Bekenntnisse

Imo, zum Ende Ihrer drei Leben

Trauerrede für Ingeborg Syllm-Rapoport, gehalten am 12. Mai 2017 auf dem Berliner Friedhof „Pankow III“

Zahlen kann ich mir besser merken, als Namen. Früher, als man Telephonnummern noch nicht im Handy speichern konnte, war das nützlich. Heute ist es ein verkümmertes Talent für das ich keine Verwendung mehr habe. Von allen Nummern, die ich einst wusste, kenne ich nurmehr eine: 4 7 7 4 3 6 6, die Nummer unserer Imo. Und nun ist auch diese Nummer nutzlos geworden. Ich brauche sie nicht mehr; niemand wird sie je noch brauchen. Unsere Imo ist gestorben.

Von Opa, ihrem Mitja, schrieb ich, als er starb, er wäre mein Leuchtturm gewesen. Nun über Imo zu sagen, sie sei die dazu gehörige Leuchttürmin, wäre eine Untertreibung. Opa hat, wenn man will, meine Weltsicht geschaffen; Imo aber meine Welt. Von ihr habe ich nicht nur eine Art, sie anzusehen und aufzufassen. Von ihr kommt, was ich der Welt an Schönheit, Tiefe und Heiterkeit abgewinnen kann.

Und das verlangte sie auch immer zu wissen, davon ließ sie sich regelmässig berichten. Am Telephon, 4774366, jedes Wochenende. Bei ihr liefen alle Fäden zusammen; die der Familie, und die des Lebens überhaupt. Bis jetzt.

Ich glaube, fast jeder der Anwesenden hat diese Erinnerung an sie. Fast jeder hier kennt diese Nummer noch.

Die meisten Menschen sehen die Welt mit den Augen an. Wissenschaftler verwenden auch Mikroskope oder Teleskope; und Imo benutzte das Telephon. Und alle riefen an. Imo hing immerfort am Hörer; und wir an ihr. Sie lud sich die Sorgen eines jeden auf. Sie liess sich Bücher empfehlen oder Reisebrichte erstatten. Wenn jemand schwanger wurde, wusste sie es eher, als die Schwangere. Wenn jemand traurig war, legte der mit Zuversicht wieder auf. Wenn jemand oberflächlich war, schämte er sich nach dem Telephonat ein bisschen. Wenn jemand Rat brauchte, bekam er einen und wenn jemand krank war, fand er Behandlung und Trost.

Vor allem aber hatte jeder nach einem Imo-Telephonat das Gefühl einer besonderen Begegnung; einer Begegnung, die substantiell war und bei der es nie um Nebensächliches ging. Es war etwas Besonderes, mit ihr zu reden. Sie war besonders.

Ich bin sicher, viele hier kennen dieses Gefühl von Imos Besonderheit; die Kinder und die Schwiegerkinder, die Enkel, die Urenkel, die Freunde und alle, die heute hier sind. Und die Frage lautet natürlich, was sie besonders machte? Was macht die Bedeutsamkeit ihres Lebens?

War es ihre hellhörige Neugier, die immerfort an tieferen Gründen interessiert war? War es ihr Mitgefühl, ihre Warmherzigkeit, ihre Empathie? War es ihre Ehrlichkeit, ihr Drang zum Aufrichtig- und Anständigsein? War es, dass sie nie langweilig war und das Lanweilende auch immer mied? War es, wie sie verstand, sich ihrem Gegenüber voller Zuneigung und Liebe und Sorge zuzuwenden? War es, dass sie stets im Augenblick anwesend, präsent, stets da, stets aufmerksam und gegenwärtig war?

Gewiss. All das. All das war sie und mehr; denn da ist noch etwas Größeres: Mir kommt es vor, als wäre mit Imos Leben eine ganze Epoche zu Ende gegangen. Etwas Altes, etwas anrührend Antiquirtes; etwas, das uns unmerklich fremd geworden ist und nur durch sie noch einen letzten Fühler in unsere Zeit gestreckt hat.

Aber was? Wieso habe ich — und ich glaube, die meisten hier wissen, was ich meine — wieso habe ich das unabwendbare Empfinden, dass wir nicht nur Imos Tod, sondern das letzte Hinabsinken einer Epoche beweinen? Welche Epoche sollte das sein?

Am nächsten läge wohl, zu sagen, es wäre die Epoche der Kommunisten. Oder, allgemeiner, die der großen humanistischen Ideale überhaupt. Denn der Kommunismus war ja für Imo eine Art, den Humanismus zu organisieren. Die Kommunisten hatten für sie — wie auch für Mitja — den großen Zauber, es nicht bei frommen Wünschen belassen zu wollen. Und, neben dem ganz handgreiflichen Vorzug, die Faschisten zu bekämpfen, glaubten die Kommunisten, eine wissenschaftliche Theorie für die Einrichtung des Humanismus zu besitzen. Und welcher anständige Mensch, sintemal Wissenschaftler, hätte da widerstehen können?

Endigt sich deren Epoche nun? Ich glaube nicht. Sicher, die Kommunisten haben seit dem Zerfall der sozialistischen Staaten ihren politischen Einfluß verloren und manche vielleicht auch ihre Zuversicht. Aber die Idee einer besseren Gesellschaft wirkt ja doch unvermindert fort. Einer Gesellschaft, in der nicht nur die Reichtümer gerechter verteilt sind, sondern in der alle Menschen unersehen ihrer Leistung etwas gelten; in der sie sich entfalten und an der sie mitwirken können. Diese Ideale sind in der Welt, spätestens seit der französischen Revolution, und sie suchen weiter nach Formen, wie sie organisiert und ins Werk gesetzt werden können.

Gut. Aber welche Epoche, wenn also nicht die der großen humanistischen Ideale, ist es, die zu Ende geht? Jeder, der Imo genkannt hat, und ihre Leidenschaft für die Kunst — für Musik, die ihr von ihrer Mutter mitgegeben war und vor allem ihre Begeisterung für Literatur — jeder wird mir beifallen, dass es das Zeitalter war, in der die Menschen ihre Ideale der Kunst entnahmen.

Ich datiere den Anfang dieser Era auf die Renaissance und ihr Ende auf den Niedergang der sozialistischen Staaten. Nachdem die Kirche abgedankt hatte, sprang die Kunst ein und lieferte neue, irdischere Ideale.

Ideale, das sind Landmarken, helle Gestirne, anhand derer man sein Leben und seine Haltungen ausrichtet. Die unbedingte Anständigkeit eines Jean Valjean in Hugos „Die Elenden“ zum Beispiel. Oder die lebenslange Erkenntnislust des Heinrich Faust. Die Aufforderung, das Leid der Geknechteten nicht zu übersehen in Repins „Wolgatreidlern“. Die Unbeugsamkeit, die aus Schostakowitsch’s 7. Symphonie klingt. Die kindliche Kraft zur Verwunderung, wie sie Fürst Myschkin oder Alexej Karamasow hatten. Und so weiter. Das waren die Leitsterne unserer Imo.

Und: Das war 400 Jahre lang die Sphäre, der die Menschen ihre Ideale entnahmen. Die Sphäre der Kunst, der nun, in unserer Zeit, begonnen wurde, andere Funktionen zuzuweisen. Die Ideale sind deshalb aber nicht tot, aber sie kommen nun woanders her. Aus der Wissenschaft vielleicht oder aus der Politik. Oder: Aus dem beispielhaften Leben eines Menschen(!).

Vielleicht sind diese heutigen Ideale nicht mehr so rein und so wenig ambivalent; sie sind nicht mehr so überhöht und nicht mehr so perfekt; sie sind wohl, mit einem Wort, kleiner geworden.

Man musste diese Gestalten und Kunstwerke gar nicht kennen, um ihr Wirken in Imo zu erspüren. Wer mit Imo umging — und sei es nur am Telephon — der empfand dieses Wirken. Es äusserte sich nicht allein als Kunstinteresse, obwohl auch das in ihr war: Einmal hatte sie vergessen, dass sie am Abend noch Karten für die Oper hatte. Da ging sie dann in Trainingshosen hin. Auch Mitja billigte es mit der milden Ermahnung „Mach das nicht nochmal!“ — So wichtig war den beiden die Kunst.

Doch natürlich wirkten die Kunstideale weit darüber hinaus. Man spürte es an Imo als seltsame Mischung von Vertrautheit und Fremdheit; manchmal sogar Weltfremdheit. Oder es erschien es als eine Art Altmodischkeit oder Naivität. Und dann aber auch als eine gewisse Aufrichtigkeit, als ein wunderbarer Optimismus und als ein Pflichtgefühl gegen die Geschichte.

Und? War das altmodisch? War es weltfremd oder weltzugewandt? Sind solche Ideale unmenschlich, oder doch vielmehr: menschlich? Wenn behauptet wird, sie wären überlebensgroß, ist gemeint, sie wären zu groß für das Leben; oder groß genug, um ein Leben zu überleben?

Verhält es sich tatsächlich so, dass die Epoche der Kunstideale niedergeht? Geht überhaupt eine Epoche je nieder? Oder werden sie nicht vielmehr im Anfolgenden aufgehoben?

Ich meine Imos Tod macht uns, die wir hier stehen, zu jenen, in denen ihr Leben aufgehoben wird; fast scheint es da selbst, wie ein Kunstwerk. Imo wird in allen aufgehoben sein, die Ihrer denken. Und in allen, die in der Kunst mehr sehen, als bloße Unterhaltung. Und in allen, die den Mut zu überlebensgroßen Idealen fassen. Und in allen, die sich weiter mühen, den Humanismus auf Erden zu organisieren. Und in allen, die dafür nicht erst auf das Eintreffen idealer Bedingungen warten, sondern jetzt und hier und im Weiteren das Ihre tun. Und in allen, denen es wie ihr gelingt, die matten Farben der Wirklichkeit und des Alltags zu den — vielleicht unwirklicheren, aber leuchtenderen — Farben des Regenbogens zu sublimieren; und sei es für die Dauer eines Telephonats.

Das Leben hört nicht auf. Die Sonne geht jeden Tag auf und das Chlorophyll spaltet Wasser und der Mensch, wenn es ihm nicht gerade um die Ohren fliegt, das Atom. Manche Zahlen bedeuten nichts und andere ein Universum.

Niemand muss sich Imos Telephonnummer merken. Was wir uns merken und wovon wir berichten wollen, das sind ihr Wesen und ihre Besonderheit. Dann können wir selbst vielleicht zu tief-schönen, tief-ernsten, tief-heiteren und tief-wahren Lebensmomenten gelangen; dann zieht uns das ewig Weibliche hinan.

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