, wenn mir eine Bewerbung ins Postfach flattert (und es ist mancher Tage ein rechter Taubenschlag), weht mich das Elend an. Arbeitsmarkt, in dem Wort klingt ein Trost mit, ein Versprechen, ein jeder würde (wenn seine Bewerbungsmappe nur durch hinreichend viele Hände gegangen wäre), irgendwo „unterkommen“. Im Groben verhielte es sich wie mit den Töpfchen und den Deckelchen, die ja auch in kongruenten Mengen vorhanden wären… Ein romantisierender, hoffnungsschmarotzender Schmarrn. Erstens kann nunmal nicht jeder arbeiten. Nicht hier und zu dieser Zeit, it’s capitalism, baby! Es gibt keine drei Millionen freie Arbeitsstellen in Deutschland. Es gibt vermutlich nichtmal dreihunderttausend. (Und ich lasse einmal ganz unbesprochen, was erst noch mit der sogenannten „Industrie vier punkt null“ an überschüssiger Arbeitskraft in die Welt getreten werden wird.) Es ist wohl einsichtig wie irgendwas, dass selbst in einer idealen Welt sagenhaft leistungsbereiter, schlauer & talentierter Arbeitsenthusiasten diese drei Millionen nicht verschwänden. Ja, sogar wenn die Übrigen noch alle Firmen gründeten und Sprunginnovationen wie die Känguruhs machten. Es können einmal nicht alle am Markt gewinnen. Und die Verlierer fliegen eben raus. Dürfen nicht teilnehmen. Das ist das Spiel. (Ganz nebenbei hörte der hl. Markt ja auf, der hl. Markt zu sein, wenn er nicht diese Konkurrenz beinhaltete, die immer einen Teil der Anbieter leer ausgehen läßt. Sein Wesen und auch all seine unbestreitbaren Vorzüge liegen in eben dem existenziellen Druck, den er auf alle Teilnehmer ausübt. Es gehört nur eben zur Psychologie des Marktes, dass jeder sich einbildet, selbst nie Verlierer sein zu müssen.).

Mit anderen Worten: Ja, es geht um die schnöde Kohle, die Knete, den Zaster, das sich-dies-&-jenes-leisten-können; aber auch, und wahrscheinlich wichtiger noch, um Teilhabe an dem, was so Gesellschaftlichkeit und soziales Miteinander heisst; ferner auch um so Dinge wie Reputation und Selbstachtung. Es geht mithin um verdammt viel. Um ungefähr das, was gern auch die „Würde des Menschen“ geheissen wird, und, dem Vernehmen nach, unantastbar sei. Wer sich schon immer fragte, was das eigentlich sein solle, diese nebulöse „Würde des Menschen“, nun: Das. Beispielsweise das einfache Recht auf Wahrnehmung und Würdigung jenseits von Leistungs- und Marktkriterien. Einfach, weil man da ist! Jedes Bewerbungsschreiben, folgt daraus, ist ein Angriff auf die Würde des Menschen. Mein Taubenschlag quillt über von angetasteter Menschenwürde, die, zu allem Überfluss, darum bettelt, danach lechzt, nun auch noch von meinen auswählenden Griffeln befingert zu werden.

Da erhöht es die Tragik der Sache eher, dass dieser Angriff zur Hälfte Autoaggression ist. Ich gebe das ganz freimütig zu; Selbsterniedrigung spielt eine Rolle. Auf beiden Seiten. Natürlich spielen beide Parteien mit. Natürlich hat ein Jeglicher die Regeln des Spiels von Geburt an eingeatmet und sich entsprechend gemüht und gereckt; er preist sich in eben jenen schalen Worten, von denen er gelernt hat, dass es die Beschwörungsformeln seien, die Zugang zu eben diesem Spiel erwirken; das „Sesam öffne Dich“ zum „persönlichen Gespräch“, zum Praktikum, zur festen Anstellung; zum Mitspielendürfen & seligen Nichtausgeschlossensein. Es sind Vokabeln die der Bewerbling in irgendeinem verschämten Winkel der Gesellschaft aufschnappen muß (ganz wie sein Wissen über den Geschlechtsverkehr); Formulierungen, die gleichzeitig geheim und öffentlich sind; die er sich mühsam zurecht legt und dennoch auf jeder Website als Vorlage finden kann; Wortwendungen, an die er glaubt, ja glauben muss, wie er an sich und sein Leben zu glauben gezwungen ist, weil er doch in Glück leben will; Worte, die er zur selben Zeit hasst und gegen die er innerlich rebelliert; Sätze, deren Einandervorspielen aber – so glauben beide Seiten, Bewerbling und Personaler, felsenfest – zum Ritual gehören. Der Personaler erwartet den Schwachsinn und der Bewerbling liefert ihn. Beide wissen, dass es eine Farce ist und beide unterwerfen sich ihr mit beschämender, unwürdiger Bereitwilligkeit.

In diesem kurzen Moment aber, da sich zwei erwachsene Menschenseelen begegnen, die doch leichterdings ein Stück Wegs miteinander schlendern und verständig plaudern könnten; in diesem entscheidenden Moment der Begegnung, bei dem sie dann jedoch ein Rollenspiel vorziehen, dergestalt, dass einer sich aufs Unglaubwürdigste und mit den ausgeborgtesten, fadenscheinigsten Vokabeln preist, während der andere ihn noch ermuntert, als hätte es sein rechtes Bewenden damit; in diesem winzigen, fast lachhaft gekünstelten Moment aber offenbart sich ihrer beider Verlorenheit auf das Abgründigste.

Unnötig, anzufügen, dass Nichtbeachtung des Spiels durch nur einen der beiden dessen Ausschluss nach sich zöge; Nichtbeachtung aber durch die Meisten würde unfehlbar zum Einsturz des gesamten Betriebes und der Gesellschaft überhaupt führen. Davon sind alle überzeugt. Denn wie könnte eine Wirtschaft, eine Gesellschaft, eine ganze Zivilisation funktionieren, in der nicht die besten ausgewählt; in der nicht gesiebt, beurteilt, beworben und empfohlen würde?

Das Bewerbungsproblem, ernst genommen.

Die ganze Bewerbungssituation beruht auf einer Reihe von Fehlannahmen und ideologiegeleiteter Folgerungen, die ich hier nicht alle herzählen kann. Zu verfilzt ist der Stoff und zu langwierig wäre sein Entheddern. Damit mir der Text nicht ins Kraut schiesse, will ich mich fürs erste auf zwei Punkte beschränken: Erstens, auf die Darstellung der Problemklasse, denen das Bewerbungsproblem zurechnet und Zweitens, auf eine knappe Schilderung einer Phantasmagorie, die ich das „Meßfieber“ nenne. Späterhin, in anderen Aufsätzen, will ich dem am Bewerbungsdeutsch sich zeigenden (Un)Wesen dann auf seine tieferen Schliche kommen.

Lebenskomplexe Probleme

Die Probleme, um den Faden wieder aufzunehmen, mit denen sich ein Mensch im Verlaufe seines Leben konfrontiert sieht, sind von so unterschiedlicher Beschaffenheit, dass durchaus nicht dumm ist, sie anhand mehr oder weniger sinnvoller Sortierprinzipien einzuteilen. Es vereinfacht vieles, Probleme klassenrichtig, das heisst gemäß der Klasse, unter die sie rechnen, zu behandeln. Ein erstes Sortierprinzip für Probleme wäre nach Art der Lösungsstrategie: Gewisse Probleme lassen sich beispielsweise durch nachdenken lösen. Mathematische oder logische Probleme sind von dieser Beschaffenheit. Dann gibt es Probleme, die man durch ausprobieren lösen kann; reines, selbst noch so scharfes Hindenken bringt in solchen Fällen wenig. Die meisten naturwissenschaftlichen Probleme sind von dieser Art. Sie werden in der Regel durch schlaues Ausprobieren gelöst oder besser begriffen. Physik, Biologie, Chemie usw.: In diesen Bereichen bringt die Probiermethode viel. Dann wieder gibt es eine Reihe von Problemen, die vor allem Fleiß, Wiederholung und Hartnäckigkeit erfordern: Zum Beispiel Instrument- oder Spracherlernen. Eigentlich jegliche Fertigkeit und Erfahrungswissen wird auf diese Weise erworben; durch wiederholten Umgang mit einer Sache, bis man sie beherrscht, oder doch im Mindesten auf vertrautem Fuß mit ihr sich befindet. Und so fort; der Leser mag sich noch ein paar Problemklassen hinzu denken.

Schliesslich aber gibt es noch eine Klasse von Problemen, die ich „lebenskomplex“ nenne; sie verdienen sich diese Bezeichnung, weil das prototypische Problem dieser Klasse das „Leben bewältigen“ selbst ist. Es gibt, soll das heissen, keine allgemeine Strategie, mit der sich ein Leben gut bemeistern liesse. Egal, wie sehr man über sein Leben nachdenkt; egal, wie sehr man Fertigkeiten trainiert; egal, wie viel man probiert oder spielt und nur probeweise, im Konjunktiv, als Lebensentwurf einmal testet: Eine Strategie, die alle Lebenslagen abdeckt oder nur ein halbwegs verlässliches Mittel zu einem guten Leben wäre (ein Leben, meint die Bestimmung „gut“, halbwegs im Sinne der eigenen Vorstellungen geführt), so eine Strategie hat niemand noch gefunden.

Nehmen wir einmal an, es wäre so: Nehmen wir an, es gäbe eine Sorte von Problemen, die so komplex und krumm und seltsam ist, dass keine planvolle Strategie als optimal oder auch nur im Sinne einer erhöhten Erfolgswahrscheinlichkeit ausgezeichnet werden könnte. Welche Probleme — neben „Leben führen“ — fielen darunter oder klingen zumindest nach plausiblen Kandidaten?

Nun, hier ein erster Vorschlag: Lebenspartner finden zum Beipiel. Das kann gut gehen oder auch nicht; es gibt keine Möglichkeit, das im Vornherein heraus zu finden. „Drum prüfe, wer sich ewig bindet!“ – ach ja? Weiß denn der gute Friedrich (um Vergebung, dass ich ihn schon zum zweiten mal bemühe) – weiß er denn auch einen Rat, wie das anzustellen sei? Soll man ein Jahr auf Probe miteinander zubringen? Oder fünf? Und damit sei die Gefahr des Auseinanderlebens oder der Nebenbuhlerschaft oder des Irgendwasdazwischenkommens gemindert? Die Bindung ist die Prüfung.

Oder könnte vielleicht ein eigens einzurichtender Test- und Belastungparcour werdenden Eheleuten lebenslange (oder erhöhte) Sicherheit garantieren? Möglicherweise wäre ein auf „wissenschaftlichen Untersuchungen“ basierendes Assesmentcenter für Heiratskandidaten eine grandiose Geschäftsidee! Oder, dem allgemeinen Vernunftsverdrusse folgend, die Geschicke doch lieber in die Hände von „Berufenen“ legen? Die von Kupplerinnen, von Schadchen, von Pythien, von Schamanen? — Natürlich ist das alles verlorene, nunja, Liebesmüh. Es geht nicht! Keine Liebe und kein Bauchgefühl, kein Vernunftsgrund und kein Beziehungcoach können etwas dazu tun, dass es hält mit der Liebe; dass es mit dem lebenslangen Einanderbegleiten und Aufeinanderachthaben funktioniert. Sicher kann man vieles dafür tun, ja, soll sofort zugegeben und bestimmt sein, dass man viel für eine Beziehung tun muss; aber eine Garantie, dass es gut gehen wird oder auch nur glimpflich, die gibt es nicht; die kann es nicht geben. Die Gründe hierfür mag sich ausdenken, wer an den Gründen interessiert ist; es wird wohl etwas damit zu tun haben, dass es keine Lösung vor der Lösung gibt und das Leben sich nicht in irgendeiner komprimierten Form vor dem Leben selbst durchspielen lässt, um ihm dann wissender zu begegnen. Was auch immer es mit Komprimierbarkeit und Datenreduktion des Lebens auf sich haben mag, hier soll lediglich bedeutet und illustriert sein, dass es eine Klasse von Problemen gibt, denen man mit keiner Strategie begegnen kann, ausser der einen, trivialen, dass man sich Mühe geben will; dass man einen nicht zu kleinen und nicht zu kurzatmigen Willen mitbringt, die Sache irgend zu bewältigen; Strategie hin oder her.

Nun hat der Leser gewiss längst erraten: Unter eben diese Sorte „lebenskomplex“ rechnet das Bewerbungsproblem. Es ist ja gar nicht so verschieden vom Problem der Partnerwahl. Man sucht auch hier einen Menschen, mit dem man die meiste Zeit des Tages, fünf Tage die Woche, auskommen kann; auf den man zählen kann, der loyal, lebens- und fachklug & angenehm ist; kurz, man sucht einen Menschen mit allerhand Vorzügen und steht vor der Aufgabe, in gegebener Frist zu entscheiden, wer von den Kandidaten das Versprechen dieser Vorzüge denn auch einlösen wird. Nun, Freunde, Leser, Personaler, potentielle Bewerblinge! Ihr müsst jetzt, wie so oft im Leben, „resilient“ sein: Es gibt keinen besten Weg, dieses Problem zu entscheiden. Es gibt eine Reihe von Methoden, die alle ungefähr zum gleichen Resultat führen, nämlich dass man manchmal einen tollen Kollegen und oft genug auch eine Niete abgreift. (Und: Manchmal zombisiert dann ein einst toller Kollege nach fünf Jahren, während eine immerwährende Trauergestalt sich plötzlich „mausert“. Man weiss es einfach nie. Man kann es nicht wissen.)

How to become a Spezi

Ich möchte an dieser Stelle eine autobiographische Anekdote erzählen; gar nicht mal aus Erzählfreude, sondern weil sie im vorliegenden Zusammenhang lehrreich sein könnte. Also: In der DDR, meinem Geburtslande, gab es die sinnreiche Einrichtung sogenannter „Spezialklassen“. Das waren Abiturklassen (elf und zwölf) mit erweitertem Unterricht in einer Spezialisierungsrichtung. In meinem Fall handelte es sich um Chemie (und Naturwissenschaften); und die ganze Veranstaltung fand in der zauberspruch- und petrolchemie-umwehten Stadt Merseburg an der dortigen Hochschule „Carl Schorlemmer“ statt.

Nun konnte nicht jeder ein „Spezi“ werden; man hatte ein raffiniertes Aufnahmeverfahren ersonnen, um die Talentreichen von den Minderbegabten zu sondern. Das Verfahren dauerte eine ganze Woche und begann damit, in einem ersten Test das Vorwissen der Kadidaten zu testen (es wurden Klausuren in den wichtigsten Fächern geschrieben). Der fernere Verlauf sah dann eine Woche intensiven Unterricht vor und zwar über Stoffe, die derart fortgeschritten waren, dass ein Schüler von 15 oder 16 Jahren, selbst bei ausserordentlicher Vorbildung und brennendem Fachinteresse unmöglich schon mit diesen Dingen vertraut sein konnte; nach Wochenablauf wurde das neue Wissen in Klausuren geprüft. Das hatte den Hintersinn, auf diese Weise die Auffassungsgabe vom Vorwissen halbwegs getrennt begutachten zu können. Überdies erhielten die Lehrer im Unterricht einen Eindruck von Lebhaftigkeit, Mitarbeit, Sozialverhalten und was so an weiteren Faktoren in die Eignung eines Kandidaten hinein spielt. Am Ende gab es noch mit jedem Bewerbling ein etwa halbstündiges persönliches Eignungsgespräch und damit war das Aufnahmeverfahren beendet. Ichselbst muss mich während dieser Prozedur (wie ich später erfahren habe) nur mäßig gut geschlagen haben, denn ich landete im allgemeinen Ranking auf einem mittleren Platz. Da aber nur die Hälfte aller Bewerblinge angenommen wurde, lag die Abbruchkante gerade ein, zwei Plätze vor mir. Ich war aussortiert, ungeeignet, raus.

— Wäre ich gewesen. Wenn nicht zufällig ein paar Bewerblinge dann doch noch abgesprungen wären. So konnte ich „nachrutschen“ und wurde dennoch Spezi. Welch ein Glück! Es waren eine Zeit und eine Schule, das nebenher bemerkt, die sich gar nicht genug loben lassen. Gar nicht genug! Aber davon an anderer Stelle. Hier möchte ich zu der vorläufigen Pointe hinlenken, dass ich, nach Ablauf der zwei Spezi-Jahre, zu den Jahrgangsbesten gehörte. Ich teile das wirklich nicht mit, um anzugeben, sondern um die Hinfälligkeit und Nutzlosigkeit selbst eines so ausgeklügelten Auswahlverfahrens, wie des geschilderten, zu beweisen. Das System hätte einen (nach dessen eigenen Maßstäben) hervorragenden Kandidaten beinahe als ungeeignet aussortiert; es hätte versagt. Kein Korrektiv des Systems, sondern nur ein Zufall hat diesen Fehler vermieden. Wie viele Talente aber wurden tatsächlich fortgeschickt, entmutigt, nie gefördert? Ist nicht von schlagender Beweiskraft, dass selbst dieses wohldurchdachte System so eklatant scheitern kann? Wodurch noch rechtfertigt sich denn der getriebene Aufwand? Hätte man nicht, indem man sich nur auf das halbstündige Interview beschränkte, mit einer ganz vergleichbaren Ausfallquote rechnen können? Und: Wie würde man diese Ausfallquote überhaupt bestimmen können? Wirklich, wenn sogar das teure, langwierige und vielerprobte Talent-Scouting in der DDR nichtmal die ganz groben Fehlentscheidungen ausschliessen konnte, liegt die Schlußfolgerung nahe, dass kein System und kein Verfahren das Bewerbungsproblem auch nur halbwegs zuverlässig in den Griff bekommen kann.

Sinnlose Berufe

Die Methoden zur Bewerbling-Auswahl, wollte ich nahe legen, unterscheiden sich, wiewohl sie alle zu ungefähr dem selben Ergebnis führen, in ihrem Aufwand ganz erheblich. Ein paar Tage Assesmentcenter können locker zehn- oder zwanzigtausend Euro kosten. Was wenige wissen und noch weniger glauben mögen: Ein Telephonat und/oder ein kurzes persönliches Gespräch hätten ganz die selbe Erfolgsquote. Mit dieser Empfehlung soll auch ein für alle mal das Mißverständnis ausgeräumt sein, ich würde gleich alles Abwägen verwerfen und vertreten, dass jede Strategie so gut als ein aleatorisches Verfahren sei (Würfeln etc.). Das wäre natürlich Quatsch. Irgendeine Heuristik wird benötigt. Ich sage nur, dass alle Heuristiken ungefähr gleich gut (oder gleich schlecht) und überhaupt schwer in ihrer Güte beurteilbar seien; und ferner, dass die Heuristik unserer Intuition nicht so schlecht ist, wie ihr Ruf; zumindest nicht beim Bewältigen lebenskomplexer Aufgaben.

Nur könnten natürlich sehr viel weniger Menschen von so einem einfachen Verfahren leben; Abteilungen müssten geschlossen werden; der ganze Berufszweig der Personaler stürbe. Ich persönlich gönne diesen Menschen alles Gute und wünsche ihnen nichts schlechtes, aber sie sind einmal — beruflich! — ausserordentlich entbehrlich. Man verstehe mich auch nicht dahingehend fehl, dass ich diesen Personalern irgendeine Schuld an irgendeinem Mißstand anlastete. Um Gottes Willen, sie haben sich doch diesen Blödsinn genauso wenig ausgedacht, wie Soldaten sich den Krieg ausdenken. Sie sind nur eben die unnützen Idioten, die es dann tun. Und weil jeder Berufsstand mit einer gewissen, dem Selbstschutz dienenden Wahrnehmungsverzerrung einher geht, halten Personaler ihre idiotischen Tätigkeiten und Kriterien den größten Teil des Tages für wichtig, unternehmensförderlich, wo nicht sogar sittlichkeitshebend und in gewisser Weise heroisch. Sie sind sozusagen die Soldaten der bestmöglichen Crew, und zwar in vorderster Front.

(Ich glaube nicht, dass irgendein Personaler sich je in diese Zeilen verirrt. Andernfalls hätte ich mich selbstverständlich einer zartfühlenderen Sprache befleißt. Ich muss Sie, bester Leser, nur bitten, falls Sie einen Personaler kennen, ihm die Existenz dieses kleinen Aufsatzes barmherzig zu verschweigen, denn nicht um seine Demütigung ist es diesen Zeilen zu tun, sondern um die Offenlegung der Irrheit mancher als normal wahrgenommenen Vorgänge und Verhältnisse. Behalten wir diese Gedanken also unter uns und besorgen schweigend unsere Sache, ja?)

Kein Wort mehr gegen Personaler! Sie sind ja nur eine neuere Inkarnierung eines menschheitsalten Aberglaubens; namentlich dessen, lebenskomplexen Problemen durch Professionalisierung begegnen zu können. Aus dieser irrigen Hoffnung heraus entstanden immer wieder kuriose Berufsgruppen; es entstanden die besagten Kupplerinnen und Schadchen; es entstanden Schamanen, Seher und Hofweise; es entstanden Geishas, Psychoanalytiker und Lebenscoaches; es entstanden Werbe- und Vekaufsfachleute und eben Personaler, Headhunter und wie sie alle heissen. All diese Berufe verkörpern die sozusagen fleischgewordene Ratlosigkeit, welche die Menschen — berechtigterweise! — beim Bewältigen lebenskomplexer Aufgaben befällt; sie bezeichnen die auf halbem Wege stehen gebliebene Einsicht in die Unmöglichkeit, diesen Aufgaben mit einer Strategie begegnen zu können. Statt aber an dieser Wegesstelle sich ein Herz zu fassen und sie als ermunternden Fingerzeig, ja als Beweis einer grundlegenden Lebensfreiheit zu verstehen, wird die Ratlosigkeit schnell zur Mutlosigkeit und die wiederum wird, in noch schnellerem Regreß, zur Sehnsucht nach Autorität. Und weil nun nichts einen „berufenen Mund“ an Autorität übertrifft, wird der Mund eben berufen, das heisst, es wird dem Munde ein Beruf geschaffen. Der soll dann sagen, der soll weisen, der soll richten! — So schafft man sich die großen, lebenskomplexen Probleme scheinbar vom Halse, indem man das kleinere Problem sinnloser Berufsgruppen in Kauf nimmt. Wir lassen uns unseren Selbstbetrug gern etwas kosten. Natürlich ist gar nichts gelöst. Wir haben uns nur, zusätzlich zu den lebenskomplexen Problemen selbst, ein paar kostspielige Gestalten angehalst, denen wir den überaus lästigen Wahn eingeredet haben, sie könnten zur Problembewältigung beitragen.

Paarschiffe & Redereyen

Ein lustiges Beispiel für die sinnlose Professionalisierung lebenskomplexer Probleme geben Partnerschaftsbörsen ab. Das bekannte deutsche Datingportal „NAME DES DATINGPORTALS“ wirbt mit dem Slogan „Alle elf Minuten verliebt sich ein Single auf NAME DES DATINGPORTALS“. Alle elf Minuten, wie geil! Yay, instant Love! Da wird es niemand verargen, wenn wir uns rasch zwei dieser Minuten nehmen, um zu überschlagen: Laut Wikipedia hat NAME DES DATINGPORTALS 4,5 Millionen Mitglieder („riesige Auswahl“!). Wenn sich nun von denen alle 11 Minuten einer verliebt, macht das 131 am Tag, bzw. weil die Liebe in der Regel zwischen zweien statt hat, runden wir auf die nächste gerade Zahl auf: Macht 132 Frischverliebte/Tag. Auf die 4,5 Millionen gerechnet ergibt sich eine Wahrscheinlichkeit von 0,003% unter den Glücklichen des Tages zu sein (oder 99,997%, wieder einmal allein, mißvergnügt und unbefriedigt in Schlummer zu sinken). Nun. Mit dieser Trefferquote würde es ca. 23105 Tage dauern (mehr als 63 Jahre), damit die Wahrscheinlichkeit, selbst unter die 132 Sonnenkinder zu rechnen, auch nur 50% übersteigt! (0,99997 hoch 23105 < 0.5 ; Selbst wenn wir anstatt mit einem Tag mit der feinstmöglichen Granularität von 11 Minuten rechnen und (sehr) großzügig immer ein Paar anstelle einer Person ansetzten (dh. p(Verliebt)=2/4.5Mio pro 11Minuten), blieben es ca. 32,5 Jahre, bis die Wahrscheinlichkeit, sich zu verlieben größer würde, als 50%). Dreissig Jahre, damit die Wahrscheinlichkeit über ein halb steigt! Das muß der Fortschritt sein! — Sowas kommt bei der Professionalisierung lebenskomplexer Probleme heraus. Da mag es nachgerade unwirklich anmuten, dass man im wahren Leben durchschnittlich zwei oder drei Jahre benötigt, um sich zu verlieben. Selbst, wenn es zehn wären, wäre das Leben immer noch ein dreimal effizienterer Matchmaker als die Profis. Talk about sinnlose Berufe!

Aber es kommt noch besser. Denn es ist das Verlieben ja noch keine Lösung des Partnerschaftsproblems. Manche mögen mir einwenden, es wäre immerhin der Anfang einer Lösung; andere aber wenden mir (mit der selben Berechtigung) ein, es wäre überhaupt erst der Anfang des Problems. — Worüber wir dazu geleitet sind, einen weiteren Aspekt lebenskomplexer Probleme zur Sprache zu bringen: Den nämlich, dass man nie weiss, wie gut die gefundene Lösung oder die momentane Lebenslage eigentlich ist (bzw. wie schlecht). Oder, auf eine Lebensentscheidung gewandt (zB. Berufswahl, Umzug, Heirat etc.): Ob diese Entscheidung eigentlich ein Fehler war, oder nicht? Ob sie unser Leben zum Besseren oder zum schlechteren gewandt? Oder, auf unser Bewerberproblem gewandt: Ob der eingestellte Bewerber tatsächlich so katastrophal ist, wie wir glauben (oder ob nicht ein anderer uns gar die ganze Bude über den Häuptern abgefackelt hätte); bzw. ob nicht der nächste Bewerber ein Genie gewesen wäre (obwohl wir mit dem Eingestellten recht zufrieden sind). Auf all diese Fragen können wir keine Antwort wissen, weil sie den Vergleich mit einer Alternative suchen, die es nicht gibt; ein Vergleich, der, infolge der einfachen Tatsache, dass jedes Leben (und jede historische Situation) eben nur ein einziges mal stattfindet, nicht möglich ist.

(Angelegentlich: Selbst in einer Zeitschleife, wie in „Und täglich grüsst das Murmeltier“ würden wir alternative Handlungsmöglichkeiten nicht miteinander vergleichen können, weil wir entweder mit jeder Iteration mehr wüssten (und also nicht die selbe Situation wieder herstellten, sondern eine informiertere; wie ja auch in dem Film) — oder mit jedem Neubetreten der Zeitschleife („I got you babe…“) auch unser Gedächtnis gelöscht würde und also kein Vergleich möglich wäre. Es geht nicht. Das ist einer von mehreren Gründen, aus denen lebenskomplexe Probleme lebenskomplex sind. Vieles in ihnen geschieht nur ein einziges mal und kann nicht verglichen oder wiederholt oder in seiner Richtigkeit eingeschätzt werden.)

Und Zufriedenheit; wie steht es mit der Zufriedenheit? Wäre sie nicht ein untrüglicher Gradmesser des Erfolgs beim Bewältigen lebenskomplexer Aufgaben? Bzw. Unzufriedenheit? Weiss der zufriedene (unzufriedene) Mensch nicht, dass seine Wahl goldrichtig (ein Schuss in den Ofen) war? — Nein. Ich muss den Frager enttäuschen. Es weiss der Zufriedene genauso wenig, wie der Unzufriedene, wo er sich im Leben befindet. Er könnte sich gleich nebenan, vielleicht nur eine Entscheidung weiter, durchaus noch besser befinden — oder noch schlechter. Um aber das „Nebenan“ zu kennen, hätte man eben ein anderes Leben führen müssen; ja, wäre man recht eigentlich ein anderer Mensch geworden (gedenkt man, dass unsere Erfahrungen zumindest einen Teil unseres Charakters fortschreiben); und natürlich, im Fall, man befände sich „Nebenan“ gäbe es von dort aus (wo nicht wir, sondern ein leicht von uns verschiedener Mensch sich befände) genauso viel unerkundetes (und unerkundbares!) „Nebenan“. Zufriedenheit und Unzufriedenheit, bedeutet das, sollen weniger als Anzeiger, wo wir uns tatsächlich befinden aufgefasst werden, denn als Grad innerer Ruhe oder Unruhe; als Stärke unseres Antriebs, etwas zu verändern (selbst wenn wir oft genug verfehlen, diesen Antrieb dann auch in die Tat umzusetzen). Wo uns das hinführt; ob wir dem Antrieb der Unzufriedenheit (bzw. der sedierenden Wirkung der Zufriedenheit) besser nicht gefolgt wären, das läßt sich mithin gar nicht ermitteln.

(Überhaupt, das ins unzulässig Allgemeine gesprochen, neigen wir dazu, den Kommentar unserer Gefühle zu überschätzen. Man sollte ihre Einrede beachten, wie den Rat eines guten Freundes: Irgendwas ist meist dran, aber einen priveligierten Zugang zur „Wahrheit“ über unsere Lebenslage bieten sie nicht. Jeder bleibt, was oder wen auch immer er zu Rate ziehen mag, nicht mehr als jener Frosch in einem Kruge voller Milch, der vom Butterschlagen nichts wissen kann und blindlings rudernd mal diesem und mal jenem Traume hinterher hüpft. Die Aufgabe besteht darin, das Lächerliche des Gehampels zu durchschauen und dennoch geniessen zu können. Man muss, folgt daraus, eine gewisse Liebhaberei fürs Peinliche entwickeln, sonst bringt man es im Leben nicht weit.)

Und darf man nicht wenigstens vom zufriedenen Augenblicke sagen (im Gegensatz zur Lebenslage) — wenigstens vom zufriedenen Momente schliessen, dass er ein guter sei? Oder doch ein bessrer, als ein unzufriedener? — Unzweifelhaft fühlt er sich besser an. Aber er kann durchaus im Lichte späterer Lebenserfahrungen und der Volten, die zu schlagen dem Leben einmal beliebt, drastische Umwertung erfahren. Zufriedenheit kann späterhin als unbemerkte Saumseligkeit, wo nicht Verdrängung erscheinen; Unzufriedenheit als Ursache für Regsamkeit und ferneres Lebensglück; und so fort. Und weil es nun kein Ende dieser Bewertungsfunktion gibt, sondern wir den ganzen Ausdruck unseres Lebens immerfort aufs Neue und aus anderem Gesichtswinkel auswerten; und weil das Ende, das ihm der Tod unvermeidlich bereitet, ein ganz und gar willkürliches ist (dem auch nur in seltenen Fällen eine Generalauswertung mitgegeben); und weil, selbst im Fall wir eine Generalauswertung kurz vor dem Tode vornähmen, ich mich doch vehement dagegen verwahrte, dass wir lediglich für den letzten Kassensturz vor dem Tode lebten und unser Handeln von dieser hypothetischen, dürren und willkürlichen Stunde aus bewerten sollten; weil also fundamental unklar bleibt, was ein Moment im Leben eines Menschen tatsächlich bedeutet, will ich dieser Frage nach dem zufriedenen Moment mit der wohlmeinenden Ratlosigkeit begegnen, dass er wohl, so lange er gut scheint, auch gut sei und währt; und aber, wenn er sich denn als trügerisch und falsch erwiese, genauso vorläufig als falscher Moment fortgelten dürfe…)

Sekretärinnenprobleme

Lassen wir das trügerisch Allgemeine und wenden uns beschliessend und überleitungsweise noch einmal kurz dem Bewerbungsproblem zu. Es gab wohl Versuche (nichts soll beschönigt sein), dem Problem, trotz Lebenskomplexität und prinzipieller Aussichtslosigkeit, systematisch zu Leibe zu rücken. Eine der bekanntesten Behandlungen fand unter dem Namen „Sekretärinnenproblem“ statt: Darin wird eine (optimale) Strategie gesucht, um aus einer gegebenen Menge von Bewerbern („Sekretärinnen“), von denen einer nach dem andern begutachtet wird, den besten zu finden, ohne gleich alle ansehen zu müssen. Die Idee der optimalen Strategie lautet wie folgt: Erst verschaffe man sich durch eine Stichprobe Überblick über das allgemeine Leistungsniveau der Bewerber und dann nehme man den ersten Bewerber, der besser ist, als der beste Bewerber der Stichprobe. Unter den Nebenbedingungen, dass (1) Bewerber immer sofort nach dem Interview und wenn, dann engültig abgelehnt werden (i.e. nicht nach späterer Besinnung dennoch genommen werden können) und dass (2) die Anzahl der Bewerber feststeht, kann man zeigen, dass die optimale Stichprobengröße bei ≈37% der Bewerber liegt (1/e). Dann, so die streng mathematische Herleitung, wäre die Chance, mit dem nächsten besseren auch den optimalen Bewerbling abzugreifen, maximal.

Vermutlich bricht der Leser unterdessen schon bei der Wortbildung „optimaler Bewerbling“ in Lachen aus. Um Vergebung; ich habe mir das nicht ausgedacht; ich referiere es ja nur. Natürlich liegt der Fehler schon klaftertief in der Voraussetzung: Unter n Bewerbern, so will es die Aufgabe, gäbe es einen, der am geeignetsten wäre (bzw. man könne die Bewerber hinsichtlich ihrer Eignung in eine Reihenfolge bringen). Es ist der Zweck dieser Zeilen, genau diese Vorstellung fragwürdig zu machen.

Geben wir also, einander die Langeweile ausschweifender Wiederholungen zu ersparen, unsere bisherigen Einwände gegen die Einbildung einer objektiv vorhandenen Bewerber-Rangfolge in abgekürzter Form:

Erstens versagt uns die fundamentale Unbestimmtheit der Zukunft die genauen Eignungs- und Bewährungsumstände, unter denen der Bewerbling sich dann tatsächlich beweisen muss. Möglicherweise sind in wichtigen künftigen Situationen ganz andere Qualitäten erfordert, als die von uns für wesentlich gehaltenen (zum Beispiel Umsicht statt Erfindungsreichtum oder Beharrungsvermögen statt Teamfähigkeit etc.). Die selbe Unbestimmtheit der Zukunft kann (vielleicht wichtiger noch) bereithalten, dass ein Mensch gründlich aus seiner Bahn geworfen wird; was bislang an ihm war oder zu sein schien, kann umgeworfen, verschüttet, ins Gegenteil verkehrt werden. Es muss ihm dazu nichtmal etwas Einschneidendes oder gar Traumatisches widerfahren. Derlei Änderungen, Verkrustungen, Niedergänge können sich auch schleichend ereignen, und ein einst hochmotivierter, robuster und schaffensfroher Mitarbeiter kann (durchaus nicht selten) zu einem verzagten, mürrischen, kränklichen und manchmal sogar intriganten und verschlagenen Wesen sich wandeln. Man weisses nicht.

Zweitens, die Unmöglichkeit des Vergleiches mit den Alternativen. Das ist ein sehr viel stärkerer Einwand, als der erste (der für sich schon nicht von Pappe ist). Jetzt wird es prinzipiell. Denn jede Bestimmung läuft auf irgendeine Form der Vergleichbarkeit hinaus. Wo kein Vergleich, da keine Bestimmung. Das Meßbare kommt an seine Grenze, wo der Unterschied nicht feststellbar ist. Man müsste aber, um vergleichen zu können, zwei verschiedene Bewerber in zwei identischen Kopien eines Unternehmens einstellen. Und selbst im Fall wir eine solche Parallelwelt herstellen könnten, wäre nicht klar, wann (und wie) man bilanzieren soll? (Nach einem Jahr? nach zehn? beim Ausscheiden des Bewerblings aus dem Unternehmen? – letzteres wäre sicher die genaueste Bilanz, aber gleichzeitig erschwert sich das „Herausrechnen“ eines Einzelbeitrags zum Gesamtgeschehen mit der Zeit zusehends. Denn je länger (und unterschiedlicher) die Entwicklung der beiden hypothetischen Unternehmens-Kopien, desto weniger wird sich sagen lassen, was von den Unterschieden auf den Einfluß der eingestellten Person, und was auf die übrige Dynamik der Welt rückführbar sei.) Wenn aber ein Test unserer Hypothesen über die Eignung eines Kandidaten gar nicht möglich ist, dann sind unsere Hypothesen dazu verdammt, nie verifizier- und nie falsifizierbar zu sein. Alles, was wir uns im Weiteren Verlauf als Verifikation oder Falsifikation zusammenklauben mögen, ist im Sinne einer wissenschaftlichen Überprüfung nichts wert; es ist nichts weiter, als die Selbstbestätigung eines Observer-Bias. Wie gesagt: Man kann — man soll — Reihenfolgen machen. Aber man soll nicht auch noch glauben, sie drückten mehr aus, als unser subjektives Hoffen. Mit „objektiven Reihenfolgen“ hat das wenig zu tun; ja, es wird, eingedenk dieser prinzipiellen Unmessbarkeit, die gesamte Rede von „objektiven Reihenfolgen“ zuschanden; sie wird ähnlich esoterisch (gleichwenn schillernd und verführerisch), wie die philosophische Rede vom „Ding an sich“ (zu dem aber leider niemand einen Zugang haben könne).

Drittens schliesslich komme ich an den wichtigsten und bislang nur implizit mitgeführten Einwand. Hier ist die Stelle, ihn explizit zu machen: Er handelt von der Unmöglichkeit, Qualität restlos in Quantität überführen zu können. Diese schädliche Vermischung der Kategorien liegt dem Problem als Kern überhaupt zugrunde. Man verlangt zu messen, wovon nicht einmal klar, ja wovon sogar höchst zweifelhaft ist, ob es in einem herkömmlichen Sinne messbar sei. Dieses unbändige, oft suchtartige Züge annehmende Verlangen nach Meßbarkeit und Rangfolgen nenne ich das Meßfieber und es soll den Gegenstand des zweiten Teils dieser Schutzschrift abgeben.

Meßfieber

Epidemiologie

Die Sache ist ernst. Am Meßfieber laboriert unterdessen das gesamte Abendland; und hat das Morgenland längst infiziert; und muß der Welt überhaupt die ungute Diagnose mitgeteilt werden, dass sie recht eigentlich in all ihren bekannten Teilen febrös ist; geschüttelt von der Phantasmagorie, jedweden Vorgang oder Gegenstand — und insbesondere aber Menschen! — messen und in Reihen- und Rangfolgen bringen zu können.

Die Diagnose ist nicht neu. Wer nun aber wittert, dass es in der Konsequenz gegen den Kapitalismus gehen würde, wird sich enttäuscht finden. Ich ziele tiefer (was keinesfalls die Physiognomie des Kapitalismus meint); ich ziele aufs allgemein Menschliche; ich ziele in letzter Konsequenz auf das Wesen des Menschen und der Arbeit.

Bevor wir aber dahin gelangen, wollen wir gern zugeben, dass natürlich was dran ist, an der Beobachtung, dass namentlich das Bürgertum die rangmacherische Meßwut in praktisch jeden Lebensbereich getragen hat; dass die Menschheit, wenn man so sagen kann, das Entrinnen aus kirchlicher Umnachtung mit der Verwandlung des Messweins in Messfieber bezahlt hat. — Natürlich hat das Meßfieber etwas mit Kapitalismus, Wettbewerb, Markt, Geldwirtschaft und so weiter zu tun. (Dass der Wahn, es könne — ja müsse! — alles meßbar sein, vielen „sinnlosen Wettbewerben“ zugrunde liegt, findet sich angelegentlich, leicht profanisiert, aber dafür in schönster schwyzer Mundart von Herrn Binswanger untersucht und ausgeführt.) Auch wenn die Kritik von sinnlosen Wettbewerben und übergriffigem Marktliberalismus, wie wir sehen werden, nicht den Kern der Sache trifft, soll also nicht von der Hand gewiesen sein, dass erst mit dem Bürgertume eine krasse Durchrationalisierung des Lebens Einzug hielt, die selbst vor ganz marktfernen oder seeleninnerlichen Bereichen weder Halt noch Scham kennt: Nicht vor der Kunst, nicht vor Medizin und Fürsorge pflegebedürftiger Menschen, nicht vor der Wissenschaft, nicht vor der Quantifizierung des Glücks, oder (wie wir schon zu besichtigen kurze Gelegenheit hatten), der Liebe.

Man verstehe mich recht. Ich kritisiere nicht (was man bei derlei Kritik ja kennt), dass man überhaupt die Forderung erhebt, auch derlei „müsse sich rechnen“; ich bestreite, sehr viel grundlegender, die Meßbarkeit selbst! Es gehört zu unseren tiefsten Irrtümern, dass wir (indem wir achten, dass „es sich rechnet“) die Qualität „messen“ würden, von der wir glauben, dass sie sich in den Zahlen (Gewinnspannen, Zeiten, Rankings etc.) niederschlüge. In Wirklichkeit messen wir etwas vollkommen anderes. Was das Gemessene bedeutet, ist oft gar nicht einfach zu sagen (vgl. allein die klassische Kontroverse um die Interpretation des Wertes einer Ware). Was das Gemessene nicht bedeutet lässt sich hingegen klar angeben: Keinesfalls misst es eine Qualität; nicht eines Bewerblings, nicht eines Kunstwerkes, nicht einer wissenschaftlichen Arbeit. Niemand hat je eine Qualität gemessen. Qualitäten sind ihrer Natur nach gar nicht messbar; dazu müssen sie immer erst in Quantitäten umgewandelt werden. Diese Umwandlung geht, wie wir im Folgenden sehen werden, nie ohne Verlust vonstatten. Es wird letztlich das Verhältnis dieses Verlustes zum Gewinn sein, den wir versuchen abzuschätzen.

Vermessenheiten der Vermessbarkeit: Beispiele

Zuvörderst aber wollen wir kurz illustrieren, zu welcher Verrücktheit das Meßfieber unterdessen bereits erblüht ist; wie ganze Meßindustrien erschaffen wurden, um sich der Vermessenheit der Vermessbarkeit hinzugeben. Ich zähle das wirklich nur kursorisch her und bin mir ganz im Klaren, dass jedes einzelne Beispiel Stoff für unendlichen Disput bereit hält: Es geht nun aber genau nicht um die Einzelheiten dieser Dispute (die durchaus ihre Berechtigung und ihren Reiz haben könnten). Ich bitte den Leser sehr, den übergeordneten Aspekt aller Beispiele zusammengenommen in Rücksicht zu nehmen; jenen, dessen Darstellung mir angelegen ist, den nämlich der (Un)Meßbarkeit von Qualitäten.

Ein gutes erstes Beispiel geben vielleicht die allbeliebten Hitparaden bzw „Charts“ ab (früher durch die Firma „Media Control“ durchgeführte Erhebungen, welche Tonträger sich am besten verkaufen würden). Sie drücken, zumindest in der Art, wie sie das Reden über und den Umgang mit Musik bestimmen, die Qualität eines Musikstücks als Verkaufsrang aus. Dann wieder kenne ich niemanden, der ernsthaft auch nur an eine lose Korrelation von Musikqualität und Verkaufsrang glaubt; von Zusammenhang oder Kausalität ganz zu schweigen. Oder glaubt irgendwer ernsthaft daran? Lässt sich, verschärft nachgefragt, wahrhaftig daran glauben, dass sich die Qualität eines Musikstückes (allgemein: eines Kunstwerkes) überhaupt irgend messen lässt? Verhält es sich nicht vielmehr so, dass zuerst und zuwichtigst die Musik einmal für sich spricht? Zunächst dann, sehr viel weniger aussagekräftig, zeigt sie sich im Gespräch darüber, in einer Kritik etc. — durch das Weisen mehr oder minder nachvollziehbarer Gründe für das Wertschätzen eines Musikstückes. Und wäre das nicht schon alles was an Musik „messbar“ ist? Ich meine, jeder darüber hinaus gehende Anspruch ist Kokolores; mehr kann an Musik — an Kunst allgemein — gar nicht „gemessen“ werden (einen vertiefenden Betracht der Kunst, über Kunst zu urteilen findet der Interessierte hier.) . Dennoch mißverstehen Künstler, Publikum und Musikindustrie gleichermassen den Verkaufsrang als Anzeiger von irgendwas; und meist hat es auf verquaste Weise doch mit der Qualität der Musik oder des Künstlers zu tun. Der Leser mag selbst in sich hinein horchen, wie schwer es ihm fällt, sich vom Bestand der Beziehung Verkaufsrang-Künstlerqualität zu lösen. (Merke: Je lieber das Vorurteil, desto schauriger seine Konsequenz.)

An die Unsinnigkeit der Hitparaden (nicht im Sinne des Geschäftmachens; nichtmal im Sinne der Verbreitung guter Künstler; aber doch im Sinne einer Abbildung ihrer Qualität) — an diese Unsinnigkeit knüpft ruhmvoll die Unsitte der Ehrenpreise, Auszeichnungen und Pokale. Preise gibt es ja im Musikbusiness, wie auch im Schauspiel und anderen Bereichen der Kunst; Preise gibt es ausserdem in der Wissenschaft; im charitativen Bereich: Und, wenn man drüber nachdenkt, überhaupt in allen Bereichen, in denen sich keine „natürliche“ Wertigkeit herstellt (etwa eine, die über den Marktwert sich anzeigen könne). Wo kein Preis existiert, wird einer geschaffen. Was man nichts kaufen kann, das preist man. Es ist kein Zufall, dass beides Preis geheissen wird, sowohl der Marktwert einer Ware, als auch Kunst- oder Wissenschafts- oder sonstige Auszeichnungen. Preise werden immer dort verliehen, wo Markt und Politik enden; wo das Subjektive objektiviert werden soll; wo das Unmeßbare Würdigung erfahren soll; wo der Urteilsdrang sich zu einer Macht aufwirft; kurz, wo eigentlich unpolitisierbare Bereiche für irgendeinen Zweck politisiert werden sollen.

Ich gebe sofort zu, dass dieser Zweck oft die beste Absicht ist. Wie viele Preise heissen nicht „Förderpreis“? Natürlich verstehe ich den Drang, der Begeisterung oder Bewunderung für eine Leistung Ausdruck zu verleihen. Meinethalben soll man in die Hände klatschen oder die Arme verzückt in die Luft werfen oder gellend auf den Fingern pfeifen; auch vor Vergnügen mit den Füßen trampeln ist probat; aber von der Unsitte des Preisverleihens soll man ablassen. Denn wiewohl der Einzelne (Künstler, Wissenschaftler, Wohltäter, Organisation) von Preisen durchaus profitieren kann und wiewohl ein Preis oft ganz zu Recht verliehen wird, ist der Preise tatsächliche Wirkung nur das Schaffen unsinniger Wettberbe und Eifersüchte; die Förderung von Scheelsucht, Kabale und Haß; die Herrschaft der Willkür von Vergabegremien und Mäzenen; und letztlich das Stiften von Unruhe in Bereichen, die ihrem Wesen nach eigentlich die Ruhe- und Selbstfindungsbereiche der Menschheit sind. Und (worauf hinzuweisen sich diese Zeilen zum Auftrag gemacht haben) es wirken Preise auf ungute Weise an der Schaffung und am Fortwirken der Illusion mit, es würde eben doch eine Meßbarkeit in diesen Bereichen wohnen. Wohnt sie aber nicht. Dort hausen nur Kommitees, Preisrichter, Liebhaber, Stiftungskuratorien und so fort, die ihre zum hohlen Brauchtum verkommenden Würdigungen — und letztlich nur ihren Eigennutz exekutieren. Politik, mit anderen Worten. (Merke: Der Ehrenpreis ist der untrügliche Anzeiger des Unmeßbaren.)

Und so geht es munter fort. In der Wissenschaft (meinem eigenen Bereich) wurden komplizierte Indikatoren eingeführt, um die Qualität von Wissenschaftlern objektivieren zu können. Kein Scherz! Es mag unwirklich klingen, aber es stimmt. Googlen sie mal „citation index“ oder „Hirsch factor“. Angelegentlich spielen diese Metriken natürlich eine Rolle auf dem Arbeitsmarkt; es entblöden sich Universitätspersonaler und Berufungskomissionen (die selber Wissenschaftler sind!) nicht, Wert und Qualität eines Wissenschaftlers in ein oder zwei Zahlen abzubilden; nichtmal der vier Kopfnoten will man noch benötigen. (Ganze Universitäten werden gerankt, wobei dann sogar eine einzige Note ausreicht.) Die es eigentlich am besten wissen müssten; deren Beruf nachgerade ist, zu entscheiden, was meßbar ist und was nicht, fallen auf einen derartigen Blödsinn herein und es kostet mich jedes mal Stunden ermüdendster Debatten, um die Fragwürdigkeit dieser Praxis auch nur ein bisschen einsichtig zu machen. Nicht, dass es irgend etwas ändern würde. Sie verstehen die Argumente wohl; sie mögen ihnen sogar beifallen; aber sie kehren an ihren Platz zurück und fahren dort fort, als wäre nichts geschehen und als wüssten sie es nicht besser.

Gleiches gilt für die Vergabe von Geldern für Forschungsvorhaben: Auch hier ist die unbelehrbare Einbildung am Werke, man könne objektiv die Qualität der Vorhaben einschätzen und in eine Rangfolge bringen. Da werden buchdicke Anträge verfasst; die dann fast ebenso umfangreiche Gutachten erfordern; da gibt es Projektträger, Innovationsagenturen, die aus dem Antragswesen ein Geschäft machen und so fort. Was da an Zeit, an Geld, an Aufwand, an Lust und Frust verschleudert wird, das malt sich keiner aus. Doch niemand, kein einziger, der in diesem Betrieb mitmacht, hat mir je zugegeben, dass es ein hoffnungsloses, sinnloses Unterfangen wäre. Irgendwie, heisst es dann, müsse man eben urteilen, die Spreu vom Weizen trennen etc.; Sie kennen diese Rechtfertigungslyrik ja bereits vom Bewerbungsproblem. — Im Übrigen findet sich denn auch folgerichtig der selbe fahle Beamtensprech, die selbe bewerbungsdeutsche Pestilenz in den Forschungsanträgen: Was da an klanghässlichen und windmacherischen Vokabeln posaunt wird (wir Wissenschaftler nennen das Antragschreiben auch liebevoll „Buzzwordbingo“); was da an Innovations- und Zukunftsdeutsch aus den Absätzen schwallert, das muss selbst sprachpraktische Wiederkäuer und Saumägen zum Kotzen bringen! — Davon, dass sich das Antragsunwesen selbstredend als der Nonsense entpuppt, der es ist, sobald man einmal, nunja, nur halbwegs wissenschaftlich auf die Sache schaut, davon muss ich wohl nicht groß Erwähnung tun. Sie werden es geahnt haben. (Merke: Für die Grundlagenforschung sind Förderanträge der Tod. Sie haben allenfalls eine Berechtigung in der angewandten Forschung, bei der es ja dann tatsächlich auch anhebt, um Quantität zu gehen.)

So liesse sich fortfahren, Seiten mit Beispielen für das queckenhafte Wuchern der Meßindustrie zu füllen, um das Ausmass der Fieberbrunst zu verdeutlichen; mit Absätzen über Rating-Agenturen etwa; oder über „Impact Faktoren“; über Schulnoten natürlich; selbst über die Werbeindustrie wäre, nimmt man es streng, ein diesbezügliches Wörtchen zu verlieren — aber das schüttete an sich nur Bekanntes zu Bekanntem; und gern wollen wir an dieser Stelle schon von der Beschreibung zur Erklärung abkürzen. Denn eigentlich können wir unsere Hauptfragen bereits aus den gebrachten Fällen destillieren: Welches nämlich der Unterschied zwischen Qualität und Quantität sei?; durch welcherlei Operationen man diese in jene umwandle?; warum wir in der Meinung sein müssen, dass dabei ein wesentlicher Verlust statt hätte?; und welcher Art und Größe schliesslich besagter Verlust sei?

Modulo (Qualität zu Quantität): Der Rest

Setzen wir noch einmal beim Bekannten an; bei dem Vorwurf, der Kapitalismus objektiviere, entwerte, verheize den Menschen; beginnen wir nocheinmal mit der Moderne. Die Moderne (ganz unabhängig einmal von den herrschenden Machtverhältnissen) ist vielleicht ideengeschichtlich in eben dem flächenbrandigen, fulminaten Ausbruch einer Brunst des Meßfiebers am ehesten auf ihren Begriff gebracht.

Nicht von Ohngefähr wird ihr Beginn gemeinhin mit der Erfindung der klassischen Physik durch Galilei und Newton identifiziert; nicht von Ohngefähr beginnt sie mit dem berühmten Ausspruch Galileis, es sei das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik abgefasst. Es war ja der Rausch eines ungeheuren Umsturzes: Die Natur, auf Jahrtausende intimste Feindin des Menschen, drohend und nährend zugleich, wurde nun dem Menschen dienstbar; endlich musste er nicht mehr stumpfe Verrichtungen an ihr vornehmen, sondern konnte sich in die weit edlere Unternehmung stürzen, lediglich noch ihre Kräfte in eigens vorberechnete (!) Bahnen zu lenken (Öfen, Kolben, Schaufelräder, Dampfmaschinen). Welch ein Triumph! Die große, unermeßlich mächtige Natur, deren grausame Launenhaftigkeit seit jeher dräute und geißelte (als Krankheit, Mißernte, Elementgewalt, als hartleibige und widerwillige Ernährerin) — nun wurde sie enträtselt und in Formeln gepreßt; aus Wildnis wurden Gärten; aus Frohn Lust; und Jahr für Jahr (man konnte förmlich zusehen) trotzte ihr die Menschheit ein weiteres Quant Sicherheit und Vorhersagbarkeit ab.

Mein Freund Peter Beurton, Philosoph, Frohgemut und Hebamme dieser Gedanken, pflegt diesen Beginn der Moderne (und der klassischen Physik) so auszudrücken: Es sei, sagt er, „der Umschlag von bewegten Substanzen zur substantiellen Bewegung“ gewesen — und in diesem Wort schon scheint die Inthronisierung des Meßbaren auf. Vom Hauptwort der „Substanz“ (die ja etwas Erfahrbares ist) geht die Verwandlung zur „Bewegung“ (die etwas Meßbares ist).

(Daß natürlich die Natur nie beherrscht werden kann; daß der Mensch ihr unverlierbar angehört (und sie ihm); dass die Natur diesen Allmachtsphantasien immer wieder durch kleine und große Katastrophen ein deutlich vernehmbares „Kusch Dich!“ entgegen schleudern wird; dass die Natur auch im Innern des Menschen selbst ungezähmt und unberechenbar wie eh fortwütet; dass kurz, dem Ganzen ein selbstvergessener Überschwang eignet, sei meinethalben eingeräumt. Adorno und Horkheimer fanden diesen Gedanken wichtig. Mir kommt er schlicht vor. Er spielt zumindest für die Gedanken, die wir ferner entwickeln wollen, eine mindere Rolle.)

Die Rede vom Umschlag „Substanz“ zu „Bewegung“ bringt uns auf die rechte Fährte: Auch wenn dieser Umschlag mit der Moderne (und dem sie begeleitenden Menschentypus des Bürgers) dramatisch befördert wurde, hatte er doch schon vordem statt. Im Grunde war schon immer der Fall, dass der Mensch Substanz in Bewegung verwandelt hat; dass er die Natur, die ihrem Wesen nach „das Unverfügbare“ ist, in etwas Verfügbares verwandelt hat. Die Verwandlung des Unverfügbaren in Verfügbares nun macht die Essenz des Unterschiedes zwischen Qualität und Quantität.

Oder doch zumindest eine Möglichkeit, diesen Unterschied aufzufassen. Denn es gibt, wie bei jedem philosophischen Begriff (bzw. Begriffspaar) auch bei diesem mehrere Möglichkeiten der Annäherung und Explikation. Wir wollen zwei Deutungsweisen wählen: Eine analytische und eine pragmatische; eine die sich aus der Intention der Begriffe und eine, die sich aus dem praktischen Tätigsein ergibt; und werden ferner finden, dass ein Zusammenhang zwischen beiden Bedeutungen besteht:

Qualität, so die analytische Deutung, sei jenes Spezifikum, jene nennbaren Eigenarten, die ein Ding von anderen unterscheiden; sie sei als nie verschwindender, irreduzibler Unterschied verstanden, der eine Sache von anderen trennt und sie dadurch überhaupt erst weisbar macht. In gerade die andere Richtung zielt nun die Quantität: Sie nimmt, was gleichartig an den Dingen erscheint, um sie einander zuschlagen zu können. (Nicht deckungsgleich, aber immerhin in die selben zwei Richtungen weisend, ist die philosophische Unterscheidung von Intension und Extension eines Begriffes; erstere hat mit seinen Qualitäten, letztere mit seinen Quantitäten zu tun.) Das mag alles sträflich verkürzt und unvollständig sein, aber den Gedanken zeigt es, meines Dafürhaltens, hinreichend an: Qualität verweist auf die Möglichkeit des Unterschiedmachens; Quantität auf die Möglichkeit des Gleichartigmachens.

Beides, sowohl das Unterschied-, als auch das Gleichartigmachen, müssen wir aber auch als (geistige) Operation verstehen. Worüber wir zum pragmatischen Verständnis von Qualität und Quantität geleitet sind: Die Fähigkeit zur Gleichartigmachung fällt wesentlich ineins mit der Fähigkeit zur Verfügbarmachung. Auch wenn es zunächst nur als eine Operation des Verstandes erscheint, das Vielfältige zu einer Einheit zusammenzuziehen, nimmt sie das Entscheidende der tatsächlichen Praxis schon vorweg. Dieses Wesentliche besteht nämlich im Ignorieren der Eigenarten, im Absehen von den Unterschieden, kurz, im Vereinheitlichen — zu eben dem Zweck, eine Tätigkeit am Qualitativen ausüben zu können; um es in das Substrat einer Tätigkeit zu verwandeln; um es dieser Tätigkeit verfügbar zu machen. Das können einfache Tätigkeiten wie das Abzählen (auch im Geiste) sein, oder komplexe Tätigkeiten wie das Fördern von Öl oder Erz, oder deren Umwandlung in Kunststoffe oder Mikroelektronik. Stets erfordert eine Tätigkeit, dass, was man ihr zuführt oder unterwirft, auf einheitliche Weise durch sie erfasst und beeinflusst werde — und dies ist genau der Prozess, bei dem Qualität in Quantität verwandelt wird!

(Jede Tätigkeit, ganz gleich was ihr konkreter Inhalt oder Sinn sei, zeichnet aus, dass sie die durch sie ergriffenen Gegenstände auf irgendeine Art gleichartig macht (und sie im Übrigen auch erst zu den Gegenständen macht, als die sie in dieser Tätigkeit aufscheinen). Allein der Fakt, dass Tätigkeiten zielgerichtet sind und einen Zweck verfolgen, weisst darauf hin, dass sie eine Art vereinheitlichte (und vereinheitlichende) Operation darstellen. Der Zweck (jenes spezifische Ursache-Wirkungs-Verhältnis, das erst mit der Entstehung des Lebens in die Welt trat und die wesentliche Kategorie des Lebens ist); der Zweck ist letztlich nichts anderes, als die Bezeichnung der Fähigkeit des Lebens, einen vereinheitlichenden Zugriff auf die Welt zu haben. Tätigkeiten und Zwecke sind die spezifischen Schnittstellen der Biologie; durch sie werden Stoffwechsel und Fortpflanzung ermöglicht. Soweit, äußerst knapp und andeutungsweise, von der naturphilosophischen Weiterung dieses Betrachts und dem tieferen Verständnis jener Prozesse, die wir gewohnt sind, „Tätigkeit“ zu heissen.)

Dem Meßfieber also, um mit unseren überfeinerten Begriffen neu anzusetzen, dem Meßfieber liegt eine grundlegende praktische Operation zugrunde; die nämlich der Aneignung (Verfügbarmachung). — Aha! Da wähnen sich zumindest Marxist & Hegelianer endlich auf sicherem Grunde! — Damit soll auch bedeutet sein, dass „Aneignung“ an sich nichts Verdammenswürdiges ist; die Umwandlung von Qualität in Quantität ist schon dem Tier notwendig; und wieviel notwendiger erst dem Menschen! Ich bemerke das mit Seitenblick auf jene emanzipatorischen Träumer, die jegliche Herrschaft; jegliche Aneignung und Verfügbarmachung der Natur moralisch verdammen und sich einen reinen, naturversöhnten Menschen wünschen. Es ist, muss man kalauern, die Natur des Menschen, dass er sich Natur immer aneignen wird, um sie zu beherrschen; daraus folgt natürlich auch eine spezielle Verantwortung. Kritikwürdig ist nicht, dass er (wie letztlich jedes Lebewesen) von der Aneignung lebt; kritikwürdig ist lediglich deren Übertreibung; ihre Verabsolutierung und vor allem die Naïvität, sie käme ohne Kosten daher.

Die Kosten; reden wir endlich über die Kosten! Wir wollten ja wissen, was angelegentlich des Vollzuges der Aneignung eigentlich verloren ginge: Ganz einfach, die Qualität. Wir müssen, was die Qualität ausmacht (die Unterschiede), zu einem gewissen Grade unterschlagen, wenn wir sie in eine Quantität verwandeln (i.e. verfügbar machen; aneignen). Oft fällt der Verlust gar nicht weiter ins Gewicht, oder wird durch die Vorteile der Verfügbarmachung bei Weitem aufgewogen. Manchmal kann der Gewinn der Aneigung den Verlust der Qualität jedoch nicht mehr begleichen. Dann zerstören wir in der Aneignung genau dasjene, dessen wir eigentlich habhaft werden wollten. Dann übertreiben wir es mit der Aneignung; dann sollten wir innehalten. Stattdessen aber, so wir des Rufes nach Innehalten nicht gewahr werden, wirken wir, möglicherweise sogar aus Wut des Erstrebten nicht habhaft werden zu können, wie im Fieber fort, sinnlos betriebsam und unverständig; verlassen vielleicht nicht von allen, aber mit Sicherheit doch von den meisten der guten Geister; dann sind wir von Meßwut befallen.

Den Löwenanteil aller Aneignung vollzieht der Mensch durch Arbeit. Indem er arbeitet, richtet der Mensch die Natur zu und sich in ihr ein; unterwirft er sie seinen Zwecken und formt sie in Gegenstände, Stoff- und Energieströme zu seinem Nutzen und nach seinem Belieben um; erzeugt er eine Art ökologischer Nische (die Zivilisation), die (mit Hutchinson gesprochen) gleichzeitig seine Selbstrealisierung ist; eignet er sich also nicht nur die ihm äussere, sondern auch seine innere Natur an. — Und da sind wir, auf gelehrsame Weise vielleicht, aber doch eigentlich recht stracks wieder auf das Bewerbungsproblem zurück gekommen; auf die philosophische Ursache nämlich der entmenschten, trostlosen Sprache von Bewerbungsschreiben, des ihr zugrunde liegenden Geheimnisses: Dass einer sich (seine Natur, das eigentlich Unverfügbare an einem Menschen!) der Aneignung preis gibt, dass er seine Qualität als ein Meßbares formulieren will; dass er sich von einem Subjekt in ein Objekt zu verwandeln trachtet — all das geschieht in dem einfachen Prozeß der Arbeit, genauer, des Einspeisens der Person als Arbeitskraft — als Bewerbling — in den Arbeitsprozess, der gleichzeitig jene Tätigkeit, jener Prozess seiner Objektwerdung und seiner Quantifizierung ist. Um den Preis, offensichtlich, sich selbst zu verleugnen und letztlich zu verlieren. Um den Preis, will mir scheinen, des Wesentlichen; dessen nämlich, was ihn, eben jenen speziellen Menschen, ausmacht. In der Arbeit, kann man sagen, findet und verliert sich der Mensch zugleich; erschafft er und zerstört er sich; findet er auch und verliert er seine Würde. Denn was beträfe diese Würde intimer, als seine Qualität, die, wir entsinnen uns, das Spezifikum ist, das jeden einzelnen Menschen auszeichnet und ihn unterscheidbar und weisbar macht?

Es hat, will ich noch einmal betonen, weniger mit dem Kapitalismus als mit der Arbeit überhaupt zu tun. Wenn richtig ist, dass der Mensch das werkzeugmachende Tier ist; und Werkzeug nichts anderes bezeichnet, als das spezifisch Menschliche der Tätigkeit, die wir Arbeit nennen; wenn also der Mensch sein Menschsein durch (werkzeugvermittelte) Arbeit realisiert, dann liegt das Problem der Verfügbarmachung seiner inneren Natur (=Umwandlung seiner Qualität in Quantität) in eben diesem Prozess des Menschseins selbst; dann sind das Bewerbungsproblem im speziellen, wie auch das Meßfieber im allgemeinen, Symptome seines Menschseins.

Was tun?

Well. (Well, well, well.) Niederschmetternde Worte. Es klingt wenig ermutigend. Solange der Mensch fortfährt, Mensch zu sein, scheint aus den obigen Zeilen zu folgern, solange wird sich nichts an der peinigenden und trostlosen Situation der Bewerbung ändern lassen; ja, steht sogar zu befürchten, dass die Situation sich noch verschlimmern wird: Immer mehr Menschen bevölkern den Planeten, während immer weniger künftig noch in produzierenden und wertschöpfenden Prozessen benötigt werden. Also wird der Druck, die Tendenz zur Quantifizierung der Qualität, in Zukunft noch anwachsen.

Realistisch besehen ist das Meßfieber eine Erkrankung des Geistes, die jedoch — wie jedweder Irrsinn — eine materielle Grundlage hat. Solche Geisteskrankheiten gehen nicht einfach weg; sie zu besiegen muss zunächst überhaupt ein Leidensdruck herrschen (zu dessen Entstehung diese Zeilen beizutragen wünschen) und ein Bewusstsein des Siechseins überhaupt; sodann muss aus dem Leidensdruck ein Wille erwachsen, sich des Wahnsinns zu entschlagen; und danach geht es überhaupt erst los: In therapeutischen Serpentinen; mit Rückschlägen und Fehlgängen ist zu rechnen. Ankunftszeit und -ort bleiben ungewiss. Das sagt die Erfahrung und so wird es denn wohl auch gehen. Man rechne mit ungeheuren Wegeszeiten und verproviantisiere sich nicht zu knapp!

Immerhin will ich ein paar Hinweise geben. Kann sein, ich weise in die falsche Richtung; was weiss denn ich? Ich stelle mich nur auf die Zehenspitzen meines Verstandes; viel mehr kann ich nicht tun, nicht in solchen Aufsätzen. Es kommt aber (wie bei allen lebenskomplexen Problemen, wir entsinnen uns) weniger darauf an, die richtige Strategie zur Hand zu haben; es kömmt drauf an, einen Willen zum Problem zu entwickeln.

Kommen wir also, indem wir, was da an Problemen auf die Weide getrieben ward, nun wohlgemästet wieder zusammen treiben, an unsere Konklusio: Zuerst vielleicht dies, dass ich natürlich nicht; an keiner Stelle; nirgends dazu aufrief, das Bewerbungsproblem nicht in Angriff zu nehmen. Natürlich muss man entscheiden. Am Ende wirft man mir noch vor, ich würde eine Welt ohne Entscheidungen propagieren! So einen Blödsinn mag vertreten, wer will; ich bestehe natürlich, wie jeder Mensch von Sinnen, darauf, dass eine Entscheidung getroffen sein will; in Bewerbungsdingen, wie in Lebensdingen. Lebensphilosophien, die so lange als möglich im Konjunktiv verharren möchten, sind mir suspekt. Denen halte ich das alte Diktum entgegen, dass, auch wer im Konjunktiv lebt, doch letztlich im Indikativ sterben müsse. Dass, mit anderen Worten, durchaus Sachzwänge und Zeitnöte existieren; dass man entscheiden (und Fehler machen) muss; dass man letztlich nur im Indikativ wächst und sich entfaltet.

Kein Aber also wider das Entscheiden selbst. Anknüpft sich nur eben eine Reihe von Einschränkungen und Kritiken an der statthabenden Praxis: Erstens (und vielleicht einsichtigstens) den immensen Aufwand betreffend, den wir in diesen Dingen treiben. Wir haben gesehen, dass lebenskomplexe Probleme (eine Reihe von) Entscheidungssituationen markieren, für die es keine Möglichkeit gibt, Strategien zu entwickeln und zu testen. Also ist jede halbwegs vernünftige Strategie viabel. Daraus folgt: Man entprofessionalisiere diese Bereiche schleunig! Die Schaffung unnötigen Expertentums, wo es keinen Experten geben kann, hat überhaupt keinen Sinn; es lässt sich nicht nachweisen, welchen Aufwand man auch immer triebe, dass Professionalisierung und Standardisierung diese Entscheidungssituationen handhabbarer machen oder bei der Entscheidung selbst Vorteile bringen; im Gegenteil, der erhöhte Aufwand erzeugt seinerseits ganz unsinnige Probleme und Nöte; die verschleuderten Energien gehen ja nicht zu irgendeinem imaginären Fenster hinaus, sondern sie wirken in der Gesellschaft fort; sie erzeugen schlechtes Deutsch, sie verschwenden der Beteiligten Lebenszeit, sie veranlassen die freudlosesten und blödsinnigsten Wettbewerbe; kurz, sie bringen gewaltige Mengen Hohlheit und taubes Gestein in eine Gesellschaft, die ohnehin nicht eben reich mit Fundstellen für den Lebenssinn und -fülle gesegnet ist.

Konkret, auf das Bewerbungsproblem gewandt: Es ist genauso gut, wie irgendwas, ein kurzes Gespräch mit dem Bewerber zu halten; halbe Stunde genügt. Er kann sich beispielsweise per Email oder Telephon anmelden; es reicht vollkommen, dass er seinen Wunsch, eingestellt zu werden, vorbringe und ein Gesprächstermin vereinbart wird. Dabei kann man beiläufig abverlangen, was man an Vorabinformation zu erhalten wünscht: Zeugnisse, tabellarischer Lebenslauf, Kontakt zu bisherigen Arbeitstellen; was immer man für die Bildung eines Vorurteils als sinnvoll erachtet. Den üblichen bewerbunsgdeutschen Rhabarber kann man sich komplett schenken. Der Rest ist Erfahrung, Menschenkenntnis, Bauch-Heuristik (die ja auch geübt sein will!) und gemeinsames Beratschlagen. And that’s it! Keine Anschreiben, keine Empfehlungsschreiben, keine blöden Standardfragen („Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“), keine übertriebende Vereinheitlichung der Situation. Der Bewerbling darf sich geben, wie er ist (soweit es ihm die Aufregung gestattet); man begegnet einander, so gut es eben geht, im jeweilig „natürlichen“ Habit und bringt sich wechselseitig entgegen, was da Wertschätzung heisst. Im Übrigen lässt man den ekelhaft professionalisierten, uneigentlichen Umgang miteinander.

Das Ganze lässt sich verallgemeinern: Zu der Forderung, die Meßindustrie zu entprofessionalisieren (i.e. abzuschaffen; meinethalben peu a peu) und zu dem Rufe, zur Heuristik eigener Lebenserfahrungen zurück zu kehren; sie zu stärken und zu fördern. Denn wenn man ehrlich ist, bleibt diese Heuristik doch sowieso im Hintergrunde wirksam; wir akzeptieren ja gar keine Entscheidungen, die ihr streng zuwider laufen; das Ganze ist sowieso alles nur ein gewaltiges Aufblasen von Dingen, die wir längst wissen. Kein Mensch würde sich von einem Personaler einen Bewerbling einhelfen lassen, von dem er selbst nicht auch einen halbwegs guten Eindruck hat; das Ganze kocht sich am Ende immer wieder auf Menschenmaß ein; und könnte genauso gut auch in der Zwischenzeit auf diesem Niveau gehandhabt werden.

Qualitäten kennen statt messen

Man kann Qualitäten nicht messen. Die Messung wandelt sie unvermeidlich in eine Quantität um. Es gibt aber, bedeutet die Rede vom „Menschenmaß“, eine Lösung. Die zu illustrieren nehme der Leser nur seine eigenen Erinnerungen und Erfahrungen aus der Schule her: Er wird sich wohl seiner Einschätzungen der Mitschüler entsinnen. Also daran, wer von denen „es drauf hatte“; wer eine „Lusche“ war; welche kompensatorischen Qualitäten die Lusche vielleicht neben den schulischen Leistungen dennoch hatte und so weiter. Man kann getrost davon ausgehen, dass auch die Lehrer ganz gut über derlei im Bilde waren; und dass ferner beider Bilder — das der Lehrer und das der Schüler — nichtmal allzu stark auseinander klafften. Erstaunlich, diese Erinnerung, nicht wahr? Es herrschte in der Schule offenbar eine allgemeine Informiertheit über Qualitäten! Natürlich hat das auch was mit Leistungskontrollen und regelmässiger Beobachtung von Verhalten in Bewährungssituationen zu tun. Gegen die (wie schon oft beteuert) kein Einwand. Aber — und das ist der Punkt — es stellt sich bereits im Miteinander; im gegenseitigen Beobachten, Vergleichen, Aufeinanderachthaben; kurz: Im Zubilligen des Besonderen (i.e. in dessen Unvervügbarbleiben) und also der Würde jedes Einzelnen! — eine Kenntnis (wem „Kenntnis“ ein zu starkes Wort ist: ein Eindruck), ein Eindruck also von den Qualitäten der anderen her. Über die Lehrer, über die Mitschüler, über das Kollektiv als Ganzes und so fort. Die Möglichkeit dieser Kenntnis halte man im Herzen! Sie soll als Beweis dienen, dass Kenntnis möglich ist, ohne die Würde eines Menschen anzutasten. Qualitäten, soll daraus folgen, kann man zwar nicht messen, aber man kann sie kennen.

(Gleiches gilt, dies nur mit grobem Pinsel ausgeführt, für die Qualität(en) von Wissenschaftlern. Die derzeitige Praxis erschwert es zusehends, von der Qualität der Mitwissenschaftler Kenntnis zu erhalten. Anonymes Peer-reviewing (ein Gutachterverfahren mit unbekannten Gutachtern), Mega-Tagungen mit Keynotes von Wissenschaftler-Stars, sodann natürlich der Wettbewerb um Geld und Reputation, komplexe Metriken usw. — all das erschwert den kenntnisbildenden Umgang miteinander. Eine grundlegende Veränderung dieses Umgangs macht sich nötig, namentlich und zuvörderst der Publikations- und Gutachter—Praxis. Denn dies ist der wichtigste Ort, an dem Qualität eingeschätzt wird und Diskussion stattfinden könnte (wenn sie denn stattfinden könnte). An dieser Stelle fehlt das Analogon zum Klassenkollektiv. Würde man von der heutigen Publikationspraxis zu einem kollektiv fortgeschriebenen Wissens-Fundus, etwa nach dem Vorbild von Wikipedia wechseln, so würde man — ähnlich wie in der Schule — doch recht bald die Mitdiskutanden und Beiträger kennen- und einschätzen lernen.)

Glücklose Leute.

Ich hoffe, ich bin wirklich klar verstanden, dass unsere Entscheidungen zwar notwendig sind, aber selbst nichts Notwendiges bezeichnen. Das war mir sehr angelegen. Dass also wir keineswegs die objektiv vorhandenen Eigenschaften eines Bewerbers „gemessen“ haben, wenn wir uns für oder gegen ihn entscheiden. Dass wir in dieser Entscheidung lediglich unserem Hoffen einen gültigen Ausdruck verleihen und dass wir uns auch gewaltig geirrt haben können (ja immer mal irren müssen, um überhaupt in der Lage zu sein, lebenskomplexen Problemen zu begegnen). Dass, mit anderen Worten, weder Personaler noch Bewerbling wähnen, mit der Entscheidung etwas über eine objektiv meßbare Eigenschaft des Bewerblings ausgesagt zu haben. Ein solches Urteil selbst mag objektiv gelten, nicht aber gilt objektiv, was es auszudrücken scheint. Das ist wichtig. Es nimmt sich der Bewerbling eine Ablehnung ja oft sehr zu Herzen.

Dabei ist von vornherein klar (wir schliessen den Kreis), dass es immer Abgelehnte und Ausgeschlossene geben wird. In Deutschland sind es derzeit, wie eingangs erwähnt, ca. drei Millionen Arbeitslose (und das ist, angesichts der fingerdicken Schminke, die man auf diese Statistiken zu legen pflegt, vermutlich noch gewaltig untertrieben (ich sage nur Niedriglohnsektor, Leiharbeit etc.)) Es wäre einfach eine verkehrte, auf den Kopf gestellte Welt, anzunehmen, dass mit diesen Leuten die weniger Begabten, weniger Befähigten & Geeigneten der Gesellschaft heraus gesiebt worden seien. Im Gegenteil: Die Gesellschaft hat (in ihrer jetzigen Form) von vornherein beschlossen, dass sie einen substantiellen Anteil ihrer Mitglieder aussortieren wird. Es gibt diesen Witz, wo ein Weltkonzern eine hoch dotierte Stelle ausschreibt und der Konzernboss dann die Hälfte aller Bewerbungsmappen ungesehen und mit der Bemerkung in den Papierkorb wirft: „Ich arbeite nicht gern mit glücklosen Leuten zusammen.“ — Das ist der Mechanismus: Die Arbeitslosen gelten als Underachiever, weil sie aussortiert wurden, nicht umgekehrt. Und sie wurden aussortiert, weil es einmal nicht genügend Plätze für jeden gibt. Nicht annähernd genug.

Nun wir aber Kenntnis zumindest vom Vorhandensein lebenskomplexer Probleme haben, schwant uns, dass wir eigentlich gar nichts über tatsächliche Eignung der Ausgesiebten wissen. Mag sein, es scheint den Personalern, dass sie nach objektiven Kriterien ausgewählt hätten. Sicher, sie können ihre Richtlinien herbeten. Sie können Gründe weisen. Tatsächlich sind diese Gründe nur der Versuch, ihrem heillosen Raten den Anstrich eines seriösen Meßverfahrens zu geben. In Wirklichkeit ist das alles aus der Luft gegriffen; in Wirklichkeit mussten sie nur irgendwie entscheiden.

Diese Entscheidung kehrt sich dann in der Wahrnehmung um: Wenn das kumulierte Resultat aller Entscheidungen offenbar dahin lautet, dass drei Millionen draussen bleiben müssen, dann steht das als Fakt im Raume; dann müssen das wohl die Schlechten, die Unbegabten, die Untüchtigen sein; dann wendet das Heer der Abgewiesenen dieses Urteil schliesslich gegen sich selbst; dann regrediert die Gesellschaft im Sinn und in der Mechanik einer selbsterfüllenden Prophezeiung; dann vollendet sich eigentlich nur, was im Formulieren des Bewerbungsschreibens schon seinen Ausgang nahm: Dass nämlich der Bewerbling sich selbst, seine Würde und seine — gesellschaftlich und selbst im Arbeitsprozess — doch so wichtigen Qualitäten ganz und gar verliert.

Ich halte das für einen tragischen Vorgang. Menschen, die unter ihren Möglichkeiten bleiben, sind immer tragische Gestalten. Gesellschaften, die solche Tragik befördern, wo nicht verstärken, sind grundlegend verbesserungsbedürftig. Und so sind wir denn, hergeleitet vielleicht bloß durch ein paar ungelenke Bewerbungssätze und Sprachhäßlichkeiten; durch eine geheime Bangigkeit vielleicht; durch ein minimales Unwohlsein, das eben das Abfassen und Lesen von Bewerbungen immer schon begleitet hat, unversehens an eigenartig kühne, wo nicht gar umstürzlerische und halsbrecherische Gedanken gelangt, mit denen den liebgewonnenen Leser allein zu lassen ich mir an dieser fortgeschrittenen Stelle erlaube.

stets_zu_unser_vollsten3aLübeck, im November 2016

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