Arbeit, Nachdenklichkeiten, Welterklärungen, Zehnte Klasse Leistungsstufe

Bewerbungen und andere verpasste Chancen: Über die Messbarkeit von Qualitäten.

Geleit

Lieber Leser,

der folgende Aufsatz handelt vordergründig von Bewerbungen. Tatsächlich ist er jedoch nur als erster einer Reihe von Aufsätzen konzipiert, in denen ich einige bemerkenswerte Zusammenhänge zwischen Arbeit und Lebenssinn an Tag bringen möchte. „Bemerkenswert“ nenne ich diese Zusammenhänge, weil sie zwar im Wortsinn „des Bemerkens wert“ sind und dann aber meistenteils unbemerkt bleiben, obwohl sie sich direkt vor unseren Augen abspielen. Der Aufsatz über Bewerbungen ist als Einstieg in das Thema gedacht. Tatsächlich soll das Bewerbungsproblem, so ernst es mitunter ist, nur Anlass sein, um zu tiefer liegenden Fragen vorzudringen. Als da fast von selbst sich stellen: Ob man Qualität messen kann? Warum manche Menschen Arbeit als Mittel zur Selbstverwirklichung ansehen, während andere sie als Geißel empfinden, die sie von der Selbstverwirklichung abhält? Will der Mensch arbeiten oder will er faulenzen? Kann Arbeit Lebenssinn stiften? Was geschieht mit Arbeit, wenn Maschinen und Computer sie verrichten; bleibt es Arbeit? Machen wir uns überflüssig? Wenn der Großteil der Menschheit in absehbarer Zeit zur Wertschöpfung nicht mehr benötigt wird, wie soll er leben und wovon? Und letztlich immer wieder: Was ist Arbeit eigentlich? —

Dieser Aufsatz ist in einer dreigeteilten Vorabversion schon bei den Kolumnisten veröffentlicht worden. Die vorliegende Fassung wurde besonders in den letzten Kapiteln überarbeitet, um die zugrunde liegenden philosophischen Gedanken etwas deutlicher heraus zu arbeiten. Mein Dank gilt meinem Freund und Hirnteiler Felix Bartels.

Bewerbungen und andere verpasste Chancen: Über die Messbarkeit von Qualitäten.

Peter Beurton gewidmet

Wenn…

Sprache, brech ich einmal los, Sprache ist das Fieberthermometer der Gesellschaft. Sprachgnostiker wie Karl Kraus oder Victor Klemperer hätten das gewiss schöner formuliert, aber den Gedanken selbst vermutlich nicht getadelt. Wo Sprache munter fließt und plätschert, wo sie schöpft und geschöpft wird, wo Wörter erlösen und erlöst werden, da mag wohl alles seine rechte Ordnung haben. Wo Sprache aber notorisch überhitzt oder unterkühlt, oder, fataler noch, beides zugleich ist, da zeigt sie eine weiche Stelle an, eine Maladheit der Gesellschaft und manchmal sogar eine Seuche. Die Fünfwortsprache der Millitärs beispielsweise; oder offizielle Sprachregelungen, wie die gegenwärtigen Streits um Vokabeln wie „Völkermord“ oder „Unrechtsstaat“; das chronisch zur Hysterie überhitzte Zeitungsdeutsch; manch ein elend wortkarger Soziolekt — das sind so Fieberflecken der Sprache, die man kennt. Da offenbaren sich am Sprachgebrauch tiefer liegende Konflikte; da entdeckt sich in Tonfall, Vokabular und Diktion eine Irrheit, eine Deformation, eine Schwachheit der Gesellschaft. Von so einer Stelle will ich handeln. Von einer Stelle mit gleichzeitig entzündetem und verkühltem Sprachgebrauch; einer Stelle, an der Eintönigkeit und Häßlichkeit des Vokabulars unbedingt auf tiefer liegendes verweisen; einer Stelle, der ich in den letzten Jahren immer wieder begegnet bin. Die Rede geht von Bewerbungs- und Empfehlungsschreiben.

Wenn wahr ist, dass Bewerbungs- und Empfehlungsschreiben die Vorzüge eines Menschen unterstreichen sollen (wo nicht sogar ein bisschen erfinden dürfen); und ferner wahr, dass die Vokabeln und Sätze der Bewerbungs- und Empfehlungsbriefe zu eben diesem Behuf mit Bedacht und Sorgfalt, ja nachgerade unter schweren Formulierungsmühen gewählt werden; wenn also in derlei Schaffensfrüchten die besten Kräfte darauf gewandt werden, die besten Seiten eines Menschen auf die beste Weise zu hervorzukehren, dann… ja, dann Stirbwohl, dann gute Nacht, dann Licht aus & Klappe zu; dann trägt das Abendland seinen Namen ganz zu recht, dann sind in ihm nur tumbe Nachtjacken und keine Hoffnung, dann ist der Untergang besiegelt und das Elend unermesslich.

…Dann

Dann wären wir umgeben von phrasenbleichen, mißschaffenen Geschöpfen, die ein hohltönendes Leistungssprech absonderten; dann hausten hierorts nur noch bestürzend unsympatische und dabei gleichförmige Masken, die mit hölzerner Sprache von ihrer seelischen Ödnis kündeten; Menschenlarven, in denen kein Funken Leidenschaft oder Lebensmut glömme; die sich „von Klein auf begeistert“ haben, „motiviert“ sind, ihre künftige Arbeitsstelle „spannend“ finden und so weiter. Und empfohlen würden diese armen Kreaturen durch ebenso kraftlose Zeilen, in denen beurkundet wird, sie hätten sich „stets zur vollsten Zufriedenheit“ und zwar bei „Kollegen und Vorgesetzten gleichermassen“ und man könne sich bei weiteren Fragen _„gern wenden“_… — Und wie ich wende!, nämlich das Blatt und mich und vor allem mit Grausen! —

Jedes Elend hat seinen Grund und so auch dieses. An der Oberfläche ist es eben der Arbeitsmarkt mit seinen Gepflogenheiten und seiner eigentümlichen Sprechart. Man solle, heißt es, das Bewerbungsdeutsch als eine Art Latein ansehen; als eine Chiffre, etwa für die Kopfnoten des Zeugnisses (Fleiss, Disziplin, Ordnung & Mitarbeit). — „Kopfnoten“ ist gut! Wenig kam mir je so kopfverächtend, wo nicht kopfverderbend vor, wie diese vier apokalyptischen Noten.

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Welterklärungen, Zehnte Klasse Leistungsstufe

Verblödung durch Drüberreden. Anmerkungen, Rechtfertigungen, Weiterungen.

Mich ereilte Kritik.

Mich ereilte Kritik. Ein Glück! Sonst wäre der Aufsatz jetzt zu Ende und ich müsste die Spülmaschine ausräumen. So kann ich das Geschirr leise rotten lassen und weiter schreiben. Das Ende ist das schönste Ende, nach dem es immer weiter geht. Ich bitte dann, selbstredend, um Kritik zur Kritik!

Na gut. Im Folgenden soll ein paar Einwänden entgegnet, einige Verdeutlichungen vorgenommen, einige Implikationen ausgeführt werden. Das Ganze soll nicht aus den Nähten platzen, aber doch im Mindesten drei Punkte verklaren: Erstens, die Frage, ob Stereotype vielleicht aus thesenökonomischen Gründen gebildet werden. Zweitens möchte ich den Einwand entkräften, meine Ideen würden allzusehr Handeln gegen Wahrnehmen setzen. Und drittens will ich ein paar heikle philosophische Implikationen der Idee skizzieren, dass Reden stets auch Sozialisationshandlung sei.

Sind Stereotype thesenökonomisch sinnvoll?

Mein Freund Erhardt Barth ist ein kluger Mann und ein KI-Forscher. KI bedeutet künstliche Intelligenz. Er hat einen guten Einwand gebracht; ob es ein Einwand ist oder eine Weiterung soll im folgenden untersucht werden.

Erhardt wandte mir ein, dass Stereotype durchaus sinnvolle Wirklichkeitsmodelle sein können, wenn man sich nämlich gezwungen findet, aus den Erfahrungen weniger Einzelfälle eine Hypothese abzuleiten.

Nehmen wir einmal an, unser Hirn wäre eine Art Problemlösemaschine, deren Funktion (zumindest zum Teil) darin bestünde, Hypothesen über die Wirklichkeit herzustellen. Diese Hypothesen sollen der Bewältigung der Wirklichkeit dergestalt dienen, dass mit ihrer Hilfe halbwegs verlässliche Aussagen über künftig eintretende Szenarien möglich würden. (Nichts anderes ist eine Hypothese, als eine Funktion, die von einer endlichen Anzahl an Beispielereignissen auf weitere (im besten Fall alle) Ereignisse der selben Kategorie extrapoliert.)

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Irgendwas mit Stammzellen, Welterklärungen, Zehnte Klasse Leistungsstufe

Wie ich eine ZEISS-Caster baute.

Röntgenmikroskope zu Stromgitarren! Eine reich bebilderte Homestory.

And now for something completely different: Gitarre bauen kann sehr viel cooler sein, als Gitarre spielen. Besonders, wenn man, wie ich, eher mittelgut spielt. Dann flüchtet man gern mal in die Metaebenen der Virtuosität.

Die unterste Metaebene ist das Bescheidwissen über Gitarren. Wobei man dann wieder unterscheiden muss zwischen dem absichtsvoll verdummenden Geschwätz von Gazetten wie “Gitarre und Bass” etc, und den Wissenshalden, die in Werken wie Zollners “Physik der Elektrogitarre” zusammen getragen wurden.

Irgendwo zwischen der Unbedarftheit der Prospekt-Gläubigen und den kunstfernen Kenntnissen der Physiker liegt das Halbwissen der Hobby-Gitarrenbauer und Self-made-Technicians. Damit ist die Höhenlage dieser Homestory abgesteckt. Nicht die hohen Gippel sind das Ziel. Es wird ein Spaziergang durchs Mittelgebirge. Aber seinen Anfang nimmt unser Ausflug im Tal. Ich möchte, will das meinen, mit einer lang schon fälligen Stänkerey gegen Paula beginnen.

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